Juli 14, 2026

Das Wandern ist des Helden Frust (12. - 16 NKJ)

Der Weg wurde schließlich so unangenehm, dass wir uns vorsichtig durch den letzten Abschnitt bewegten. Zwischen den Felsen und dem sumpfigen Boden hindurch arbeiteten wir uns Stück für Stück voran, bis wir endlich den Zugang im Felsen erreichten. Vor uns lag ein dunkler Durchgang, der tief in das Gestein führte. Hinter uns lagen der Sumpf und die unübersichtliche Landschaft, durch die wir uns in den vergangenen Tagen gekämpft hatten. Vor uns lag etwas, das zumindest den Anschein erweckte, als wäre es von Menschen oder einer anderen intelligenten Macht geschaffen worden. Nach allem, was wir inzwischen gesehen hatten, war das allerdings kein Grund zur Beruhigung.

Wir betraten den Durchgang und stellten schon nach kurzer Zeit fest, dass wir uns nicht einfach in einer natürlichen Höhle befanden. Der Weg führte durch einen künstlich wirkenden Tunnel, dessen Wände und Verlauf darauf schließen ließen, dass hier einst jemand erheblichen Aufwand betrieben hatte. Je weiter wir vordrangen, desto mehr veränderte sich die Umgebung. Schließlich gelangten wir in einen Bereich, in dem die Felsen von seltsam leuchtenden Pilzen überwuchert waren. Ihr Licht war blassgrün und pulsierte in einem eigenartigen Rhythmus, sodass die Umgebung niemals vollständig dunkel wurde.

Die Pilze reagierten auf unsere Bewegungen. Das wurde uns spätestens klar, als ich vorsichtig mit der Schwertscheide nach vorne tastete. Kaum bewegte ich sie, schienen sich auch die Pilze zu verändern. Es war keine besonders angenehme Erkenntnis, denn normalerweise schätze ich Dinge, die nicht auf meine Anwesenheit reagieren, deutlich mehr als solche, die es doch tun. Wir bewegten uns deshalb äußerst vorsichtig weiter, teilweise laufend, teilweise kriechend und immer wieder darauf bedacht, möglichst wenig von der unangenehm stickigen Luft einzuatmen.

Nach diesem Abschnitt begann der Weg abzufallen. Der Tunnel führte uns immer tiefer hinunter und schließlich durch einen schmalen Canyon. Zu beiden Seiten des Weges verlief Wasser, während die Luft allmählich wieder besser wurde. Nach der stickigen und giftigen Umgebung zuvor war allein das schon eine angenehme Veränderung. Schließlich öffnete sich der Weg vor uns zu einem großen, ungefähr dreißig Schritt durchmessenden Becken. Vier mögliche Wege führten von dort aus weiter. Im Osten verlief ein feuchter, rutschiger Weg, an dessen Wänden mineralische Ablagerungen zu erkennen waren und dessen Luft merklich kühler wurde. Im Südosten beziehungsweise Süd-Südosten führte ein trockener, ebenfalls kühler Tunnel weiter. Weiter südlich stieg ein trockenerer, überwucherter Weg leicht an; dort schien die Luft von allen Möglichkeiten am besten zu sein. Im Westen lag schließlich der Weg, den wir gekommen waren.

In der Mitte des Beckens stand eine verfallene steinerne Hütte. Sie war nicht besonders einladend, aber nach dem Marsch durch den Sumpf und den anschließenden Tunnel war uns mittlerweile beinahe jeder Ort recht, an dem wir unsere Ausrüstung ablegen konnten, ohne sofort im Boden zu versinken. Wir beschlossen daher, dort unser Lager aufzuschlagen und die Nacht abzuwarten.

