Der Hirsch und das Brandmal
Die Nacht in der Herberge von Drachenzwinge verging viel zu schnell und die Morgensonne schob schon nach kurzer Zeit wieder ihre Kreise am Himmel. Der Tag versprach zwar kalt zu werden, starken Schneefall sollte es aber nicht geben.
In der Herberge trafen sich alle Weggefährten außer Leudara am Frühstückstisch. Die Rondrageweihte hatte die Nacht bei Ugdalf Feuerfall von Irebold im Rondra-Tempel verbracht und war deshalb nicht dabei.
Über dem einfachen Frühstück hinweg besprachen alle anwesenden das weitere Vorgehen. Mehrere Ortskundige hatten die Gruppe am Vortag gewarnt, nicht mit der Kaleschka weiterzufahren, eine Warnung der auch Marija nur zustimmen konnte. Eine Kaleschka kann abseits der Straße in dieser Gegend nicht wirklich fahren und da sich der Honigtopf, laut Tuminka, noch eineinhalb Tage in südwestlicher Richtung befindet, sollten Straßen bald keine Option mehr sein.Die Gruppe beschloss darauf hin zu Fuß weiterzugehen. Marija und Olko würde in Drachenzwinge auf unsere Rückkehr warten.
Nach dem stärkenden Frühstück packten wir unsere Ausrüstung zusammen und holten die Rondrageweihte vom Tempel ab.
Die Reisegruppe folgte dem Straßenverlauf in Richtung Südwesten. Am späten Nachmittag gab es dann eine „Einkehr“ auf einem der speziellen Rastplätze der Norbraden, um dort das Nachtlager aufzuschlagen. Nach dem üblichen Procedere wurden alles aufgebaut und die Wache für die Nacht bestimmt. Die ersten Wache übernahmen Gieselhold gefolgt von Gamrik. Als dieser von Geron abgelöst wurde ging er direkt zu seinem Schlafplatz.
Gamrik freute sich schon auf einen erholsamen schlaf. Eingepackt in seinen warmen Schlafsack wurden die Augenlider immer schwerer. In der Ferne konnte er noch das Blöcken eines Waldtieres hören. Kurz bevor er hinabgleiten konnte in das Tal seiner Träume vernahm er noch ein lautes Geräusch. Das Blöcken war plötzlich ganz in seiner nähe. Diese Nähe ließ Gamrik sofort aufschrecken. Er bemerkte, dass er nicht mehr am Lagerplatz war, sondern mitten im Wald. Sein Kopf fühlte sich unglaublich schwer an, irgendjemand musste ihm etwas auf den Kopf gesetzt haben. Leider konnte er nicht nach dem Gegenstand greifen, da er auch keine Arme mehr hatte. Leise, mit seinen vier Füßen hin und herbewegend, erfasste Gamrik die Situation. Er spürte, dass er verfolgt wurde und der Wald schien ihn mit verlockendem Geflüster zu rufen. Es gab nur eine Möglichkeit zu überleben er musste der Verlockung widerstehen. Er rannte so schnell es ihn seine Paarhufe erlaubten aus dem Wald. Seine Verfolger schienen aber immer noch in seiner nähe zu sein, darum nahm der allen Mut zusammen und sprang über den Fluss. Zumindest versuchte er es, aber das rettende Ufer war zu weit entfernt und er landete im Wasser. Die klirrende Kälte ließ langsam seinen Körper starren. Er versuchte ans Ufer zu schwimmen, doch sein kalter Körper gehorchte ihm nicht mehr. Das Wasser schien ihn mit einer starken Kraft nach unten zu ziehen und immer mehr davon kam in seine Lungen. Er konnte nicht mehr atmen, seien Lungen brannten, sehnten sich nach Luft. Es geht nicht mehr, er muss atmen, jetzt! Als das kalte Wasser in seine Lungen strömte, schrak Gamrik plötzlich von seinem Schlafplatz auf. „Es war alles nur ein Traum“ stellte er erleichtert fest. Der blöckende Hirsch war in der ferne noch die ganze Nacht zu hören.
Am nächsten Morgen hatte Tuminka gute Nachrichten für uns. Der Honigtopf ist jetzt nur noch eine Tagesreise in Südwestlicher Richtung von uns entfernt. So ermutigt packten wir unsere Sachen und versuchten einen Weg über den Fluss zu finden. In der Nähe des Lagerplatzes fanden wir einem Hirsch im Wasser. Das arme Tier schien in der vorherigen Nacht im Wasser ertrunken zu sein. Auch wenn es schade um das majestätische Tier war, so war es doch auch eine Warnung für uns die Elemente in dieser Gegend nicht zu unterschätzen. Die Kälte konnte auch uns holen, wenn wir unvorsichtig werden.
