Juli 7, 2026

Das Läuten der Glocke (Tag 11 NKJ – 12 NKJ)

Am Morgen des elften Tag unserer Reise untersuchten wir neugierig das Glöckchen, das Gieslhold während seiner Wache gefunden hat. Es war kein einzelnes Gebimmel, sondern ein vielstimmiges, Läuten, als würden dutzende kleiner Glöckchen gleichzeitig erklingen. Die Töne waren weder laut noch besonders schrill, doch sie krochen einem unter die Haut. Noch ehe mein Verstand begriff, was geschah, stellten sich mir die Nackenhaare auf. Jeder Instinkt schrie, dass dieses Läuten nichts Gutes verhieß.

Ohne lange nachzudenken zog ich mich in die verlassene Hütte zurück, die uns in der Nacht als Lager gedient hatte. Während ich im Türrahmen nach draußen blickte, erkannte Gieselhold als Erster, dass sich rings um die Hütte etwas veränderte. Aus den Pflanzen und dem feuchten Wiesenboden begann langsam Rauch oder Nebel aufzusteigen. Erst waren es nur dünne Schwaden, doch sie verdichteten sich mit jeder Minute.

Gerald schien davon kaum etwas wahrzunehmen. Vollkommen gebannt hielt er das kleine Glöckchen in den Händen und wirkte, als wäre er in eine andere Welt versunken. Sein Blick war leer, gleichzeitig aber voller Staunen, als lausche er einer Melodie, die nur er hören konnte. Gieselhold versuchte ihn mit ruhigen Worten dazu zu bewegen, endlich in die Hütte zu kommen, doch Gerald reagierte kaum.

Erst als ich ihn eindringlich ansprach und ihn beinahe anflehte, dieses verfluchte Ding endlich loszulassen, schien meine Stimme zu ihm durchzudringen. Zögernd öffneten sich seine Finger, das Glöckchen fiel zu Boden, und gemeinsam schafften wir es im letzten Moment, uns in die Hütte zurückzuziehen.

Draußen nahm der Nebel inzwischen Gestalt an. Vor unseren Augen erhoben sich langsam Wesen aus den grauen Schwaden. Manche waren kaum achtzig Finger hoch, andere ragten weit über zwei Schritt hinaus. Einige wirkten menschenähnlich, andere erinnerten an aufrecht gehende Tiere. Sie alle bewegten sich geduckt und schlurfend, lautlos und ohne erkennbare Eile, als hätten sie alle Zeit der Welt.

Niemand sprach ein Wort.

Gerald griff schließlich nach einer brennenden Fackel und streckte sie einer der Gestalten entgegen. Kaum kam das Licht in ihre Nähe, zuckte er schmerzhaft zusammen. Er ließ die Fackel fallen und umklammerte seine Hand. Die Haut war gerötet, als hätte er sie in ein Brennnesselfeld getaucht. Gieselhold handelte sofort. Mit geübten Griffen kühlte er die Verletzung, reinigte sie sorgfältig und behandelte sie mit Meßkinnes, während Gerald sich mühsam den Schmerz verkniff.

Wir verbrachten Stunden schweigend in der Hütte. Niemand wagte sich hinaus. Die Gestalten wanderten langsam zwischen den Bäumen umher, ohne die Hütte anzugreifen oder überhaupt Notiz von uns zu nehmen. Erst gegen Mittag begann sich der Nebel allmählich wieder aufzulösen. Ebenso lautlos, wie sie erschienen waren, verschwanden auch die unheimlichen Wesen.

Vorsichtig trat ich als Erster wieder ins Freie. Das Glöckchen lag noch immer dort, wo Gerald es hatte fallen lassen. Mit größter Sorgfalt fixierte ich den Klöppel, damit es nicht erneut erklingen konnte, wickelte es fest in das alte Tuch und legte alles zurück in die schwarze Holzkugel. Diese wiederum verschwand tief in meinem Rucksack. Manche Dinge musste man nicht verstehen. Es genügte vollkommen, sie daran zu hindern, sich erneut bemerkbar zu machen.

Den Rest des Tages führte unser Weg durch Wälder, über einsame Wiesen und vereinzelte Lichtungen. Immer wieder stießen wir auf kaum erkennbare Spuren alter Straßen oder längst verfallener Bauwerke. Irgendwann mussten hier einst Wesen, menschenähnlich aber von größerer Gestallt gelebt haben. Nun hatte sich die Natur alles zurückgeholt.

Erst am späten Nachmittag stellte sich uns ein neues Hindernis entgegen. Ein etwa zwei Schritt tiefer Graben durchschnitt unseren Weg. Darin floss eine schwarze, ölige Flüssigkeit, deren Oberfläche nahezu regungslos dalag. Nebelschwaden stiegen daraus empor, begleitet von einem stechenden Geruch, der selbst aus einiger Entfernung in Nase und Augen brannte.

