Was über Tage geschah, während wir unter der Erde kämpften (Teil 2) (3. Rahja - 17. Rahja)
3.–17. Rahja
Als wir das Lazarettzelt endlich verlassen durften, halbwegs auf den Beinen und doch innerlich noch immer zwischen Lava und Donner gefangen, mussten wir feststellen, dass die Welt über uns nicht untätig gewesen war.
Während wir unter der Erde gegen Dämonen, Kultisten und das drohende Ende des Bornlands gerungen hatten, hatte sich auch in Notmark selbst das Schicksal entschieden.
Wir hatten die Schlacht nicht gesehen, waren nicht beteiligt gewesen noch haben wir etwas von mitbekommen.
Erst in den folgenden Tagen, zwischen Leid und Schmerz, erfuhren wir, was sich zugetragen hatte.
Die Schlacht in der Notmark
Der Anfang war kein Kriegsschrei gewesen, sondern ein Beben.
Notmark erzitterte, als der Vulkan erwachte. Schwarze Wolken quollen in den Himmel, schwere Basaltbrocken wurden weit über Stadt und Lager geschleudert. Vorräte, Ställe und schwere Geschütze des Korsmal-Bundes wurden zerschmettert oder unter Lava begraben. Korsmals-Bündler rannten in Richtung Walsach, schrien Befehle durcheinander, während Ritter des Bundes versuchten, Ordnung ins Chaos zu brüllen.
Die Erde selbst schien sich gegen sie erhoben zu haben.
In diesem Moment, so berichtete Umerike Surjeloff später mit fiebrigem Glanz in den Augen, habe Adelsmarschallin Nadjescha keine Sekunde gezögert. Während der Korsmal-Bund noch versuchte, seine Linien neu zu ordnen, ließ sie den Grünen Zug antreten, um den Angriff zu wagen.
Die Korsmalsbündler positionierten hastig Fernkämpfer am Kopf der Brück, verteilten Munition, während ihre Nahkämpfer die Zugänge sicherten. Der Trebushe – wie durch Hohn der Götter auf festem Fels stehend und vom Lavastrom umflossen – war unversehrt geblieben. Drachenreiter setzten eine Gruppe Soldaten dort ab, die begannen, die gewaltige Wurfmaschine zu drehen.
Der erste Schuss traf Nadjeschas Aufmarsch. Männer starben, ohne je das Schlachtfeld betreten zu haben.
Salwinja von Elkenacker, Absolventin der Neersander Kriegerakademie, stand in der ersten Reihe. Ehrenhaftigkeit war einst ihr innerstes Gesetz. Seit dem sie vom Tod Gudanja Tippsjens hörte – ermordet durch den hinterhältigen und feigen Terroranschlags in Norburg durch den Korsmal-Bundes – war etwas erstarrte in ihr. Ihre Augen waren hart geworden. Nicht Trauer. Nicht Schmerz. Rache. Blanke blutige brutale Rache an den Mördern ihrer Freundin.
Mit Flößen setzten Teile der Truppen direkt über die Walsach in die Stadt über. Es war ein kühnes Manöver, das die Korsmalsbündler offenbar nicht in dieser Entschlossenheit erwartet hatten.
Als die ersten Flöße am jenseitigen Ufer ankamen, flogen bereits die ersten Pfeile.
Der Angriff erfolgte koordiniert, rasch und ohne das sonst übliche Zögern, das Belagerungen in die Länge zieht.
Unter Tsadan von Norburg und Jarle Winroff stürmten die Truppen auf breiter Front. Gleichzeitig drang dichter Nebel über das Schlachtfeld – Lava hatte die Walsach erreicht, zischend, brodelnd. Sicht und Atem wurden gleichermaßen genommen.
Und dann geschah etwas, das selbst die erfahrensten Veteranen verstummen ließ:
Mitten im Gefecht entstiegen der Walsach selbst Gestalten, wie man sie sonst nur in Sagen hört: Biestinger, humanoide Tierwesen, in großer Zahl.
Otter mit Speeren. Waschbären mit Dolchen. Biber mit schweren Hämmern.
Sie warfen sich mit wilder Entschlossenheit auf die Korsmalsbündler.