Während der Nacht machte Gieselhold eine Beobachtung, die uns am nächsten Morgen noch beschäftigen sollte. Er berichtete von einem ungefähr fünf Schritt hohen Schatten, der sich auf die Hütte zubewegt hatte. Besonders beunruhigend war dabei die Form des Kopfes, die er als riesigen Schädel beschrieb. Das Wesen beziehungsweise der Schatten war auf die Hütte zugekommen und dann plötzlich an der Wand des Beckens verschwunden. Als wir am nächsten Morgen nach Spuren suchten, fanden wir allerdings nichts, was diese Begegnung eindeutig bestätigen konnte. Gieselhold entdeckte lediglich frisches Moos an einer Stelle, an der sich eigentlich deutliche Fußspuren hätten befinden müssen. Das war nicht gerade beruhigend, aber zumindest gab es uns etwas, worüber wir nachdenken konnten.

Wir entschieden uns schließlich für den Tunnel, der in süd-südöstlicher Richtung führte. Auch dieser Weg erwies sich als künstlich angelegt. Immer wieder wurde der Tunnel breiter, und an verschiedenen Stellen gab es Ausbuchtungen, die offenbar dazu dienten, dass sich größere Gruppen oder vielleicht sogar Wagen begegnen konnten. Es war schwer zu sagen, wie alt diese Anlage war. Alles wirkte verlassen und vergessen, gleichzeitig aber so durchdacht, dass ich mich des Eindrucks nicht erwehren konnte, dass hier einst ein ziemlich bedeutender Verkehrsweg verlaufen sein musste.

In der folgenden Nacht hörte ich selbst etwas, das mir zunehmend unangenehm wurde. Irgendwo im Tunnel erklang ein regelmäßiges Klopfen. Metall schlug in gleichmäßigem Rhythmus auf Stein. Es war nicht laut, aber gerade die Regelmäßigkeit machte es beunruhigend. Es klang nicht wie zufällige Geräusche eines alten Tunnels, sondern wie etwas, das von jemandem verursacht wurde. Wir konnten jedoch nicht feststellen, woher es kam. Also blieb uns nichts anderes übrig, als die Nacht abzuwarten.

Am vierzehnten Tag führte der Tunnel weiterhin nach Süd-Südosten und gleichzeitig langsam bergab. Schließlich stießen wir auf einen klaren unterirdischen Bach. Das Wasser war frisch und kühl, etwa zwei Schritt breit und ungefähr einen halben Schritt tief. Gieselhold nutzte die Gelegenheit sofort, um zu trinken und seine Feldflasche aufzufüllen. Auch ich konnte nicht widerstehen, denn nach all den Tagen mit zweifelhaftem Wasser und feuchten Sümpfen wirkte dieser Bach beinahe wie ein Geschenk der Götter.

Neben dem Weg entdeckte ich später eine fossilartig verfestigte Muschel, die schwach leuchtete. Sie war kein gewöhnlicher Fund, zumindest hatte ich so etwas noch nie gesehen. Yilrim zeigte ebenfalls großes Interesse an den leuchtenden Steinen und begann, einige davon einzusammeln. Ich konnte ihm das kaum verdenken. In dieser unterirdischen Welt schien alles, was ein wenig Licht spendete, plötzlich wertvoll zu sein.

In der darauffolgenden Nacht hörte Gieselhold das Klopfen erneut. Diesmal schien es sich sogar zu nähern. Das Geräusch kam aus der Richtung, aus der wir gekommen waren. Wieder konnten wir nichts sehen, und wieder blieb uns nur die unangenehme Gewissheit, dass wir offenbar nicht allein waren. Was auch immer dort hinter uns unterwegs war, es schien einen anderen Rhythmus zu haben als wir und sich nicht sonderlich dafür zu interessieren, ob wir es bemerkten.

Am fünfzehnten Tag entdeckten wir an den Wänden und auf dem Boden des Tunnels regelmäßig wiederkehrende Zeichen. Sie wirkten nicht wie zufällige Beschädigungen, sondern eher wie Markierungen. Vielleicht waren es Entfernungsangaben oder Hinweise für diejenigen, die diesen Weg einst benutzt hatten. Wir begannen, die Zeichen zu dokumentieren, soweit es uns möglich war. Je mehr wir davon fanden, desto stärker wurde mein Eindruck, dass wir uns auf einer Anlage bewegten, die früher einmal sehr viel stärker genutzt worden war, als es ihr heutiger Zustand vermuten ließ.

