Oktober 13, 2024

Auf geht’s zum Riesen

Am späten Morgen des 14. Phex, als die Sonne ihren strahlenden Glanz über den Lagerplatz ausbreitete, trat eine geheimnisvolle Gestalt aus den Schatten des Waldes hervor. Sie stellte sich mit einer Stimme, die wie das Flüstern des Windes klang, als Bisminka von Jassuula vor. Gerald erinnert sich daran, den Namen dieser alten Frau schon mal in Festum an der Universität gehört zu haben, war sich aber nicht mehr sicher in welchem Zusammenhang.

Während Bisminka, Gieselhold und Gerald sich in ein Gespräch bei einer dampfenden Tasse Tee vertieften, begaben sich die anderen in die tiefen, geheimnisvollen Wälder, um anzufangen das Holz für ein neues Floss zu sammeln.

Spieler: Christoph, Christian (GM), Sascha (Berichterstatter)

Bisminkas Worte trugen das Gewicht einer düsteren Wahrheit: Wieder sind wir eine Spielball von Frauen: Die Anführerin der Frauengruppe, die unser Floss in ihre Gewalt gebracht hatte, hieß Zelda. Sie war, wie Ricarda und die anderen vier Frauen, Hexen. Um dem wieder erwachenden Bornland wieder seine urtümlichen Kräften zu übergeben, will Zelda den Riesen Milzenis von seinem grausamen Fluch, der ihn im Bornwald bzw. an die Quelle des Bornwaldfluss Sarn fesselt, befreien. Sie ist der Überzeugung, dass Milzenis dazu nur zu einem Schrei unendlicher Wut provozieren werden müsse. Denn Zelda glaubt, dass das Erwachen von ihr fordere, Milzenis’ Zorn als Racheinstrument gegen die Erben der Theaterritter einzusetzen.

Trotz intensivster Bemühungen, war es Bisminka leider nicht möglich gewesen Ricarda davon zu überzeugen, nicht bei Zeldas wahnsinnigen Plan mitzuwirken. Gestern habe Bisminka versucht Zelda nochmals zu überzeugen, ihren Plan aufzugeben. Was aber nicht funktionierte. Geschwächt habe Zelda ihre Schwester hier in der Nähe der Helden zurückgelassen, da ein Morde – trotz der Rivalität und trotz ihres Wahnsinns – ein unverzeihliches Sakrileg wäre.

Mit jedem Schluck Tee offenbarte Bisminka die schockierenden Geheimnisse, die die Schatten der Vergangenheit umhüllten. Der der im Bornland verehrte finstere Magier Urnislaw hatte den Riesen verflucht. Für dieses Vorhaben benötigte er mehrere Dinge. Den Hexenfluch und Seelen, um den Fluch dauerhaft aufrechterhalten zu können. Zu diesem Zweck unterwanderte er einen Hexenzirkel, dem er diesen Fluch entreißen konnte. Es war eine grausame Tat, als er den gesamten Zirkel tötete und die Seelen der sechs Hexen in unterschiedliche Bäume, welche im ganzen Bornland verteilt waren, gebunden hatte.

Vor ca. zwei Monaten hatte nun Witold Broschkin von Westermund einen dieser Seelenbäume gefällt, obwohl seine Familie seit Generationen diesen schütze. Den Stamm des Seelenbaums habe er dann mit weiterem Holz nach Irberod gebracht, um – wie mit ihm vermutlich vereinbart – diesen dort an den Hexenzirkel um Zelda zu liefern.

Währenddessen hatte Ricarda dafür gesorgt, dass Alriksej bei dem Wettbewerb als Sieger hervorgeht. Dafür hatte sie systematisch den Wettbewerb zu seinen Gunsten beeinflusst. Darin war sie so geschickt, dass niemand, nicht mal die Träger des Blauen Buches, erkannte oder gar erahnten, dass es nicht mit rechten Dingen zugehen könne, als dieser unbekannte Alriksej so „selbstverständlich“ alle Wettbewerbe gewann. Des weiteren hat Ricarda vermutlich behutsam die Idee, per Floss auf dem Fluss den Stahl zu transportieren, Alriksej (und den Helden?) eingepflanzt, in dem sie – zum Beispiel – gezielt von diesem Akt eines Verzweifelten abgeraten habe. Aber die Saat war erfolgreich gestreut worden.

