Über die Felsen, zur Ehre (20. Ingerimm 05:00 – 20. Ingerimm 10:00 Uhr)
Die Verhandlungen im Vorfeld des Ehrenduells wurden von den Sekundanten geführt.
Für Junker Ischtan von Quelldunkel und Junker Oswin von Treie traten deren Knappen Geertja Schorkin sowie Elmjescha Miljes als Vertreter auf. Für Geron und Gieselhold übernahmen Gerald und Gamrik dieses schwierige und verantwortungsvolle Amt.
Spieler: Udo, Holger, Christoph (Berichterstatter), Sascha, Christian (GM)
Bevor über die Rahmenbedingungen des Duells verhandelt wurde, legten die Helden ausdrücklich fest, dass der Kampf nach den Ehrenduellregeln der Göttin Rondra stattfinden solle: zwei getrennte Duelle, jeweils eins gegen eins, bis zum zweiten Blut. Die beiden Sieger sollten anschließend gegeneinander antreten, um den Gesamtsieg des Ehrenduells auszukämpfen.
Zudem wurde vereinbart, dass die siegreiche Partei den Unterlegenen freien Abzug gewährt. Beide Seiten verpflichteten sich, in den folgenden zwei Tagen keinerlei Angriffe gegeneinander zu führen – ebenso wenig innerhalb eines Gebietes von zwei Tagesreisen rund um den Ort des Duells. Die Parteien sollten außerdem, soweit ihnen möglich, auch ihre Verbündeten zur Einhaltung dieser Abmachung anhalten.
Die Sieger erhielten das Recht auf Plünderung all dessen, was sich in der Höhle befand. Sollten bereits Gegenstände entfernt worden sein, hatten die Verlierer diese zurückzugeben.
Die Knappen erinnerten die Helden daran, dass es ihre Pflicht sei, den genauen Ort des Duells festzulegen, da sie die Herausforderung ausgesprochen hatten. Knappe Elmjescha Miljes fragte daher die Sekundanten der Helden, ob das Duell direkt vor der Höhle stattfinden solle. Zwar sei das Tal nach den Regeln Rondras eigentlich zu klein, man könne dies aber ausnahmsweise akzeptieren.
Nach längerem Hin und Her – und dem für die Helden typischen Zanken, Zetern und Zögern – beschlossen Gerald und Gieselhold schließlich spontan, das Duell in der Höhle auszutragen, obwohl dort noch weniger Platz war. Die Sekundanten der beiden Junker waren entsetzt über das unentschlossene Verhalten der Helden, akzeptierten den Ort aber schließlich, offenbar genervt und entschlossen, die Verhandlungen endlich abzuschließen.
Damit stand fest: Das Duell würde in der Höhle stattfinden – einem heiligen Ort, der sowohl von Rondra-Gläubigen als auch von Goblins und Norbarden verehrt wurde. Letzteres war den beiden Korsmal-Bündlern allerdings wohl gleichgültig.
Die Duellanten wurden darüber informiert, dass der Kampf unbewaffnet und ohne Rüstung stattfinden würde. Der Einsatz von Magie oder sonstigen Hilfsmitteln galt als schwere Ehrverletzung und würde den sofortigen Verlust des Duells bedeuten. Nur göttlicher Segen war erlaubt.
Das Ehrenduell begann im dämmrigen Licht der Höhle unter den wachsamen Blicken aller Anwesenden, während draußen die Sonne aufging. Es ging nicht nur um Ehre, sondern auch um die legendären Schwerter des Nordens – einen bedeutenden historischen Fund mit erheblichem machtpolitischem Potenzial für das Bornland.
Der Verlauf war für die Helden ungünstig: Der muskelbepackte Junker Treie streckte Geron mit wenigen Fausthieben nieder. Nachdem er den Bewusstlosen beiseite getragen hatte, wartete er auf das Ende des zweiten Duells. Ischtan gelang es zwar, einige Treffer gegen Gieselhold zu landen, doch noch bestand Hoffnung. Dennoch stellte sich unweigerlich die Frage, ob es klug gewesen war, diese kampferprobten Bronnjaren überhaupt herauszufordern.
Ein Zischen – dann ein Schrei.