Nach einem halben Tagesmarsch konnten wir auf unserer Strecke in ca. 500 Schritt Entfernung ein einsames Pferd wahrnehmen. Dieser Stand neben einem Hügel aus dem eine Rauchwolke aufstieg.
Vorsichtig näherten wir uns der Schneeanhäufung. Sehr schnell wurde ersichtlich, dass der Hügel eine mit Schnee gedeckte umgefallene Kaleschka war. Gieselhold der sich die Situation einmal näher angesehen hatte, berichtete uns von einer Stimme die aus der Kaleschka kommen würde. Gamrik vermutete das dies der Wagen von Aljey Ragaschoff sein könnte.
Vorsichtig näherte sich die Gruppe dem Wrack. Als wir noch ca. 20 Schritt entfernt waren, wurden wir wahrgenommen. Aus der Kaleschka blickte uns Ragaschoff entgegen. Hocherfreut über diese unerwartete Begegnung kletterte er aus seiner Kutsche und lief uns entgegen. Bevor Ragaschoff aber etwas sagen konnte, verkündete Gieselhold laut das der Händler wegen seiner Missetaten ins Gefängnis gehörte. Dies lies Leudara hellhörig werden und da ihr die Geschichten um Ragaschoff von uns und Ugdalf bekannt waren, zog sie den richtigen Schluss um wen es sich hier handelt. Mit gezogener Waffe und einer Stimme die weder Zweifel noch Barmherzigkeit zeigte, trat Leudara Ragaschoff entgegen. Als Geistliche Instanz war es ihre Aufgabe das dämonische Treiben von Ragaschoff hier und jetzt aufzuklären und so nahm wir den Händler erst mal fest.
Um die Anschuldigungen untermauern zu können ließ sie uns den Wagen untersuchen. Es stellte sich heraus, dass der Wagen – abgesehen von üblichen Reiseutensilien wie Decken, Planen etc. – bis auf zwei Sägen, einer Pfeife und einer Holzfigur komplett leer war. Nach kurzer Prüfung konnte Leudara eindeutig feststellen, dass es sich bei diesen Gegenständen um Artefakte mit dämonischer Energie handelt.
Ragaschoff wusste, dass für ihn diese Situation sehr schlecht aussah. Um die Dinge etwas ins rechte Licht zu rücken, beschloss er uns alles zu erzählen. Die Waren hatte er aus Yol-Gurmak bezogen und er schwor, dass er nichts von deren dämonischer Natur wusste. Eine glatte Lüge wie Gamrik durch seine Menschenkenntnis sofort erkennen konnte. Mit den Einnahmen aus dem Verkauf der Artefakte hatte er dann Honig und Alkohol erworben, welche er bei den hiesigen Goblins gegen Felle und rote Steine eintauschen wollte. Dieser Plan wurde aber von einem Troll durchkreuzt. Dieser hatte ihn am Vortag überfallen, um den Honig und Alkohol für sich zu beanspruchen. Dies ist auch der Grund, warum er noch hier ist. Beim Überfall wurde sein Wagen umgeworfen.
Gamrik der sich das Geständnis anhörte, wusste das der Handel mit gefährlichen Artefakten nach dem aktuellen Recht im Bornland mit mindestens einer Gefängnisstrafe geahndet werden würde. Die Umsetzung einer solchen Bestrafung konnte hier mitten im Nirgendwo jedoch nicht umgesetzt werden. Die Gruppe war bereits eineinhalb Tagesmärsche von Drachenzwinge entfernt und zurücklaufen würde den Goblins nur drei weitere Tage Vorsprung geben.
Leudara forderte deshalb, dass man ihn wie einen Dämonenbündler bestrafen sollte, obwohl eine gründliche Untersuchung ergab, dass er keinen Pakt eingegangen war. Die Bestrafung für ein solches Vergehen wäre die sofortige Hinrichtung, da eine solche Bestrafung bei weitem über dem Vergehen des Händlers liegen würde, versuchten die Anwesenden die Geweihte umzustimmen.
Nach mehreren Vorschlägen lies sich die Geweihte auf ein Brandmal als Bestrafung runter handeln, eine Bestrafung die Gerald widerstrebend ausführen „durfte“. Die vier Artefakte wurden durch eine Zeremonie zerstört und Ragaschoff konnte auf seinem Pferd davon reiten, wenn er wollte.