Pirat, Fee, Drachengraf und Väterchen Hosenlos (9. Peraine, 15:20 - 20:00 Uhr)

Der Glockenschlag zur 15. Stunde des 09. Peraine war bereits seit 20 Minuten verklungen, als Gieselhold in die Tiefe eines rußgeschwärzten Schachtes sprang – die Spur eines flüchtigen Zwerges folgend, dessen Motive ebenso verborgen lagen wie die Schatten unter Tage. Ohne Zögern stürzte Gerald hinterher. Die Finsternis des Kellers umschlang sie wie ein lebendiges Wesen. Geräusche krochen aus den Winkeln der Dunkelheit, und mit jedem Schritt durch das schwarze Herz des Gebäudes pochte das Ungewisse näher.

Spieler: Christian (GM), Christoph, Holger, Sascha (Berichterstatter)

Im modrigen Labyrinth trafen sich Gieselhold und Gerald wieder – Gieselhold war der Spur gefolgt, doch der Zwerg war ihm in den Schatten entschlüpft. Doch das Schicksal gab sich gnädig: Ein Treppenaufgang offenbarte sich, Licht schimmerte wie eine Verheißung. Als die beiden Gefährten den Treppenaufgang nutzten, stellten sie fest, das dieser in die ärmliche Wohnung eines Anwohners führte. In den Augen der Bewohner, welche von den Neuankömmlingen in ihrem Zuhause überrascht wurden, spiegelte sich Furcht. Als Gieselhold im Namen der Adelsmarschallin eine Laterne forderte, verweigerten sie ihm die Gabe nicht. Sie kehrten zurück in den Keller, die Laterne in Händen, und nun offenbarte sich das Unsichtbare: Fußspuren des Zwerges, ein Pfad hinaus in die Stadt, hinein ins verheerte Brandviertel.

Vor den Viertel trennten sich die Gefährten voneinander. Gieselhold, kühn und unbeirrbar, wagte den einsamen Weg, verborgen in den Schatten, in das Brandviertel. Gerald versuchte die anderen Gefährten zu finden und sie ins Brandviertel zu bringen.

Als Gerald am Platz der Weisen Rondra ankam, herrschte dort nur Stille – eine Stille voller Tod. Der Platz vor der Bühne war mit Leichen bedeckt, Männer und Frauen, gefallen in einem erbitterten Aufstand. Eine der Leichen trug eine Rüstung aus Silber, zerfetzte Drachenflügel – ein toter Graf! Das Schicksal schien Graf von Ask nicht gnädig gewesen zu sein. Als Gerald seinen Blick von den Leichen los Ries, fand er mehr als nur Tod: Die Überreste einer Trommel, mit vertrauten Symbolen auf dem Trommelfell. Die gleichen Zeichen wie auf der Trommel am weisen See. Er nahm sie an sich. Im Anschluss folgte er den Spuren der Leibwächter der Adelsmarschallin. Bald schon traf er auf Gamrik und Geron – so  vereint, zogen sie gemeinsam gen Brandviertel.

Gieselhold verfolgte die Spuren des Zwerges, in einer Ruine aus verkohltem Stein und verkrümmtem Eisen. Dort verlor sich die Spur des Zwerges erneut. Doch Gieselhold, dem keiner das Spurenlesen gleichtut, wartete auf seine Gefährten. Als es zur 16. Stunde schlug, waren die Gefährten wieder vereint. Zusammen schlichen sie sich hinein – und fanden eine Treppe, die tiefer führte. In dem finsteren Keller entbrannte Gerald die akquirierte Laterne erneut. Zwei Türen waren im Keller zu erkennen. Als sie sich für eine entschieden, erkannten sie das hinter der Türe ein Licht brannte. Gamrik öffnete die Pforte mit der Entschlossenheit eines Sturmbocks. Gieselhold stürmte voran.

Im Lichtschein stand ein Zwerg – sein Atem flach, seine Augen wach. Wie ein Schatten schnitt Gieselhold durch den Raum, presste den Dolch an die Kehle des Zwerges. Gamrik forderte Antworten – über das Schild und dessen verbleib. Der Zwerg leugnete alles. Doch Gerald durchschaute ihn.

Mit dem Blick eines Richters und der Stimme eines Bruders trat Gerald vor. Nicht Stahl, sondern Mitgefühl war seine Waffe. Er öffnete sein Herz, und durch die Kraft reiner Empathie durchbohrte er die Rüstung aus Schweigen und Lüge, bis der Zwerg, von der Last seiner Geheimnisse gebeugt, die Schatten aussprach, die er verborgen hatte.

