Die Plattform im Magmasee (Teil I) (3. Rahja, 04:30-05:00 )
3. Rahja, die zweite Hälfte der vierten Stunde
Die Plattform erhob sich etwa drei Schritt über den übrigen Teil der Insel und maß wohl fünfzehn Schritt im Durchmesser. Ihr gesamter Sockel war dicht mit Runen bedeckt, kunstvoll ineinander verschlungen, als hätten Generationen von Zwergen hier ihre Spuren hinterlassen. Um die Plattform herum zog sich ein mehrere Schritt breiter Streifen aus Geröll, unsicher, aber begehbar. Dahinter wiederum lag ein schmalerer Ring aus erkaltetem Magma, dessen dunkle Oberfläche zwar fest wirkte, jedoch jederzeit unter dem eigenen Gewicht hätte nachgeben können. Ein Fehltritt hätte genügt, und man wäre durchgebrochen und in die darunterliegende Glut gestürzt.
Die Rampe zur Plattform war breit genug, dass zwei Personen nebeneinander hinaufsteigen konnten, und ein Geländer säumte ihren Rand. Oben jedoch endete jede Sicherung. Die Plattform selbst war offen, ohne Begrenzung, als sei Sturz oder Sieg hier gleichermaßen einkalkuliert.
Direkt am oberen Ende der Rampe erwartete uns der Mann in der weißen, mit goldenen Ornamenten bestickten Robe. Sein Zauberstab war über und über mit mystischen Symbolen versehen. Mit grün leuchtenden Augen und einem spöttischen, beinahe genüsslichen Lächeln breitete er die Arme aus, als heiße er uns willkommen. Hinter ihm spannte sich das blauweiß schimmernde Kraftfeld über die Goblinpauke. Selbst im Flirren der Magie glaubte ich Runen zu erkennen, die wie in Licht geritzte Zeichen über die Oberfläche wanderten. Weiße Linien durchzogen die Kuppel wie Risse, aus denen grelles Leuchten hervorbrach. Dahinter zeichnete sich die gewaltige Trommel nur verschwommen ab.
Zur linken Seite, jenseits des Kraftfeldes, stand eine Frau in ähnlicher Gewandung. In jeder Hand hielt sie den Kopf eines Menschen, die Körper hingen schlaff herab. Es war kein drohendes Schauspiel, sondern eine kalte Demonstration von Macht. Rechts erblickte ich Olko, flankiert von drei Korsmalsbündlern.
Bevor wir auch nur eine Entscheidung treffen konnten, trat der Mann vor uns einen Schritt zurück und schritt durch das Kraftfeld hindurch, als bestünde es aus Nebel. Purpurne Schlieren blieben einen Herzschlag lang in der Luft zurück, und Wellen liefen durch die magische Kuppel. Wir versuchten, das Feld zu durchbrechen, doch unsere Klingen prallten ab, als schlügen wir gegen Stein. Als Gieslhold die Hand gegen das Kraftfeld ausstreckte, fühlte es sich an, als berührte ich flüssiges Feuer. Wir waren natürlich nicht in der Lage durch das Kraftfeld zu druchbrechen.
Olko folgte mit seinen Begleitern ebenfalls durch das Feld. Die Frau jedoch zerquetschte mit einem widerwärtigen Knirschen die Köpfe der beiden Opfer. Blut spritzte, die Körper sackten leblos zu Boden, und erneut durchlief eine Erschütterung das Kraftfeld.
Und dann zerbarst es.
Die Explosion der Magie traf uns wie eine unsichtbare Faust. Ich wurde zurückgeschleudert und stürzte gemeinsam mit Gerald von der Plattform auf das Geröll. Der Aufprall raubte mir den Atem, und für einen Moment hörte ich nichts außer einem schrillen Pfeifen in meinen Ohren. Gieselhold konnte sich im letzten Augenblick an der Kante festklammern, während Geron erstaunlich standhaft blieb. Die Druckwelle hatte uns schwer zugesetzt, und kaum war ich eben erst durch Heiltränke wieder aufgerichtet worden, fand ich mich erneut halb tot auf dem Boden wieder. In diesem Augenblick erschien mir das Schicksal als ein äußerst ironischer Spielleiter.