Wie so oft war Gieselhold der Erste, der eine Lösung fand. Seine inzwischen bewährte Taktik aus Sprung und Seilsicherung brachte uns schließlich auch über dieses Hindernis. Ich begann mich ernsthaft zu fragen, ob der Mann überhaupt wusste, was Angst bedeutete.

Gegen Abend fanden wir eine überraschend friedliche Waldlichtung, die sich hervorragend für ein Lager eignete. Während Gerald noch ein einzelnes Ilmenblatt entdeckte und sorgfältig einpackte, kümmerte ich mich um den Aufbau unseres Lagers und sammelte genügend Holz für ein kräftiges Feuer. Anschließend versorgten wir Geralds verletzte Hand erneut mit einem Verband, den wir reichlich mit Wirseltrank tränkten. Die Rötung ging bereits merklich zurück.

Die Nacht verlief zunächst ruhig. Erst während Geralds Wache wurde die Stille durch ein dumpfes, rhythmisches Klopfen unterbrochen. Es schien tief aus dem Sumpf zu kommen und wurde allmählich lauter, als würde sich etwas Schweres langsam nähern. Keiner von uns konnte erkennen, was dieses Geräusch verursachte. Ebenso plötzlich, wie es begonnen hatte, verstummte es wieder. Die Dunkelheit gab ihr Geheimnis nicht preis.

Am nächsten Morgen des 12 Tags war Geralds Hand bereits erstaunlich gut verheilt. Die Wunde war verschorft, und auch das brennende Gefühl war vollständig verschwunden. Gieselhold hingegen machte sich sofort auf die Suche nach der Ursache des nächtlichen Klopfens. Tatsächlich entdeckte er im Wald mehrere Bäume mit frischen Axtspuren. Wer immer hier unterwegs gewesen war, hatte Werkzeug benutzt. Diese Erkenntnis war beinahe beunruhigender als jede Bestie.

Unter der Führung unseres Otter-Fähnrichs Yilgrim setzten wir unseren Weg durch das Sumpfland fort. Am frühen Nachmittag tauchte zwischen den Nebelschwaden ein verwitterter Wegweiser auf. Dichter, eisiger Nebel kroch um seinen Fuß und breitete sich über den Boden aus.

Natürlich war es wieder Gieselhold, der sich als Erster näherte. Kaum hatte er den Nebel betreten, kroch ihm die eisige Kälte in die Stiefel, unter die Kleidung und bis tief in die Knochen. Dennoch erreichte er den Wegweiser und konnte die eingeritzten Symbole erkennen. Aus Westen – also aus der Richtung, aus der wir gekommen waren – zeigte ein Baum. Nach Osten wies ein Berg mit einem auffälligen Loch. Im Süden war ein Torbogen dargestellt, im Norden ein Wasserfall.

Nachdem Gieselhold zurückgekehrt war, entschieden wir uns für den Weg in Richtung des Berges mit dem Loch.

Keine dreihundert Schritt später fanden wir tatsächlich einen erhöhten Damm, der schnurgerade durch den eigentlichen Sumpf führte. Beim Hinaufklettern rutschte Gieselhold kurz aus und legte dabei zufällig ein grünlich schimmerndes Kristallfragment frei. Wir nahmen es mit, auch wenn niemand sagen konnte, welche Bedeutung es besitzen mochte.

Je weiter wir dem Damm folgten, desto unwirtlicher wurde die Umgebung. Unter uns bewegten sich Krokodile durch das trübe Wasser, während sich gewaltige, wohl fünf Schritt lange Würmer träge durch den Morast schlängelten. Vor uns erhoben sich schließlich zwei gewaltige Felsen, zwischen denen der Damm hindurchführte. Beide schimmerten in einem schwachen, grünlichen Licht. Zunächst hielten wir sie für von Moos überwachsen, doch bei näherem Hinsehen schien das Leuchten eher von Pilzen oder anderen fremdartigen Gewächsen auszugehen.

Gleichzeitig wurden die Sumpfdämpfe immer dichter. Das Atmen fiel zunehmend schwer. Der Damm, der bisher mehrere Schritt über der Wasseroberfläche verlaufen war, senkte sich langsam ab, bis er schließlich kaum noch aus dem Morast herausragte. Dort unten war die Luft kaum noch zu ertragen.

Während wir noch überlegten, wie wir diesen Abschnitt überwinden sollten, begann Gerald zu lächeln. Wortlos öffnete er seinen Rucksack und zog mehrere kleine Fläschchen hervor. Es war jener Sud, den er ursprünglich für Unterwasserexpeditionen gekauft hatte – ein Trank, der es erlaubte, mehrere Minuten lang die Luft anzuhalten. Sechs Portionen hatte er dabei.

Manchmal fragte ich mich, ob Gerald einfach nur unglaublich vorausschauend war oder ob die Zwölfe selbst ihm heimlich verrieten, welche Prüfungen noch vor uns lagen. Diesmal jedenfalls war seine eigenwillige Sammelleidenschaft genau das, was uns möglicherweise das Leben retten würde.