„Haltet aus. Der König schickt Entsatz“, soll eine Waschbärin gerufen haben, ehe sie im Rauch verschwand.
Im fanatischer Wahn drängten die Kämpfer des Korsmal-Bunds Nadjeschas Truppen zurück, trieben sie vor sich her in Richtung Walsach, um dort, in den kalten Fluten die Hoffnungen des Zuges zu ertränken.
Da entschloss sich Alderich von Notmark zum Ausfall.
Mit kaum zwanzig Reitern umrundete er das Lavafeld, fiel den Fernkämpfern des Korsmal-Bundes in die Flanke, ritt an, wendete, ritt erneut an. Sein Banner – schwarz auf Silber – wurde zum Brennpunkt der Hoffnung.
Gleichzeitig bestiegen Bronnjaren unter Wolfhold von Timpenbroich ihre Streitrösser und donnerten über die enge lange Walsachbrücke. Ihr Aufprall zerschmetterte die Brückensicherung des Korsmal-Bund – doch die meisten von ihnen wurden kurz darauf von den Pferden gerissen und niedergemacht.
Ein Erfolg, blutig bezahlt mit Leben.
Da schwangen sich sich die fünf, nein sieben Drachenreiter mit ihren gewaltigen Bestien in die Lüfte und dominierten über das Schlachtfeld, verwandelten Straßen und Plätze in brennende Schneisen. Feuer regnete vom Himmel, Mauern brachen, Männer verbrannten in ihren Rüstungen.
Abseits des Lavafeldes hatten drei Drachenreiter im Schutz des Chaos eine Beschwörung vollendet. Aus aufreißenden Glutadern im Boden erhoben sich die Ivash – vier Schritt hohe, brennende Frauengestalten aus lebendigem Feuer. Ihre Körper waren reine Flamme, doch klar umrissen, mit wallendem, loderndem Haar und Armen wie brennende Peitschen. Sie flogen nicht. Sie schritten. Langsam. Unaufhaltsam. Jeder ihrer Schritte ließ den Boden verkohlen.
o sie gingen, entzündeten sich Schilde, Banner und Fleisch. Männer, Frauen, Biestinger wurden von brennenden Händen gepackt und wie Fackeln durch die Reihen geworfen. Eine der Feuerfrauen griff nach einem Dutzend Armbrustschützen, ihre Umrisse flackerten, als Stahl sie traf – doch die Hitze trieb die Kämpfer zurück.
Brücke wie Flöße entzündeten und damit jede Hoffnung auf eine koordinierten Rückzug in Flammen aufging.
Panik drohte die mühsam gehaltene Ordnung zu zerreißen.
Bisminka von Jassuula stand einige Schritte hinter der Front, das Haar vom Wind zerzaust, die Augen geschlossen. Ihre Lippen bewegten sich im Rhythmus eines alten bornischen Wetterliedes. Sie hob die Arme, als würde sie selbst den Himmel aufreißen wollen.
Dann verdunkelte sich das Licht.
Ein jäher Temperatursturz ging durch die Reihen, Atem wurde zu Nebel. Und plötzlich brach der Eisregen los.
Kein sanfter Hagel – sondern ein gnadenloser Sturm aus faustgroßen, scharfkantigen Eisklumpen, der auf das gesamte Schlachtfeld niederprasselte. Fünfzehn Minuten lang heulte der Wind, und Eis schlug gegen Rüstungen, Helme und Drachenleder, ungeschützte Haut aufplatzte mit gequälten Brüllen auf.
Die Ivash jedoch traf es am härtesten.
Der Hagel löschte nicht ganz ihre Flammen, doch er schwächte sie. Ihre lodernden Körper schrumpften unter dem unaufhörlichen Prasseln, Dampfwolken zischten von ihren Gliedern. Jeder Schritt fiel schwerer, ihre Bewegungen wurden langsamer, ihre Gestalten rissiger – als würden Risse durch lebendige Glut laufen.
Nun wagten sich die verzweifelten Kämpfer wieder heran.
Unter dem tosenden Eisregen wurden die Ivash niedergerungen. Schwere Waffen schlugen in flackernde Leiber, geweihter Stahl fuhr durch glühende Gliedmaßen. Frauen kreischten, Männer brüllten. Dampf hüllte alles ein. Dämonische Stimmen erfüllten das Schlachtfeld, als die ersten der Feuerfrauen barsten und in einem Schwall aus Funken und schwarzem Rauch zerfielen.