Um jetzt sicherzustellen, dass es für Alriksej zu dieser „selbstmörderischen“ Stahltransport per Fluss durch (!) den Bornwald keine echte Alternative mehr gab, sorgte Ricarda dann dafür, dass Alriksejs Ochsen „nicht mehr zur Verfügung“ standen. Außerdem wusste sie, dass einem Norbarden niemand in Irberod helfen würde. Selbst die Schiedsrichterin, eine Rondrageweihte, war – trotz aller Widrigkeiten – gezwungen Alriksej trotzdem zum Sieger zu erklären. Auch wenn dies bedeutete, dass der Stahl für den Firuner Tempel – im Bornwald – verloren geht.

Alles ging – wie geplant – auf und somit konnte auch der Baumstamm, in dem die Seele von Soscha gebunden war, dem Floss integriert werden.

So war jetzt der Stamm zu Zelda gelangt, die mit teuflischer List plante, den Riesen in einen tiefen Schlaf zu versetzen, um dann in seine Träume einzutreten und ihn so wütend zu machen, dass er sich von seinem Fluch befreien könne.

Unklar war uns nur, wieso die sechs Hexen nicht einfach den Baumstamm fliegend transportiert hätten. Soweit wir wussten, ist doch Fliegen für Hexen kein Problem. Und man kann es als Wunder ansehen, dass dieser komplexe Plan aufgegangen ist. Dazu erklärte Bisminka, dass es „in dieser Saison“ leider zu „Engpässen“ bezüglich der „Verfügbarkeit“ von Flugsalbe kam. Ursachen und Gründe seien Hexeninterna, deren „Darlegung“ an „nicht-Betroffen“ ihr nicht „schicklich“ erscheine. Frauensachen halt. Mit wissenden Kopfnicken signalisierten wird, dass wir mit dieser Erklärung zufrieden sind, obwohl wir überhaupt nix verstanden haben. Aber welcher Mann versteht schon Frauen?

Auf unsere Nachfragen wieso Bisminka verhindern wolle, dass Milzenis von seinem Fluch befreit und damit auch die Seelen ihre Mitschwestern erlöst werden, erklärte uns Bisminka, dass sie unsere Frage verstünde. Aber ein befreiter und wütender Milzenis würde tausende von Todesopfern unter allen Bewohnern des Bornlandes bedeuten. Sie wolle das genauso wie jeder wahrhaft Zwölfgötterglaubige verhindern.

Bisminka, die uns mit einem eindringlichen Blick durchdrang, bat uns, das zu Verhindern, in dem wir den Baumstamm und ggf. weitere Artefakte, die Zelda in ihren Besitz gebracht hatte, zu „besorgen“. Diese Artefakte durften nicht dazu benutzt werden in die Träume des Riesen einzudringen, denn sie waren der Schlüssel zu seinem Schicksal.

Den Stamm des Seelenbaums sollen wir dann nach Norburg bringen, da dort Bisminka einen Lehrstuhl an der ehrwürdigen Magierakademie, der Halle des Lebens, innehatte.

Gieselhold skizzierte, dass wir uns vorstellen könnten eine derartig schwierige Mission zu übernehmen. Es müsse nur klar, sein, dass so ein Gefallen nicht vergessen werden dürfe.

Als Zeichen ihrer Dankbarkeit versprach sie uns diesen Gefallen, der uns in den kommenden Tagen von unschätzbarem Wert sein könnte. Bisminka stellte aber noch einmal deutlich und unverhandelbar fest, dass eine Töten ihrer Schwestern niemals nie in Frage käme oder gar erwägt werden dürfe. Ein derartige frevelhafte Handlung würde sicherlich die „Missgunst“ der Hexenweltgemeinschaft nach sich ziehen.

Nach dieser kräftigen Tasse Tee, fassten wir den mutigen Entschluss, querfeldein zum geheimnisvollen Wohnsitz des Riesen zu ziehen. Unser Ziel war es, noch vor der gefürchteten Zelda beim Giganten zu sein. Mit Bedacht versteckten wir die wertvolle Stangen unter der schimmernden Schneedecke, denn wir gingen davon aus, dass hier im Bornland niemand an dem Stahl Interesse haben sollte.