Über die steilen Felswände, die den kleinen Platz vor der Höhle umschlossen, kamen sie – lautlos zuerst, dann tödlich präzise. Die Speere flogen im flachen Bogen herab, schnitten durch die klare Morgenluft und trafen, ehe jemand verstand, dass der Tod schon begonnen hatte. Geertja Schorkin fiel, als wäre sie nur eine Figur in einem Spiel, das andere längst entschieden hatten. Einen Herzschlag später stürzte Elmjescha Miljes, das Blut zeichnete dunkle Linien über den hellen Fels.
Dann war Stille. Kein Atem, kein Laut – nur das scharfe Echo des Unbegreiflichen hing in der Luft, als müsse selbst die Welt erst begreifen, dass dieses Duell jetzt nie eine faire Prüfung gewesen war.
Ein dumpfer Laut zerriss die Erstarrung – das Donnern vieler Hufe, das Quieken und Schnauben von Wildschweinen, das Klirren von Metall. Über die Felskanten brach die Horde herein, eine wogende Masse aus rotem Fell, schwarzem Eisen und wildem Geschrei. Goblinlanzenreiter, Dutzende, vielleicht Hunderte, rasten den Hang hinab, der Staub folgte ihnen wie Rauch einer brennenden Schlacht.
Gerald hob die Hände, die Stimme ein schwaches Flackern gegen das Tosen:
„Haltet ein! Im Namen Rondras!“
Er rief verzeifelt, als wolle er der Form halber widersprechen, wissend, dass ihn ohnehin niemand hören würde.
Gamrik trat vor, breitete die Arme aus, ein hilfloser Versuch, den Anschein zu wahren. Vielleicht glaubte er für einen Moment selbst daran – doch sein Blick verriet etwas anderes: ein Aufblitzen zwischen Angst und Erwartung.
Die Goblins jagten heran, sahen die Gestalten am Rand des Platzes und stürmten einfach weiter. Gerald, Gamrik, Fetanka und Bisminka blieben unversehrt, während ringsum Chaos ausbrach. Jetzt wurde auch der Jäger getroffen, der vergeblich versuchte, sich hinter einem Felsen in Deckung zu werfen, und mit einem dumpfen Aufprall zu Boden gerissen. Ein Schrei – kurz, scharf, dann verschluckt vom Lärm.
Und dann stürzte die Horde in die Höhle.
Ein dumpfes Grollen, metallisches Krachen, ein Aufbäumen – und das Duell, das eben noch nach den Regeln Rondras geführt werden sollte, endete im Blut und Staub. Treie und Ischtan verschwanden unter dem Ansturm, erschlagen nicht von Ehre, sondern von schierer Masse.
Als das Echo verklang, lag der Platz still. Der Wind trug den Geruch von Eisen und Erde über die Felsen. Gerald stand reglos, die Hände noch halb erhoben, ein flüchtiges Zucken um seine Lippen – Erleichterung vielleicht, oder einfach das Bewusstsein, überlebt zu haben.
Gamrik senkte den Blick und trat einen Schritt zur Seite, als wolle er dem Ort und dem Chaos den Raum überlassen, den sie verlangten. Die Stille legte sich schwer über den Platz, und für einen Moment schien es, als hielte selbst die Welt den Atem an.
Und still lag die Wahrheit zwischen ihnen: Nur die Überlebenden konnten von dem erzählen, was wirklich geschehen war.
Nach dem Massaker beruhigte sich die Lage langsam wieder. Die Helden erkannten, dass Jäänni sie wohl erneut gerettet hatte. Dennoch blieb Jäänni angespannt und befahl, wachsam zu bleiben, da noch Feinde in der Nähe seien könnten. Zusammen mit zwei anderen Goblinschamaninnen beriet sie über die aktuelle Bedrohung.
Gerald sah in diesem Moment, wie sich am anderen Ende des Platzes vor der Höhle ein Portal schloss. Danach wurde die Stimmung ruhiger, doch niemand senkte die Wachsamkeit.
Bei der Rücksprache mit dem Rondrageweihten stellte sich heraus, dass das Ehrenduell durch den Angriff unterbrochen worden war. Gieselhold, der bewusstlos am Boden gelegen hatte, erinnerte sich nach seinem Erwachen, dass Junker Treie ihn noch als „hinterhältige ehrlosen Bastarde“ beschimpft und dann angegriffen habe – obwohl Ischtan, von mehreren Speeren durchbohrt, unbesiegt aufrecht vor ihm noch gestanden habe.