Zwei besondere riesige, mächtige Ivash, die trotz des Eisregens nicht zu schrumpfen schienen, erkannten die Quelle ihres Verderbens.
Mit langsamen, brennenden Schritten wandten sie sich Bisminka zu. Ihre flammenden Augen fixierten die Hexe. Der Boden und Leiber verkohlte unter ihnen, während sie sich ihren Pfad durch die Reihen des Grünen Zugs schnitten, Kämpfer beiseitestoßend wie brennende Puppen.
Kämpfer des Grünen Zugs wollten sich den beiden Feuerdämonen entgegenwerfen – doch die Hitze war zu groß. Schilde begannen zu brennen, Leder platzte auf, selbst gehärteter Stahl glühte dunkelrot. Die vordersten Reihen wichen zurück. Für einen schrecklichen Moment klaffte eine Lücke in der Linie.
Die beiden sechs Schritt hohen Feuerwesen schritten unbeirrt hindurch.
Ihre brennenden Arme hoben sich, und der Sturm aus Eis zischte wirkungslos an ihren Schultern vorbei. Der Boden zwischen ihnen und der Hexe war bereits schwarz und flüssig geworden. Bisminka von Jassuula stand noch immer mit erhobenen Armen im Zentrum ihres Zaubers, das Haar vom Eisregen peitschend umweht. Sie konnte den Zauber nicht abbrechen, ohne die Front dem Untergang preiszugeben.
Und ihr Untergang kam auf brennenden Füßen auf sie zu.
In diesem Moment erklang eine andere Stimme über das Heulen des Sturms hinweg.
„Praios sieht! Praios richtet!“
Abtbaron Jelomir von Korswandt trat zwischen den Reihen der Kämpfer vor.
Mit ihm rückten die Sonnenlegionäre an – in goldglänzenden Harnischen, deren Oberflächen das fahle Licht des Hagels widerspiegelten. Diszipliniert, geschlossen, wie eine Mauer aus Stahl und Glauben stürmten sie vor und stellten sie sich zwischen die Ivash und die Hexe.
Die erste Dämonin schlug zu.
Ein Sonnenlegionär wurde von einer brennenden Hand erfasst, sein Brustharnisch schmolz unter einem grellen Zischen. Er schrie nicht. Er sank lautlos zu Boden, während die Reihe sich schloss.
Jelomir hob sein Sonnenzepter.
Das gleißende Licht, das daraus hervorbrach, war kein sanfter Schein, sondern ein schneidender, weißer Strahl, der selbst durch Eis, Rauch und Flammen schnitt. Er traf die vorderste Ivash mitten in den Leib. Ihre Gestalt flackerte, riss auf, schloss sich wieder. Sie kreischte – ein Klang wie berstendes Erz.
Die zweite Ivash warf sich mit brennender Wucht in die Legionäre. Zwei weitere Männer gingen in Flammen auf. Die Formation brach. Für einen Atemzug schien es, als würde die Linie endgültig zerspringen.
Jelomir trat einen Schritt vor – allein.
„Nicht einen Schritt zurück.“
Er stemmte das Zepter gegen den Boden. Das Licht schwoll an, wurde unerträglich hell. Seine Rüstung begann selbst zu glühen, als würde das Feuer der Ivash und das Licht des Praios sich in seinem Körper treffen.
Die erste Dämonin barst unter dem Lichtstrahl, ihr Leib zerriss in Funken und schwarzen Rauch.
Die zweite erreichte ihn.
Ihre brennenden Arme schlangen sich um den Abtbaron. Flammen leckten an seinem Harnisch empor.
Jelomir sprach noch ein letztes Gebet.
Dann explodierte das Licht.
Ein gleißender, lautloser Moment – als hätte die Sonne selbst den Boden berührt.
Als die Helligkeit verebbte, war von den Ivash nichts geblieben als eine versengte, dampfende Spur im Schlamm aus Eis und Asche.
Wo Jelomir gestanden hatte, kniete nur noch eine schwarz verkohlte Gestalt, das Sonnenzepter in geschmolzenen Händen erstarrt.
