Von toten Insekten und lauschenden Ottern (24. Rahja 9:00 - 26. Rahja 4:00)
Der Morgen des 24. Rahja brach feucht und kühl über der Walsach herein. Ein dünner Nebel lag über dem Wasser, und die Nebelbringer ruhte gut verborgen zwischen Schilf und Weiden. Der Fluss floss träge dahin, als hätte auch er beschlossen, die Ereignisse der letzten Tage erst einmal in Ruhe zu verdauen. Für meinen Teil hätte ich nichts gegen ein wenig mehr Komfort gehabt – doch Abenteuer, so musste ich mir eingestehen, suchen sich selten Orte aus, an denen guter Wein und weiche Betten warten.
Der Tag begann, wenig überraschend, mit Juris unerschütterlicher Leidenschaft für Wetten. Mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes, der fest davon überzeugt ist, diesmal erneut zu gewinnen, trat er an Gieselhold heran und ließ ein Messer spielerisch durch seine Finger gleiten. Er schlug eine Wette im Messerwerfen vor, begleitet von einem breiten Grinsen und dem Versprechen, dass es diesmal wirklich nur um ein paar Münzen gehen würde. Gieselhold jedoch sah an und lehnte mit einem schlichten „Nein“ ab. Mehr brauchte es nicht. Juri wirkte für einen Moment wie ein Mann, dem gerade ein großes Vergnügen verwehrt worden war, und zog sich schließlich enttäuscht zurück.
Währenddessen hatte Gerald sich bereits am Ufer niedergelassen und seine Angel ausgeworfen. Neben ihm saß Nikolai, der sich immer wieder mit schmerzverzerrtem Gesicht die Wange hielt. Ein Zahn bereitete ihm offenbar große Qualen. Gerald reagierte darauf mit der ruhigen Gelassenheit eines Mannes, der für fast jede Situation ein Kräutlein oder zumindest eine Pfeife zur Hand hat. Er reichte Nikolai etwas Ilmenblatt, und bald saßen die beiden schweigend nebeneinander, rauchten und blickten auf das Wasser hinaus. Als schließlich ein Fisch an der Angelschnur zappelte, betrachtete Gerald ihn kurz – nur um ihn im nächsten Moment großzügig weiterzugeben. Die glückliche Empfängerin war Suzi, der kluge Otter von Katja, der sich den Fang ohne Zögern schnappte.
Katja beobachtete das Tier mit verschränkten Armen und ermahnte ihr Tier eindringlich, ja nicht ans andere Ufer zu schwimmen, wo eine alte Ruine stand, die sie für gefährlich hielt. Suzi schien diese Warnung kaum zu beachten, schnappte sich den Fisch und verschwand im Gebüsch, dicht gefolgt von Katja. Ich konnte mir ein leises Schmunzeln nicht verkneifen. Das Leben auf diesem Schiff war manchmal abwechslungsreicher, als ich es erwartet hatte.
Doch der Vormittag sollte noch deutlich sonderbarere Begegnungen bereithalten. Gegen die neunte Stunde erschien Matajew mit drei Gestalten, die auf den ersten Blick wie große Eichhörnchen wirkten, kaum einen Schritt groß, aber aufrecht und mit einer Selbstsicherheit, die keinen Zweifel daran ließ, dass sie sich ihrer Stärke bewusst waren. Ihre Rüstungen bestanden aus geflochtenen Pflanzen und Holz, und ihre Waffen wirkten ebenso kunstvoll wie funktional. Es waren Biestinger, genauer gesagt Eichhörnchenkrieger.
Der größte von ihnen stellte sich als Hauptmann Tulmador vor und wurde von zwei Adjudanten begleitet, die sich jedoch deutlich weniger für Gespräche interessierten als für das Gepäck der Helden. Besonders ihre Aufmerksamkeit galt der Goblintrommel, die sorgfältig abgedeckt auf dem Deck lag. Auf Rangnids Aufforderung hin traten wir zu ihnen, und Gerald berichtete von dem, was wir über dunkle Feenwesen und deren Verbindung zum Flusspiraten Einhand erfahren hatten. Tulmador hörte aufmerksam zu und stellte einige gezielte Fragen, bevor er schließlich mit ernster Stimme erklärte, dass dieser Flusspirat ein Paktierer sei. Diese Nachricht hinterließ ein ungutes Gefühl. Seine beiden Begleiter hingegen schienen weiterhin mehr Interesse an der Trommel zu haben als an der düsteren Bedeutung dieser Worte. Schließlich verabschiedeten sich die Biestinger mit dem Versprechen, die Augen offen zu halten.