So brach unsere tapfere Gruppe auf, bestehend aus den unerschütterlichen Kriegern Gieselhold, Gamrik, Geron, Gerald, Alriksej und der mutigen Bisminka. Es war die 15. Stunde des Tages, und die Sonne neigte sich bereits dem Horizont entgegen, während wir uns aufmachten. Der Wind pfiff durch die Bäume, und die Kälte umarmte uns wie ein alter Freund, während wir durch den geheimnisvollen Wald schritten. Es entfaltete sich ein lebhaftes Gespräch zwischen Gieselhold und Bisminka, die sich ebenfalls als mächtige Hexe zu erkennen gab, auch wenn ihr gerade die nötige Energie fehlte.

Plötzlich erblickten wir einen gewaltigen Fußabdruck, der sich majestätisch in den Boden eingegraben hatte und etwa einen Schritt lang war. Ein Anblick, der uns in Staunen versetzte, denn es war höchst ungewöhnlich, dass in diesem gewaltigen Abdruck nichts als Moos wuchs. Man erzählt sich, dass, wo immer dieser gigantische Wanderer seinen Pfad beschreitet, die Natur ihm folgt. Aus den gewaltigen Spuren, die er im Boden hinterlässt, würden nach kurzer Zeit majestätische Bäume empor sprießen. Gerald, von Neugier gepackt, sprang in den Fußabdruck und sammelte etwas Erde, die er später untersuchen wollte. Mehr Zeit blieb nicht, da unser Ziel zeitkritisch war. Mit jedem Schritt, den wir weiter in den Wald vordrangen, spürten wir dessen Geheimnisse. Schließlich fanden wir einen geeigneten Platz, um unser Lager für die Nacht einzurichten, während die Dämmerung sanft über den Wald fiel.

Gerald, der unermüdliche Forscher, analysierte am Lagerfeuer die Erde, die er gesammelt hatte, und stellte fest, dass es sich lediglich um gewöhnliche Erde handelte.

Am nächsten Morgen, den 15. Phex, als die ersten Strahlen der Sonne den Horizont erhellten, brachen wir auf, entschlossen, das Geheimnis des dichten Waldes zu ergründen. Die Bäume standen wie uralte Wächter, ihre Stämme umarmten das Licht und ließen nur spärliche Strahlen auf den Boden fallen. Mit festem Griff um unsere Waffen kämpften wir uns durch das unbarmherzige Unterholz, das uns wie ein lebendiger Feind entgegentrat und immer dichter wurde.

Plötzlich, aus dem Dickicht, schien es als ob sich ein Baum mit einer unheimlichen Präsenz erhob und Gerald angriff. Wie aus dem Nichts schossen dornige Ranken aus dem Boden, schlangen sich um unsere Beine, versuchten uns festzuhalten und unter unsere Kleidung zu kriechen. Bisminka vermutete, dass wir uns in das Gebiet eines Baumfürst, ein uralter Hüter des Waldes, eingedrungen sein müssen. In einem Moment der Panik und des Schreckens wichen wir zurück, über hundert Meter, als ob die Erde selbst uns vor dem Zorn des Waldes warnte.

Es war nun Mittag, die Sonne stand hoch am Himmel, und wir mussten einen Umweg in Kauf nehmen, um das Gebiet des Baumfürsten zu umgehen. Auf unserem neuen Pfad entdeckten wir Sträucher, die mit goldenen Haselnüssen behangen waren. Gerald, der die Gaben der Natur schätzte, sammelte eifrig einige Nüsse ein. Doch das war nicht alles – als wir weitergingen, sahen wir auch majestätische Apfelbäume, ihre Äste schwer von reifen Früchten. Auch hier konnte Gerald nicht widerstehen und er pflückte zehn prächtige Äpfel. Als sich Gerald einige der anderen Bäume genauer ansah, wurde klar, dass hier auch Bäume von dem Riesen geerntet wurden. Denn die Reste der herausgerissenen Bäume lagen verteilt am Boden herum. Insgesamt hatte Gerald ca. ein Kilogramm Haselnüsse und zehn saftige Äpfel für die Reise gepflückt.

Plötzlich durchbrach ein tiefes Grollen die Stille des Waldes, und die Luft erfüllte sich mit dem Flügelschlagen panischer Vögel, die in alle Richtungen davonflogen. In einem Moment der Angst versteckte sich jeder der Gruppe so schnell es möglich war. Nachdem es fünf Minuten lang keine weiteren Geräusche gab, begab sich Gerald zu seinen Gefährten (zumindest zu denen welche er entdecken konnte). Nach einer gefühlten Ewigkeit, in der wir uns vorsichtig voranbewegten, kehrten die normalen Geräusche des Waldes zurück und wir begannen normal weiter zu gehen. Wir gingen noch ein Stück und fanden dann einen schönen Lagerplatz für die Nacht um uns den erholsamen Träumen hinzugeben.