Die sichere Niederlage des Grünen Zugs – nur Herzschläge entfernt – war abgewendet.
Bisminkas Stimme überschlug sich ein letztes Mal, und der Eisregen prasselte mit neuer Härte herab. Die verbliebenen Ivash auf dem Feld, bereits geschwächt, wurden nun unter der kombinierten Gewalt aus Hagel und Stahl endgültig niedergerungen – zerplatzten in gleißenden Aufleuchtungen, die selbst durch das tobende Unwetter sichtbar blieben.
Aber sie stand auf verkohltem Boden – und auf dem Opfer eines Mannes, den viele gefürchtet, manche verachtet hatten.
Als der Eisregen endete, war das Schlachtfeld mit zerborstenen Eisklumpen, verkohlten Leibern und dampfenden Rüstungen übersät.
Doch die Linie des Grünen Zugs stand noch.
Da brachen die schwer gerüstete Fußkämpfer des Korsmal-Bundes durch die Dampfschaden, stürmten im Blutrausch auf die Soldaten zu. Namenlose Zweifel griffen um sich. Die Verteidiger, die gerade eben dem feurigen Tod entkommen waren, erbleichten.
Dann kam die Welle.
Eine Flutwalze raste den Walsach entlang, zerschmetterte die Flöße, riss Angreifer und Verteidiger mit sich. Schreie, Holzsplitter, Blut.
Mitten im tosenden Chaos schien ein stiller Moment, die Zeit still zu stehen. Salwinja von Elkenacker traff schließlich auf den Mann, dessen Name sich wie ein Splitter in ihr Herz gebohrt hatte: Jaruslav von Kirschhausen-Krabbwitzkoje.
Er stand unweit der brennend Brücke, das Wappen des Korsmal-Bundes vom Ruß geschwärzt, das Schwert rot bis zum Heft, gerade aus dem Leib eines von ihm gerichteten Bronnjaren ziehend. Sein Blick war derselbe spöttische, den Zeugen beschrieben hatten. Man erzählte sich, er habe gelacht als man ihm vom Tod Gudanja Tippsjen berichtet hatte. Er habe bedauert, dieses Ehrlose Weib nicht selber getötet und geschändet zu haben. Was die beiden verband war Salwinja nicht wichtig. Sie hatte diese Erzählung immer wieder gehört. Und sie hatte nicht widersprochen. Und so hatte sich in ihrem Herzen das Ziel für ihre Wut, ihre Rache geformt.
„Von Elkenacker“, knurrte Jaruslav, und sein Mund verzog sich zu einem schmalen Lächeln. „Noch eine Heldin, die fallen will?“
„Ein Waffengang“, antwortete sie kühl. „Nach echter Ritterart.“
Rondra selbst schien zu lauschen. Der Wind heulte durch zerbrochene Speere und flatternde Banner, während die Kämpfenden um sie herum instinktiv zurückwichen. Stahl traf Stahl.
Jaruslav kämpfte gut. Fanatisch. Wild. Seine Hiebe kamen hart und unberechenbar, getrieben von Zorn und Glauben an eine Sache. Mehr als einmal zwang er Salwinja in die Defensive, ließ ihre Klinge erzittern, suchte eine Lücke in ihrer Deckung.
Doch sie war diszipliniert.
Ausgebildet in Neersand.
Jeder Schritt gesetzt, jeder Atemzug kontrolliert.
Sie kämpfte nicht im Zorn.
Sie kämpfte im Entschluss.
Ein Ausfall, ein sauberer Bindungsbruch – sein Schwert wurde zur Seite gerissen. Ihr Stahl fand den Weg unter seine Achsel, dorthin, wo der Harnisch nachgab. Jaruslav keuchte, taumelte, sank auf ein Knie.
Sie hätte es beenden können. Ein schneller Stoß ins Herz. Ein ehrenhafter Tod unter Rondras Blick.
Stattdessen trat sie näher.
Sie beugte sich zu ihm hinab, während der Sturm an ihren Haaren riss und das Schlachtfeld um sie herum weiter brannte.
„Für Gudanja Tippsjen“, sagte sie leise.