Der Nachmittag brachte eine Plage ganz anderer Art. Zunächst waren es nur einige wenige Insekten, die um uns herumschwirrten, doch schon bald wurden es mehr, dann noch mehr, bis schließlich ganze Schwärme über uns herfielen. Selbst Egelschreck, jene übelriechende Paste, die normalerweise jedes Getier fernhält, zeigte nur begrenzte Wirkung. Es schien fast, als hätten die Insekten beschlossen, uns mit besonderem Eifer zu belästigen.
Dann rollte in der Ferne ein Donner über den Himmel. Tief und schwer klang er über den Fluss hinweg. Plötzlich verstummten alle Geräusche. Kein Vogel rief, kein Tier raschelte im Unterholz, und selbst das Summen der Insekten erstarb. Einen Augenblick später begann es zu prasseln. Doch es war kein Regen, der auf das Deck der Nebelbringer fiel. Tausende von Insekten stürzten tot aus der Luft herab. Viele von ihnen prallten auf die abgedeckte Trommel und verursachten kleine Schläge, die seltsame Wellen im Wasser rund um das Schiff entstehen ließen. Mir gefiel dieser Anblick ganz und gar nicht. Um die Trommel zu schützen, spannten wir rasch ein Zelt über sie.
Gerald jedoch hatte eine deutlich optimistischere Erklärung für die Ereignisse. Mit überzeugender Stimme erklärte er der Mannschaft, dass Rondras Donner die Plage hinweggefegt habe und die Löwin offenbar auf unserer Seite stehe. Die Besatzung schien diese Deutung nur allzu gern zu akzeptieren.
Kurz bevor das Schiff am Abend ablegente, kehrte Katja mit Suzi zurück, gerade nocht rechtzeitig. Gerald und ich übernahmen die Wache bei der Trommel. Kaum hatte ich mich jedoch darauf eingestellt, dass nun vielleicht endlich etwas Ruhe einkehren würde, kletterten plötzlich fünf Otter-Biestinger über die Reling. Sie erstarrten, als sie uns erblickten, und wir starrten ebenso überrascht zurück. Ihr Blick wanderte immer wieder zur Trommel, und es war offensichtlich, weshalb sie gekommen waren.
Also tat ich das Einzige, was mir in diesem Moment sinnvoll erschien: Ich begann zu erzählen. Von Abenteuern, von Reisen, von Schlachten und von den vielen wunderbaren Dingen, die das Leben eines Helden bereithält. Während ich sprach, versammelten sich immer mehr Zuhörer um mich. Schließlich saßen rund zwanzig Otter und etwa zehn Fledermäuse – allesamt Biestinger – auf dem Deck und lauschten meinen Geschichten mit erstaunlicher Aufmerksamkeit. Ich muss gestehen, dass ich selten ein derart interessiertes Publikum hatte.
Als sie sich schließlich verabschiedeten, überreichte mir eine Fledermaus eine Walnuss mit den Worten, ich solle sie knacken, falls ich einmal in Not geriete. Ich nahm das Geschenk mit angemessener Würde entgegen. Die Besatzung wiederum dankte mir für meine unterhaltsamen Geschichten mit einer Extraration Meskinnes, damit ich meine vom Erzählen strapazierte Kehle spülen konnte.
Am nächsten Morgen versteckten wir das Schiff erneut im Schilf, um den Tag über verborgen zu bleiben. Während dieser Ruhephase klagte Nikolai erneut über seine Zahnschmerzen. Gieselhold betrachtete den Zahn kurz und beschloss dann, das Problem auf seine Weise zu lösen. Unter dem betäubenden Einfluss von Meskinnes und Ilmenblatt zog er Nikolai den beschädigten Zahn. Während dieser Prozedur meinte er jedoch, für einen kurzen Moment eine dunkle Fee gesehen zu haben, die jedoch ebenso schnell wieder verschwand, wie sie aufgetaucht war.