Die Helden kamen schließlich zu dem Schluss, dass die Goblins von Rondra geschickt worden waren – und dass die Helden damit das Duell Ehrenregelkonform gewonnen hatten. Zufällig hatten die Goblins das von den Helden „verlorene“ Insignium wieder „gefunden“. Jäänni übergab es ihnen wieder, da ihre Meisterin ihr gesagt hätte, die Helden benötigen dies unbedingt. Andere Gegenstände, die ihnen abgenommen wurden, hatten die Goblins nicht gefunden.
Bisminka, Fetanka und der Rondrageweihte Kolja nutzten die Gelegenheit, gemeinsam mit Jäänni die Höhle zu untersuchen. Während die vier Gelehrten andächtig den einzigartigen Ort erforschten, suchten die Helden nach brauchbarer Beute – und konnten dabei die Gespräche der vier Gelehrten mit verfolgen.
Die Goblins glauben an ihre Muttergöttin Mailam Rekdai, die unter anderem die Gigantin Mithrida geboren habe. Das Böse nennen sie Nacka Rachti, der Mithrida erschlagen habe. Mithrida liege dort, wo die Rote Sichel zu finden sei – eine Region voller roter Steine, die auch hier in der Höhle vorkommen. Mailam Rekdai habe das Böse besiegt und unter dem Ehernen Schwert begraben. Diese Mythen erinnerten die Helden an frühere Erkenntnisse aus den Rätseln rund um die Trichterburg.
Ein Drittel der Inschriften an den Wänden bestand aus goblinischer Schrift oder Bildzeichen. Der Ort war von mächtiger magischer und karmaler Energie durchzogen und wurde in den Texten als Mithrida-Heiligtum bezeichnet – der Stätte, an der einst Mithrida, die Rote Sichel, verehrt wurde: jene Waffe, mit der Rondra selbst den Namenlosen bekämpft haben soll. Überraschend war die Erkenntnis, dass die Goblins den Namenlosen als den Fressdrachen bezeichneten.
Die Wandmalereien enthielten mächtige Zauberzeichen, verwoben aus drei Traditionen. Offenbar trafen hier uralte Energieströme zusammen, die den Ort über Jahrhunderte verborgen gehalten hatten. Der dominierende Anteil des Schutzzaubers stammte aus goblinischer Tradition. Viele Runen waren altes Allanie – wandelbare Zeichen, die man nur kurz sehen konnte, bevor sie unter Kopfschmerzen wieder verschwanden. Um diese zu vermeiden, konzentrierten sich die Helden auf das Einsammeln der wertvollen Gegenstände. Fetanka erklärte, dass ähnliche Runen von den Zibiljas der Norbarden zum Schutz ihrer Gräber verwendet werden.
Die vier Gelehrten waren sich einig: Dieser Ort war von herausragender wissenschaftlicher und religiöser Bedeutung. Andächtig und stolz sahen sie sich als Zeugen der Wiederentdeckung eines vergessenen Heiligtums.
Währenddessen luden die Helden alles, was nicht niet- und nagelfest war, auf den Wagen des Rondrageweihten – selbst die Leichen der Bronnjaren und anderer Gefallener fanden ihren Platz darauf. Die Helden überlegten, was nun mit den Getöteten geschehen sollte. Ein Gedanke lag nahe: Zurück nach Drauhag, zum Rondratempel. Für Zwölfgöttergläubige wie sie eine beinahe selbstverständliche Pflicht – eine Handlung, die niemand hinterfragen musste. Gleichzeitig war ihnen bewusst, dass im Bornland für solchen letzten Dienste an Bronnjaren Münzen fließen konnten. Ein angenehmer Nebeneffekt, wenn man so wollte.
Schließlich machten sich die Helden auf den Rückweg, während Bisminka und Fetanka sich schweren Herzens von diesem faszinierenden Ort verabschiedeten.
Vorsorglich blieben einige Goblinwachen und der Rondrageweihte Kolja auf dem schmalen Platz vor der Höhle zurück, während die Helden sich auf den Rückweg vorbereiteten. Gamriks Vorschlag, hier eine Rondrapilgerstätte zu errichten, spukte in Koljas Gedanken. Nach und nach begann er, sich vorstellen zu können, dass der Ort tatsächlich dafür geeignet war…