Sein Blick verlor trotz des bevorstehenden Todes nicht das Spöttische. Zum ersten Mal lag darin etwas anderes. Erkenntnis.
Dann stieß sie zu.
Als sie sich erhob, rann Blut über ihre Klinge und mischte sich mit schmelzendem Eis. Jaruslav von Kirschhausen-Krabbwitzkoje blieb reglos zurück, sein Körper halb im Schlamm, halb im Schatten der Brücke.
Salwinja wandte sich ab, ohne ein weiteres Wort.
Doch etwas hatte sich verschoben., etwas hatte in diesem Augenblick einen Riss bekommen – fein, kaum sichtbar. Aber tief.
In einem letzten, verzweifelten Versuch, den bereits blutig erkämpften Vorteil nicht wieder im Chaos aus Feuer und Zweifel zu verlieren, traf Nadjescha eine Entscheidung, die das Schlachtfeld selbst zum Altar machen sollte.
Sie hob die Stimme – heiser vom Rauch, doch ungebrochen.
„Genug des Gemetzels. Waffengang nach Rondras Recht!“
Ein Raunen ging durch die Reihen. Zwischen brennenden Trümmern und dampfendem Eis trat die Rondrageweihte Vandescha von Sirngalvis vor. Ihr Antlitz war vom Kampf gezeichnet, ihr Blick klar wie blanker Stahl. Sie rammte ihr Schwert in die vom Hagel aufgeweichte Planke der Brücke und hob die Arme zum Himmel.
Der Sturm antwortete.
Donner rollte über das Schlachtfeld, obwohl keine Wolke mehr stand. Der Wind fuhr durch Banner und Helmbüsche, riss Rauchfetzen auseinander und legte für einen Atemzug das Feld frei – als wollte die Göttin selbst hinsehen.
Rondras Wunder ging nieder wie ein unsichtbarer Schlag.
Die Kämpfenden erstarrten, wo sie standen. Zwischen Grünen Zug und Korsmal-Bund öffneten sich Gassen, als würden unsichtbare Hände sie auseinanderdrängen. Wer ein Schwert des Nordens trug – eine der heiligen Waffen Rondras – spürte es zuerst: ein Brennen im Griff, ein Pochen im Herzen.
Nadjescha selbst trat vor, das Schwert erhoben, und stellte sich an die Spitze ihrer Recken.
„Wer Ehre kennt, der trete hervor!“
Und sie traten hervor.
Schwertträger des Nordens, ihre Klingen vom göttlichen Zorn durchdrungen, zwangen die Ritter des Korsmal-Bundes in ehrhafte Zweikämpfe. Kein Pfeil fand mehr sein Ziel. Kein Drachenfeuer griff in die Duelle ein. Rund um die Brücke und das Ufer bildeten sich Kreise aus Stahl und Atem, in denen nur noch zwei Kämpfer und der Wille Rondras zählten.
Stahl sang.
Manche der Recken des Grünen Zugs fielen – und ihr Fall wurde mit donnerndem Widerhall beantwortet. Doch mehr noch waren es die Korsmal-Bündler, deren fanatischer Wahn im Angesicht des heiligen Zwangs bröckelte. Ohne Hinterhalt, ohne Überzahl, ohne Dämonen – nur Mann gegen Mann – zerfiel ihre Überlegenheit.
Einer nach dem anderen gingen sie zu Boden.
Und mit jedem gewonnenen Zweikampf kippte das unsichtbare Gewicht der Schlacht weiter.
Was eben noch nach einem blutigen Niederlage des Grünen Zuges ausgesehen hatte, begann sich unwiderruflich zu wenden.
Der Verlauf der Schlacht drehte sich zugunsten des Grünen Zugs. Der Durchmarsch des Korsmal-Bundes war gebrochen. Was eben noch wie der Auftakt zu einem vernichtenden Sieg ausgesehen hatte, endete im erzwungenen Rückzug.
Geschlagen, doch nicht völlig zerschlagen, wichen die Überlebenden des Bundes in die Stadt zurück. Zwischen rauchenden Trümmern und einstürzenden Fassaden sammelten sie sich ein letztes Mal und verschanzten sich im Ingra-Tempel. Dort, hinter dicken Mauern aus dunklem Stein, bereiteten sie sich offenbar auf ein finales Gefecht vor – fanatisch, entschlossen, bereit, im Namen ihres Glaubens zu sterben.