Ich selbst überprüfte in dieser Zeit noch einmal die Trommel. Sie war fest verschnürt und unversehrt. Im Schilf entdeckte ich jedoch eine weitere Kuriosität: einen Fisch, der Kleidung trug – offenbar eine weitere Art von Biestinger. Dieses Bild prägte sich mir ein, doch ich entschied mich, diese Beobachtung zunächst für mich zu behalten.
Am Abend des 25. Rahja setzten wir unsere Reise fort. Doch schon nach etwa einer Stunde kam Rangnid mit ernster Miene zu uns und erklärte knapp, dass wir ein Problem hätten. Weiter flussabwärts blockierten drei beleuchtete Schiffe den Fluss. Es waren Schiffe des Flusspiraten Einhand. Doch etwas stimmte nicht, denn normalerweise verfügte dieser über fünf Schiffe. Zwei fehlten. Noch seltsamer war, dass sich die Schiffe trotz eines flussabwärts wehenden Windes unter prall gefüllten Segeln flussaufwärts bewegten. Es war offensichtlich, dass hier Kräfte am Werk waren, die nicht natürlichen Ursprungs waren.
Wir trafen rasch eine Entscheidung. Rangnid würde versuchen, die Piraten mit der Nebelbringer abzulenken, während wir mit der Trommel und einem Beiboot an Land gingen, um uns zu verbergen. Bevor wir uns trennten, übergab ich Rangnid die Flasche Premer Feuer, die ich einst für sie besorgt hatte. Sie nahm das Geschenk mit einem breiten Grinsen entgegen, dann verschwand ihr Schiff im Nebel und glitt flussaufwärts davon.
Wir verbargen uns im Schilf und warteten. Die Piratenschiffe zogen schließlich an uns vorbei, getragen von einem Wind, der ganz gewiss nicht von Efferd gesandt worden war. Erst eine Stunde später wagten wir uns wieder auf den Fluss. Wir ruderten weiter flussabwärts, setzten schließlich über und suchten eine geeignete Stelle, um das Boot zu verstecken. Von dort aus machten wir uns zu Fuß auf den Weg zur Burg Trescha.
In der Nacht des 26. Rahja, gegen die dritte Stunde, erreichten wir schließlich die Hügel vor der Burg. An einer Weggabelung stand ein Wegweiser, der nach Norden zur Ortschaft Otra zeigte – obwohl Otra eigentlich südlich von Trescha lag. Da wir die Burg bereits vor uns sehen konnten, entschieden wir uns, das Schild zu ignorieren und unseren Weg fortzusetzen.
Der Pfad wand sich hinauf zur Klippe, auf der die Burg thronte. Unterwegs kamen wir an einer kleinen Wachhütte vorbei, die jedoch verlassen war. Als wir schließlich das Burgtor erreichten, mussten Gerald und Gieselhold einige Überzeugungsarbeit leisten, um die Wachen davon zu überzeugen, uns einzulassen. Mitten in der Nacht erwartete man hier feindliche Truppen, und vier Fremde mit geheimnisvollem Gepäck wirkten verständlicherweise verdächtig.
Schließlich öffnete sich jedoch das Tor. Die Burg selbst befand sich in keinem besonders guten Zustand. Überall standen Gerüste, und Baumaterialien lagen bereit, um Mauern und Gebäude auszubessern. Dennoch war deutlich zu erkennen, dass die Ritter und Ordensleute wachsam und kampfbereit waren. Offenbar rechnete man jederzeit mit einem Angriff.
Schließlich wurden wir der Burgmeisterin vorgestellt: Larle von Bronskoje. Während wir vor ihr standen, wurde mir klar, dass unsere Reise auf der Walsach zwar zu Ende war – doch das eigentliche Abenteuer wohl erst jetzt begann.
Biestinger Infos <Meister ergänzt>