Am Abend erreichten wir einen alten Werkstatt- oder Rastplatz. Dort lagen noch die Überreste verschiedener Werkzeuge herum, mittlerweile allerdings völlig zerbrochen und verfallen. Besonders interessant war eine tönerne Darstellung, die eine Landschaft mit einem Dorf zeigte. Sie war einfach gearbeitet, aber dennoch deutlich genug, dass man die verschiedenen Elemente erkennen konnte. Für uns war sie deshalb besonders interessant, weil sie möglicherweise einen Hinweis darauf gab, wohin dieser Weg einst geführt hatte.

Gieselhold fand außerdem eine alte Lampe. Mit einem grünen Kristallstück brachte er sie tatsächlich wieder zum Leuchten und hängte sie an der Wand auf. Das schwache Licht veränderte den Raum sofort. Plötzlich konnten wir Dinge erkennen, die uns zuvor entgangen waren. Unter anderem fand Gieselhold eine schwarze Metallscheibe, die auf einer Seite poliert war und auf der anderen Seite Symbole trug. Sie erinnerte an eine Münze, auch wenn wir nicht sagen konnten, aus welcher Zeit oder von welchem Volk sie stammte.

In dieser Nacht wurde es dann endgültig seltsam. Wir hatten den Eindruck, dass sich die alten Werkzeuge hinter uns bewegten. Nicht viel, nur kleine Geräusche und Veränderungen, die uns immer wieder aufmerksam werden ließen. Wenn wir jedoch nachsahen, war nichts zu erkennen. Vielleicht waren es die Geräusche des alten Bauwerks, vielleicht Tiere, vielleicht etwas anderes. Nach den Erlebnissen der vergangenen Tage fiel es jedenfalls zunehmend schwer, noch an Zufälle zu glauben.

Am sechzehnten Tag führte der Tunnel schließlich ins Freie. Nach so langer Zeit unter der Erde hätte der Anblick des Tageslichts eigentlich befreiend wirken müssen. Stattdessen standen wir zunächst einfach nur da und versuchten zu begreifen, was vor uns lag.

Vor uns erstreckte sich ein gewaltiges, trockenes Becken, vielleicht zwei bis drei Meilen breit. In der Ferne erhob sich eine natürliche Felsformation, die wie ein Tor oder ein gewaltiger Durchgang aussah. Ich erkannte sie sofort wieder. Sie entsprach der Darstellung auf der tönernen Platte, die wir in der alten Werkstatt gefunden hatten. Auch die Landschaft davor passte in ihren Grundzügen zu dem Bild.

Nur war das, was wir vor uns sahen, nicht das, was auf der Darstellung zu sehen gewesen war.

Wo auf dem Bild fruchtbares Land und ein Dorf gewesen waren, erstreckte sich nun eine trockene, staubige und tote Landschaft. Ein ausgetrocknetes Flussbett zog sich durch das Becken, und dort, wo einst das Dorf gestanden haben musste, waren nur noch Überreste zu erkennen. Kein Rauch stieg auf, keine Stimmen waren zu hören, kein Zeichen von Leben war zu entdecken.

Wir waren damit an einem Ort angekommen, von dem wir nicht sagen konnten, ob er verlassen, zerstört oder einfach nur sehr, sehr alt war. Im Süden und Westen stieg das Gelände an, während hinter uns der Tunnel lag, durch den wir gekommen waren. Im Osten erstreckte sich eine steinerne Wüste. Vor uns aber lag die Felsformation, die uns bereits auf dem Tonbild begegnet war.

Je länger ich sie betrachtete, desto unangenehmer wurde mir ein Gedanke. Vielleicht waren wir nicht einfach an den Ort gelangt, den das Bild zeigte. Vielleicht waren wir an denselben Ort gelangt, nur zu einer Zeit, in der von dem, was wir auf der Darstellung gesehen hatten, längst nichts mehr übrig war. Nach den vergangenen Tagen im Ehernen Schwert hätte mich selbst das kaum noch überrascht. Trotzdem wünschte ich mir in diesem Augenblick zum ersten Mal seit langer Zeit, dass wir uns einfach nur geirrt hatten.