Der Grüne Zug schloss auf.
Formationen wurden neu geordnet, Verwundete zurückgebracht, Sturmleitern herangetragen. Man rechnete mit einem verlustreichen Sturm auf den Tempel.
Dazu kam es nicht mehr.
Ein tiefes Grollen durchschnitt das Schlachtgetöse. Zuerst vibrierte nur der Boden. Dann rissen Spalten durch das Pflaster des Tempelhofes. Noch ehe der erste Rammbock die Tore berührte, brach das aufsteigende Magma im Inneren des Ingra-Tempels selbst hervor.
Der Boden explodierte.
Glutflüssige Lava schoss durch das innere des Tempel, sprengte Altäre, riss Säulen entzwei. Schreie – von Kämpfern des Korsmal-Bundes wie von jenen, die bereits zum Sturm angesetzt hatten – vermischten sich zu einem einzigen, grausamen Chor. Feuer und Stein unterschieden nicht zwischen Angreifer und Verteidiger. Die Lava trieb beide Seiten auseinander, verschlang, was sie erreichte, und ergoss sich schließlich in breiten Strömen aus den Toren des Tempels hinaus in die Straßen Notmarks.
Mit der glutflüssigen Masse kamen weitere Ivash an die Oberfläche.
Sie erhoben sich aus der Lava wie grausame Geburten des Feuers – die vier Schritt hohe Frauengestalten aus lebendiger Flamme, ihre Umrisse flackernd, ihre Gesichter verzerrt in einem Ausdruck brennender Ekstase, bereit jeden liebevoll in die Arme zu nehmen, an ihrem Bußen zu drücken, von ihre heiße Leidenschaft kosten zu lassen. Ziellos durchstreiften sie die Stadt, griffen wahllos alles Lebende an, rissen Menschen mit lodernden Armen an sich und labten sich am Chaos der brennenden Häuser.
Notmark wurde zum Scheiterhaufen.
Doch die verbliebenen Magier, Hexen und Geweihten des Grünen Zugs reagierten rasch.
Sie hatten im Laufe der Schlacht gelernt, wie man diesen Feuerdämonen begegnet – mit Kälte, mit geweihter Kraft, mit disziplinierter Entschlossenheit.
Unter gemeinsamen Beschwörungen, im Zusammenspiel aus eisigen Zaubern, bannenden Liturgien und geweihtem Stahl, stellten sie sich den umherstreifenden Ivash. Jeder Sieg war hart errungen, jeder gebrochene Dämon ein Aufbäumen aus Funken und schwarzem Rauch. Doch Schritt für Schritt wurden die Erscheinungen niedergerungen, ehe sie sich weiter ausbreiten konnten.
Der Korsmal-Bund, das Chaos war besiegt – heute.
Doch Notmark, wie sie einst gewesen war, existierte nicht mehr.
Die Hälfte der Stadt versank unter einer zähen, langsam erstarrenden Schicht Lava. Straßenzüge verschwanden, Plätze wurden zu schwarzen Ebenen aus Glas und Stein. Die andere Hälfte stand in Flammen, Dächer stürzten ein, Balken glühten, und der Wind trug Funken weit über die Walsach hinaus.
Der Grüne Zug zog sich schließlich geordnet zurück ins eigene Lager. Kein Triumphgeschrei begleitete den Abmarsch – nur das Knacken brennender Häuser und das dumpfe Grollen des Vulkans. Rauch und Asche verdunkelten den Himmel noch Tage später und legten sich wie ein Leichentuch über das Land.
Am Horizont jedoch zogen sieben Drachenreiter nach Süden.
Klein wirkten sie in der Ferne, schwarze Silhouetten vor einem glutroten Himmel.
Wie eine stumme, unheilvolle Botschaft:
Die Schlacht war verloren.
Doch der Krieg war es nicht.
Der Korsmal-Bund war geschlagen.
Was von ihm blieb, waren versprengte Reiter in den Wäldern, verkohlte Banner im Schlamm und ein Name, der fortan mit Niederlage verbunden sein würde.
Für die Überlebenden der Schlacht hingegen öffneten sich andere Horizonte.