Der weißgewandete Mann nutzte unsere Benommenheit und griff Geron mit übermenschlicher Geschwindigkeit an. Seine Schläge waren brutal und präzise, und selbst Geron musste Treffer einstecken. Nach und nach erreichten wir wieder die Plattform. Gemeinsam mit Leudara stellten wir uns dem Gegner. Die Frau versuchte, Gieselhold aufzuhalten, doch sie vermochte es nicht. Schließlich gelang es uns, den Mann niederzuringen. Mit einem unmenschlichen Schrei brach er zusammen, und ein feiner blauer Rauch löste sich aus seinem Körper und verging augenblicklich. Was immer wir getötet hatten, es war mehr als nur ein Mensch gewesen.
Nun standen wir Olko, der Magierin und den verbliebenen Korsmalsbündlern gegenüber. In diesem Moment vernahm ich etwas, das nicht mit den Ohren zu hören war. Die Goblinpauke schien zu rufen. Ein Drängen, ein Verlangen, sie zu schlagen, als läge darin die Lösung aller Dinge. Wir widerstanden diesem Impuls – Leudara jedoch nicht.
Mit entschlossener Kraft schlug sie auf die Trommel.
Ein Donner rollte durch die Höhle. Die Erde bebte, und das Magma begann heftig zu brodeln. Während wir uns mit Mühe auf den Beinen hielten, stürzten mehrere unserer Gegner zu Boden. Gieselhold nutzte den Augenblick, sprang vor und verwundete Olko schwer. Doch bevor er den Kampf beenden konnte, manifestierte sich über Olko die flammende Gestalt eines Ivash und drängte Gieselhold zurück. Es war nun unübersehbar, dass Olko sich dunklen Mächten verschrieben hatte.
Der Schlag auf die Trommel hatte zudem eine Verschnürung der Trommelhaut gelöst. Als Gieselhold, um dem Dämon zu entkommen, auf die Trommel sprang, löste sein Sturz einen weiteren Schlag aus. Das Beben verstärkte sich. Das Magma stieg sichtbar an, verschlang die treibenden Schollen und umspülte bereits den Sockel der Plattform.
Zu allem Überfluss schlug Leudara erneut auf die Trommel. Das Erzittern der Höhle nahm weiter zu, bis selbst der Kampf zum Erliegen kam, da jeder die drohende Katastrophe erkannte. Die Trommelhaut löste sich schließlich vollständig und hing schlaff herab.
In dieser Verzweiflung fassten wir einen Entschluss. Gieselhold, Gerald und Geron sprangen in die Trommel, in der Hoffnung, dass ein solches Artefakt selbst der Lava standhalten würde. Ich folgte ihnen und rief Leudara zu, sich uns anzuschließen. Das Magma hatte inzwischen den oberen Rand der Plattform erreicht.
Doch Leudara blickte auf Olko. Ihr Ausdruck war seltsam ruhig, beinahe endgültig. Sie warf ihr Schild beiseite und half ihm auf die Beine – nicht aus Gnade, sondern um ihm ins Gesicht sehen zu können, wenn sie ihn richtete. Olko jedoch reagierte schneller. Mit einem Zauber stieß er sie von sich. Im Fallen riss sie ihn mit sich.
„Graqualos, hilf mir!" – Olkos Stimme zersplitterte in der Hitze, ein letztes, verzweifeltes Flehen an Kors Boten.
Gemeinsam stürzten sie in das aufsteigende Magma. Wir konnten nichts tun. Wir mussten mit ansehen, wie die Lava sie verschlang.
Kurz darauf erreichte das Magma die Trommel. Doch anstatt uns zu vernichten, trug sie uns. Geschützt von der Goblinpauke wurden wir von der aufsteigenden Lava emporgehoben, bis wir schließlich – wie durch ein Wunder – an die Oberfläche gelangten.
Mitten in Notmark.
Verbrannt, erschöpft und kaum noch als wir selbst zu erkennen, krochen wir aus der Trommel. Und blickten in die Gesichter von Soldaten des Grünen Zuges, unseres Soldaten.
Zumindest ein einziges Mal war das Schicksal uns gewogen, und schickte uns Freunde statt Gegner.