Am 16. Phex, als die ersten Strahlen der Morgensonne den nebelverhangenen Wald erhellten, begaben wir uns weiter auf eine Reise zum Lagerplatz des Riesen. Gieselhold entdeckte in der Ferne, etwa dreißig Schritte entfernt, einen toten Elch, der in den Ästen hing wie ein düsteres Omen. Mit äußerster Vorsicht setzten wir unseren Weg fort, vorbei an dem Baum, der das verfallene Tier barg. Bald darauf stießen wir auf eine Stelle, an der ein etwa ein Schritt langer Fuß den Boden aufgewühlt hatte. Unbeirrt folgten wir unserem Plan auf direktem Weg zur Quelle zu gehen.

Nach einer kurzen Strecke kreuzten spuren des Riesen unseren Weg, in einem Winkel von ca. 45°. Gieselhold, unerschrocken und mutig, erklomm einen Baum und entdeckte von dort oben, dass die Wipfel mehrerer Bäume abgetrennt waren und diese dann kunstvoll zwischen den anderen Bäumen drapiert waren. Ein unheimliches Bild, das uns die Entschlossenheit gab, unseren geplanten Pfad weiter zu verfolgen.

Zur Mittagszeit erreichten wir eine Lichtung im Herzen des Waldes, auf der ein Stapel toter Tiere lag – zumindest hofften wir das es Tiere waren, da ihre schwarzen Felle im Mittagslicht schimmerten. Vorsichtig schlichen wir am Rand der Lichtung entlang, das Herz pochte in unseren Ohren, doch es geschah nichts.

Als der Abend hereinbrach, entdeckten wir eine Kuhle, in der Büsche und Sträucher ein temporäres Lager formten. In den Ästen über der Kuhle hingen seltsame Dekorationen, die uns frösteln ließen. Dennoch entschieden wir uns, weiterzuziehen und fanden schließlich nicht weit entfernt einen geeigneten Lagerplatz für die Nacht.

Als die Nacht hereinbrach, durchbrach ein unheimliches Geräusch die Stille – Schritte und raschelnde Geräusche, die aus dem tiefen Wald zu uns drangen. Plötzlich stürmten zahlreiche Wildtiere auf uns zu, als wären sie von einer unsichtbaren Macht herbeigerufen worden. In einem Moment der Panik weckten wir unsere Gefährten, löschten das flackernde Feuer und suchten hastig Zuflucht im Dunkel der Nacht. Die Minuten dehnten sich zu einer Ewigkeit, während wir in der Stille verharrten, bis schließlich die Geräusche verebbten und die Nacht wieder in ihren friedlichen Schlaf fiel. Mit einem Gefühl der Erleichterung reaktivierten wir unser Lager und fanden schließlich den ersehnten Schlaf, der uns bis zum Morgen trug.

Als die ersten Sonnenstrahlen des 17. Phex den Horizont durchbrachen, machten wir uns auf den Weg. Wir erreichten den Fluss Sarn, kurz vor seiner Quelle, dessen glitzerndes Wasser uns rief. Wir folgten dessen Lauf zur Quelle, und bald entdeckten wir eine geheimnisvolle Stelle, an der der Riese sein Werkzeug liegen gelassen hat. Auch konnten wir sehen, dass Felsen und Bäume mit Muster und einer Art von Schriftzeichen verziert waren. Etwas das wir bis heute nirgends wo so gesehen haben.

Die Anspannung stieg in uns auf, als wir das Lager des Giganten erblickten. Dort, in der warmen Quelle, lag der Riese und schlief, umgeben von dampfenden Wassern, die wie ein schützender Schleier wirkten. Im Hintergrund konnten wir den Eingang zu einer Höhle sehen. Links und rechts vor dem Eingang waren zwei Felsen aufgestellt, über denen eine Art Vordach aus Holz gelegt war.

Doch als wir uns dem schlafenden Riesen näherten, erblickten wir in etwa dreihundert Meter entfernt, sechs Gestalten die vor dem Becken lagen. Es waren die Hexen, unter ihnen auch Ricarda, die bereits in die Traumwelt des Riesen eingetaucht schienen.

Ein Gefühl der Anspannung durchfuhr uns, während wir uns darauf vorbereiteten, das Unbekannte zu betreten und das Schicksal, das uns erwartete, zu enthüllen.