Rum, Ehre und Anerkennung bei den Adelsfamilien des Bornlandes – und weit darüber hinaus – waren ihnen gewiss. Schon am Abend nach der Schlacht begannen die ersten, die Ereignisse auszuschmücken. Man hörte Gelächter zwischen den Lazarettzelten, schwor sich ewige Kameradschaft und trank auf die Gefallenen wie auf die eigene Unverwundbarkeit.
Dass diese Heldentaten in Liedern und Legenden der Barden weitergetragen werden würden, war selbstverständlich. Namen würden zu Reimen geformt, Opfer zu strahlenden Bildern verdichtet, Zweifel aus den Strophen gestrichen.
Doch hinter dem Klang der Becher und dem Pathos der Erzählungen zog man bittere Bilanz.
Viele namhafte Bronnjaren waren gefallen. Alte Linien waren jäh gekappt worden, Wappen ohne Erben, Güter ohne Herren. Der Orden zur Jagd und die Familie von Ask hatten einen hohen Blutzoll gezahlt; ihre Reihen waren ausgedünnt, ihre Zukunft ungewiss.
Leudara tot. Ihr Name wurden leiser gesprochen als andere, doch nicht weniger endgültig. Viel Bedauern und Trauer. Sie hatte in den letzten Wochen viele Anhänger gefunden, die nun ohne sie leben mussten. Schon schien es, als formten sich erste Legend um das Leben der eigenwillige Rondrageweihte.
Und Olko - aber das wussten nur die wir - auch tot und nicht nur vermisst.
Andere hingegen hatten überlebt. Die Hexen Zelda von Ilmenstein und Tschinjuscha ter Sappen entgingen dem Inferno und würden ihre eigenen Schlüsse aus dem Erlebten ziehen. Auch die Norbardin Fetanka Jantareff hatte überlebt.
Dank seines opfervollen Einsatzes in der Schlacht stieg auch der Ruf Alderichs von Notmark wieder. Der Schatten des Verrats, der über ihm und seiner Familie gelegen hatte, begann zu weichen. Man sprach wieder mit Respekt von seinem Namen, und nicht mehr mit Misstrauen. Notmark war verwüstet – doch ihr Herr hatte sich im Feuer bewährt.
Für die Schwertern des Nordens wurden nach der Schlacht neue Ordnungen geschaffen. Ein Drittel wurde neu verliehen – nicht allein an Bronnjaren von altem Blut, sondern auch an verdiente Helden der Schlacht. Diese Entscheidung stieß auf Widerstand, auf geflüsterte Vorwürfe und offen gezeigte Missbilligung, doch sie blieb bestehen. Ein weiteres Drittel ging in die Obhut der Rondrakirche, als Zeichen göttlicher Weihe und Verpflichtung. Das letzte Drittel wurde dem Amt des Adelsmarschalls zugesprochen, als weltliches Gegengewicht zur geistlichen Macht.
Doch für alle Schwerter des Nordens galt gleichermaßen: Sie waren kein Besitz im eigentlichen Sinne. Sie wurden verliehen, nicht verschenkt. Sie galten stets als Eigentum des Bornlandes selbst – Symbole eines Landes, das im Feuer beinahe untergegangen wäre und nun blutig neu geordnet wurde.
Und schließlich fand man sie.
Zwischen erkaltenden Lavaströmen, halb eingebettet in schwarzes, noch dampfendes Gestein, lag die Goblintrommel.
Geschwärzt.
Von Hitze gezeichnet.
Von Asche überzogen.
Doch unzerbrochen, unzerstörbar.
Wie ein gewaltiges magisches Relikt trotzte sie dem Inferno, das Stadt und Heer verschlungen hatte. Die Soldaten des Grünen Zugs näherten sich vorsichtig, als erwarteten sie, das Artefakt könne jeden Augenblick erneut Feuer speien oder einen Fluch entfesseln.
Als man in sie blickte, offenbarte sich ihr Inhalt.
In ihrem Inneren – geborgen und beschützt wie in einem Mutterleib aus Holz und Magie – lagen die wir. Versengt, erschöpft, von der Glut gezeichnet, die sie während ihres wilden Ritts auf dem Lavastrom umtost hatte. Die Hitze, der wild Ritt hatte unsere Körper gezeichnet, der Druck des Vulkanausbruchs ihnen den Atem geraubt.