Mit rauer Stimme gestand der Zwerg „Ich bin ein Mitglied der Ilmengarde – ein Söldner im Dienst des Hauses Ilmenstein. Mein Auftraggeber war Woltan selbst.“ Zehn Dukaten hatten gereicht, um ihn zu dieser Tat zu bringen. Für diese Summe hatte er das Schild, das so viel Blut und Tod gebracht hatte, an Woltan übergeben. Eine Summe die zugleich von Gieselhold beschlagnahmt wurde. Auf die Frage nach Woltans Verbleib antwortete der Zwerg mit zögerndem Blick: „Vielleicht... vielleicht ist er zurückgekehrt. Zum Haus der Ilmensteins.“

Gieselhold, der stets dem Flüstern der Straßen lauschte wollte Woltans Weg ergründen. Währenddessen nahmen Gamrik und Gerald den gefassten Zwerg, nun bloß ein gebrochener Mann zwischen Ränkespielen, und übergaben ihn der Stadtwache zur Aufbewahrung. Da Gamrik und Gerald keinen weiteren Anhaltspunkt hatten begaben sie sich zum Haus der von Ilmensteins.

Gieselhold, der Kundige der Gassen, wandte sich an die Schatten der Stadt. In dunklen Winkeln, zwischen flüsternden Mauern und staubigen Gassen, stellte er seine Fragen – nicht an Edle oder Gelehrte, sondern an jene, die alles sahen: die Kinder der Straße.

Und sie hatten ihn gesehen – Woltan, der sich in falscher Bescheidenheit zu tarnen versuchte, doch an seinem Gesicht, seiner Haltung, seinem Eifer war kein Zweifel: Die Kinder hatten ihn erkannt. Und sie, die Wächter des Verborgenen, führten Gieselhold zum Haus derer von Ilmenstein – einem Ort, an dem alle Fäden zusammenliefen.

Gamrik und Geralt gelangen an ihr Ziel. Es schlug gerade 17 Uhr als sie vor dem Haus Milljane von Flöten trafen, deren Haare zerzaust waren... vermutlich wegen des Windes. Sie schien vor kurzem noch Zeit mit einem der Söldner aus der Ilmengarde verbracht zu haben. Sie sagte uns „Ich musste schnell fort, – Woltan schrie Befehle, er will so schnell wie möglich aufbrechen! Sein Ziel ist Ischtan, sie scheinen unter einer Decke zu stecken“ Dann verabschiedete Sie sich schnell und lief davon.

Während sie sprach, schlich sich Gieselhold ungesehen um das Haus, suchte nach einem Weg hinein. Kein weiterer Ausgang, keine offene Tür – das Haus war verschlossen wie das Herz eines Verräters.

Die wiedervereinten Gefährten traten gemeinsam an den Eingang des Hauses Ilmenstein. Die Söldner der Ilmengarde stellten sich ihnen in den Weg, ihre Haltungen fest, die Hände an den Griffen ihrer Waffen. Doch Gamrik, mit der Ruhe eines Richters und der Stimme eines Heerführers, trat vor.„Woltan ist der Hauptverdächtige beim Anschlag von heute Nachmittag.“ Seine Worte schnitten durch Zweifel wie eine Klinge durch Nebel. Drei der Söldner senkten ihre Waffen. Doch sechs blieben – standhaft, loyal zu Woltan.

Dann kam er – Woltan, in der Hand ein Holzschild, im Gesicht die Hast eines Mannes, der weiß, dass seine Zeit zu Ende geht. Er wollte fliehen, schwang sich fast auf sein Pferd, als Gamrik erneut sprach, diesmal nicht mit Drohung, sondern mit Gold „Ein Dukat für jeden, der jetzt zurücktritt.“ Das Gewicht der Münze wog schwerer als jede Ehre – und einer nach dem anderen wichen die verbliebenen Söldner zurück. Woltan stand nun allein.

Im Namen der Adelsmarschallin nahmen die Gefährten ihn fest. Nicht mit Blut, sondern mit List und Recht. Er wurde zur Norburg gebracht, wo ihn der Hausarrest erwartete. Der Zwerg, dessen Geständnis den Stein ins Rollen brachte, folgte ihm – doch nicht in ein Zimmer, sondern tief hinab ins Verlies.

