Noch immer unter der Erde. Noch immer viel zu nah an geschmolzenem Gestein. (3. Rahja, 04:00-04:30 )
3. Rahja, um die vierte Stunde
Wenn jemand behauptet, Hitze sei eine Frage der Einstellung, so möge er sich in eine Höhle mit Magmasee stellen. Danach sprechen wir weiter.
Die Luft in der gewaltigen Kaverne war kaum zu ertragen. Selbst nachdem wir uns aller nicht zwingend notwendigen Ausrüstung entledigt hatten – und ich hätte nie gedacht, dass ich einmal halbnackt mit gezogener Klinge auf einer Insel umgeben von Magma stehen würde – war jede Bewegung eine Qual. Der Schweiß brannte in den Augen, das Atmen fiel schwer, und selbst das Denken schien zäh zu werden. Später würde man sich an dies alles als heldenhafte Tat erinnern, in diesem Moment fühlte es sich an wie „Vorstufe zur göttlichen Läuterung“.
Aus dem Schatten des Alkovens beobachtete ich die Szenerie.
Im Westen und im Nordosten führten gewaltige Ketten von der Höhlendecke hinab in den Magmasee. Ihr Zweck war mir schleierhaft, doch allein ihre Existenz ließ vermuten, dass wir es hier mit weit mehr als einer bloßen Kultstätte zu tun hatten.
Überall in der Höhle bewegten sich Korsmalsbündler.
Drei von ihnen im Osten auf einer steinernen Scholle, die träge auf dem Magma trieb. Vier im Süden auf einer weiteren Scholle. Drei weitere im Südosten. Auf der zentralen Plattform standen Olko und mehrere Gefolgsleute und beschmierten die gewaltige Goblinpauke weiterhin mit einer dunklen Substanz. Und im Süden bewegten sich drei Korsmalsbündler mit zwei Gefangenen am Ufer entlang.
Wir beschlossen, uns am östlichen Rand des Magmasees nach Norden vorzuarbeiten. Dort zeichnete sich im unsteten Licht die Silhouette eines weiteren Gebäudes ab. Die Hoffnung war, unentdeckt zu bleiben. Es war eine zu optimistische Hoffnung. Auf halbem Weg wurden wir selbstverständlich entdeckt.
In diesem Moment trafen wir eine Entscheidung, die man entweder als kühn oder als hitzebedingt dumm bezeichnen könnte: Wir würden es den Korsmalsbündlern gleichtun und die auf dem Magma treibenden Steinschollen nutzen, um zur zentralen Plattform in der Mitte zu gelangen.
Das erste Manöver gelang überraschend gut. Wir erreichten eine Scholle, die uns langsam in Richtung Insel trug. Als wir einer gegnerischen Scholle nahe genug kamen, eröffnete Gieselhold das Feuer mit seiner Armbrust. Ein sauberer Schuss, wie immer. Die Antwort kam prompt in Form von Pfeilen, und rasch wurde deutlich, dass wir zahlenmäßig weit unterlegen waren. Wir gingen in Deckung, so gut es auf einem schwimmenden Felsen eben möglich ist.
Irgendwann trieben die Schollen so dicht aneinander, dass ein Überspringen möglich wurde. Wir zögerten nicht.
Der Nahkampf war chaotisch. Stahl gegen Stahl, Schweiß, Hitze, das bedrohliche Brodeln unter uns. Leudara kämpfte mit der gewohnten Entschlossenheit und schlug die Korsmalsbündler einen nach den anderen nieder, als wären sie Übungsgegner im Rondratempel.
Ich hingegen lernte, wie nah ein Mensch dem Tod kommen kann, wenn er auf einer schwankenden Steinscholle gegen fanatische Kultisten kämpft. Ein einziger weiterer Treffer hätte genügt, und ich wäre vermutlich sterbend ins Magma gerutscht – was meiner Karriere als adeliger Abenteuerer ein jähes Ende bereitet hätte.
Während wir kämpften, driftete die Scholle weiter in Reichweite der Plattform. Wir nutzten den Moment und retteten uns in den Schutz der erhöhten Plattform auf der Insel. Ich erinnere mich an Hitze, an Schmerzen – und dann an die Heiltränke. Mehrere.
Es ist erstaunlich, wie schnell ein kleines Vermögen in flüssiger Form verdampfen kann. Gieselhold und Gerald beobachteten mit sichtlichem Unbehagen, wie ich Schluck um Schluck nahm. Ich bin sicher, sie rechneten bereits aus, wie viele Gold- und Silberstücke ich gerade vernichtete.
Leudara hingegen gönnte sich keine Pause. Sie sprang auf eine weitere Scholle und stellte sich allein einer weiteren Gruppe Korsmalsbündler. Einer nach dem anderen beförderte sie mit Schildstoß ins Magma. Es war ebenso beeindruckend wie endgültig.
Wieder halbwegs auf den Beinen, traten wir aus unserer Deckung und stürmten die Rampe zur Plattform hinauf.
Aus der Nähe wirkte die Goblinpauke noch monumentaler: vier Schritt im Durchmesser, etwa anderthalb Schritt hoch. Über ihr spannte sich eine blauschimmernde Kraftfeldkuppel, durchzogen von weißen, rissartigen Blitzen. Die Luft knisterte förmlich vor Magie.
Mehrere Gestalten standen um das Kraftfeld verteilt.
Direkt vor uns ein Mann in weißer, mit Goldfäden bestickter Robe, einen Zauberstab in der Hand. Noch während wir näherkamen, drehte er sich um. Seine Augen leuchteten unnatürlich grün, ein spöttisches Lächeln lag auf seinen Lippen, und mit ausgebreiteten Armen schien er uns willkommen zu heißen.
Weiter links stand eine weitere Magierin in ähnlicher Gewandung, flankiert von zwei Gehilfen. Rechts jedoch – wie schon vom Rand des Magmasees aus dem Alkoven heraus – stand Olko. Neben ihm drei weitere Korsmalsbündler.
Dann wurde mir klar, was unausweichlich war.
Der finale Kampf stand bevor.