Doch wir lebten.
Man trug uns aus der Trommel wie Verwundete aus einem brennenden Haus, brachte uns in die Lazarettzelte am Rand des Lagers. Dort, zwischen Verbänden, Kräutersuden und dem dumpfen Stöhnen anderer Verletzter, die um ihre Überleben rangen, kurierten wir unsere Blessuren aus – Wunden, die sie nicht im Schwertkampf, sondern im Innern eines unzerstörbaren Artefakts auf einem Strom aus Lava erlitten hatten.
Vor Adelsmarschallin Nadjescha hatten wir uns bewährt, den wichtigeren Auftrag erfüllt.
Nicht für alle Augen sichtbar auf dem Schlachtfeld, nicht in den Reihen der Duellanten oder unter den Bannern der Schwertträger.
Sondern als jene, die das Artefakt den Fängen des Korsmal-Bundes entzogen hatten – ob durch Schicksal, Zähigkeit oder bloßes Überleben. Die Goblintrommel war nicht verloren gegangen. Sie war nicht in feindliche Hände gefallen. Damit hatten wir, die Helden, dem Korsmal-Bund dessen stärkste Kriegswaffe beraubt.
Nadjeschas Blick ruhte länger auf dem uralten mächtigen magischen Artefakt als auf manchem Orden oder frisch verliehenen Schwert.
Und sie dachte nach.
Bisminka von Jassuula hingegen hielt Abstand zu den neu aufflammenden Gesprächen über Besitz, Zuständigkeit und Einfluss. Die Hexe mied die Zelte der Bronnjaren, blieb lieber am Rand des Lagers, wo der Wind noch nach Asche und erkalteter Glut roch. Ihr Blick ging oft zur schwarzen Ebene hinüber, wo einst Häuser gestanden hatten.
Draußen, über der erstarrenden Lava, wehte graue Asche über das, was einmal Notmark gewesen war.
Und niemand, der diese Tage überlebt hatte, würde je wieder behaupten, das Ende der Welt sei nur eine Redensart.
Die Goblinpauke wurde unterdessen von den anwesenden Magiern und Hexen eingehend untersucht. Ihre Erkenntnisse waren beunruhigend. Die Trommel vermag über lange Zeit astrale Energie zu sammeln und beim Schlagen diese geballte Kraft in einem einzigen, verheerenden Impuls freizusetzen – gleich einer herbeigerufenen Naturkatastrophe. Da sie nahezu siebenhundert Jahre ungestört Energie angesammelt hatte, war die entfesselte Zerstörungskraft weit größer gewesen, als es die alten Schriften vermuten ließen.
Nadjescha beschloss, die Trommel zu zerstören. Was nicht gelang. Kein Ritual, kein Bannkreis, kein geweihtes Schwert vermochte das Artefakt zu brechen.
In einem vertraulichen Gespräch wandte sich die Adelsmarschallin schließlich an uns. Die Trommel solle heimlich die Walsach hinab zur Burg Trescha gebracht werden, einem Standort des Widderordens. Gefahren seien zu erkennen und zu umgehen, nicht leichtfertig zu bekämpfen. Parallel dazu werde nach Graf Alatzer gesucht, einer Koryphäe auf dem Gebiet der Goblinmagie. Auch er solle zur Burg Trescha kommen. Unsere Aufgabe sei es dann, sowohl ihn als auch die Trommel bis zu ihrer endgültigen Zerstörung zu schützen.
Unser Kontakt für den Transport trage den Namen Rangnid. Ein Erkennungszeichen gebe es nicht. Man werde ihn erkennen.
Als Bezahlung wurden fünfzig Batzen Handgeld und weitere fünfzig Batzen je Helden bei erfolgreichem Abschluss zugesagt.
Am 17. Rahja wurde der Heerzug „Grüner Zug“ offiziell für erfolgreich erklärt und aufgelöst. Der Feldzug gegen den Korsmal-Bund in der Notmark war beendet.
Sold: Start Heerzug: 13. Peraine, Ende 17. Rahja = 65 Tage
Sold 10S/Tag = 650 Silbertaler pro Held