Während die Schatten der Dämmerung länger wurden und die 18. Stunde des Tages anbrach, nutzte Gieselhold die kostbare Zeit. In Woltans Taschen fand sich ein Zettel: „Für den Drachengrafen. Pojechali. Häute waren doch leichter aufzutreiben. Lasst trommeln. Der Pirat soll’s Maul halten, die Fee ist unsere Agentin. I.Q.“

Gieselhold trat vor Woltan und unterwarf ihn einem Verhör. Im Angesicht der Wahrheit, gepresst zwischen Gieselholds Fragen und der drohenden Gerechtigkeit, sprach Woltan schließlich: Der „Pirat“, so erklärte Woltan sei Mjesko Einhand, ein Flussschurke mit eigener Agenda. Die „Fee“ sei eine nur 15 Finger hohe, schwarze Gestalt, kaum sichtbar.

Gieselhold setzte sich auf seinen Stuhl und stellte seine Frage ruhig, aber bestimmt: „Seid ihr Mitglied des Korsmalsbundes?“. Woltan verneinte dies, mit eine Spur des Bedauerns in seiner Stimme. „Das Trommelfell, woher habt ihr es?“ fragte Gieselhold ohne auf die Emotionen von Woltan zu achten. „Das Trommelfell? Das hat mir Ischtan von Quelldunkel gegeben“ antwortete Woltan genervt. Gamrik warf darauf die Frage ein, wie die Trommel hergestellt wurde. „Ein Trommelfell muss man lediglich auf eine gekaufte Trommel aufspannen, fertig!“ antwortete Woltan arrogant.

Gieselhold musste Woltan zum reden animieren und so stellte er diese Frage mit einem Anklagendem Ton „Wie haben Sie den Anschlag geplant, Woltan? Was genau war Ihr Auftrag?“ Woltan hatte sich geschworen nicht allzu viele Details preis zugeben, doch unter der bedrückenden Stille kam er ins Grübeln. „Ich wusste nur, dass für eine Ablenkung gesorgt werden sollte“, begann er, seine Stimme etwas unsicher. „Der Diebstahl des Schildes sollte im Hintergrund stattfinden, während der Hauptfokus aller woanders legen sollte. Das war der gesamte Umfang meines Auftrags. Das Schild sollte ich an Ischtan von Quelldunkel übergeben. Dieser wollte auf meinem Weg nach Notmarkt zu mir stoßen.

Gerald ergänzte das Bild für seine Mitstreiter:

Ischtan von Quelldunkel

  • Ein Junker von zweifelhaftem Ruf und überschäumendem Ehrgeiz.
  • Dreimal kandidierte er für das Amt des Adelsmarschalls – dreimal vergebens. Zweimal blieb er der Abstimmung fern – aus Gründen, die im Nebel verloren gingen.
  • Er trat lautstark für die alten Rechte des Adels ein, gegen das aufstrebende Bürgertum der Pfeffersäcke.
  • Aufgrund seines mangelhaften Bartwuchses wird er oft als „Brüderchen Bartlos“ geneckt, und nach einem besonders entwürdigenden Zwischenfall hat er ebenfalls den Beinamen „Väterchen Hosenlos“ erhalten.

Mit „Ein Mann, der unterschätzt wird “ beendete Gerald seine Erklärung.

Gieselhold nickte langsam und studierte die Mimik des Gefangenen. „Und die Sache mit dem Trommelritual? Das Massaker welches durch diese Trommel ausgelöst wurde, hat vielen Leuten, auch euren Freund Graf Wahnfried von Ask, das Leben gekostet.“

Woltan blinzelte verwirrt. „Trommelritual? Ich weiß davon nichts. Für die Ablenkung war ich nicht zuständig und Wahnfried hat nur das bekommen, was ihm gebührt. Er war ein Lügner, sein Plan den Korsmalsbund durch Tricksereien und Unwahrheiten zu schaden war unehrenhaft. Sein Tod ist nur die Konsequenz dieses Verhaltens.

Kurz vor der 20. Stunde des Abends entsandt Gerald einen Diener zum Stadttor, um die bestellten Schweine in Empfang zu nehmen. Genau zu diesem Zeitpunkt kam die Adelsmarschallin an der Norburg an.

Das Treffen mit ihr fand in einem separaten Zimmer statt. Die Gefährten traten vor sie und berichteten ihr alles, was sie bisher herausgefunden hatten. Dann sprach sie – mit einer Stimme wie ein Hornstoß vor der Schlacht: „So sei es. Wir rufen zu den Waffen. Der Kampf gegen den Korsmalsbund beginnt. Eine Armee wird aufgestellt“.

Gefolgt wurde dieser Ausruf von einer Frage die die Zukunft der Gefährten verändern konnte: „Welche Aufgabe werdet ihr übernehmen beim Aufbau dieser Armee?“