Der Atem des Kristalls
Datum: unbekannt
Als wir am nächsten Morgen erwachten, fühlte sich niemand von uns wirklich ausgeruht. Immerhin waren wir noch am Leben, was angesichts des Schneesturms, der draußen gegen die Höhle tobte, bereits als Erfolg gelten musste. Wir befanden uns weit oberhalb der Schneegrenze, und die Kälte hatte uns in der vergangenen Nacht deutlich vor Augen geführt, wie wenig unsere bisherigen Erfahrungen im Ehernen Schwert uns auf die Launen dieses Gebirges vorbereitet hatten. Ohne den Kristallstein, den wir am Vorabend entdeckt hatten, wäre die Höhle vermutlich längst zu unserem eisigen Grab geworden. Der Stein hatte eine schwache Leuchtkraft besessen und sich beinahe heiß angefühlt, zugleich aber die Höhle auf eine Temperatur oberhalb des Gefrierpunkts gebracht. Ein unscheinbares Stück Kristall, das uns womöglich das Leben rettete – und damit natürlich geradezu prädestiniert dafür, irgendeinen schrecklichen Haken zu haben.
Noch vor dem Frühstück packten wir den Stein aus. Am Vorabend hatten wir ihn in das magische Tuch eingeschlagen und anschließend in die Holzkugel gelegt, die Gerald und ich irgendwann während unserer langen Reise gefunden hatten. Es kam mir inzwischen vor, als lägen Wochen zwischen jenem Fund und diesem Morgen. Doch als wir die Kugel öffneten, war von der wohltuenden Wärme nichts mehr zu spüren. Der Kristall war eiskalt, und auch das Innere der Holzkugel war mit Frost überzogen. Es sah aus, als hätte der Stein über Nacht nicht nur seine Wärme verloren, sondern die Kälte regelrecht in sich gesammelt. Immerhin schien es Ylgrim wieder besser zu gehen, was angesichts unserer übrigen Sorgen wenigstens eine erfreuliche Nachricht war.
Gieselhold untersuchte zunächst die Höhlenmalereien, um festzustellen, ob sich über Nacht etwas an ihnen verändert hatte. Doch die Bilder waren unverändert. Die Gestalten, Symbole und Szenen, die wir bereits am Vortag betrachtet hatten, zeigten keinerlei neue Merkmale. Gerald dagegen wollte sich mit einer bloßen Bestandsaufnahme nicht zufriedengeben. Er wiederholte seinen Versuch vom Vortag und berührte den Kristall mit dem Brecheisen. Diesmal geschah allerdings etwas völlig anderes als zuvor. Statt eines gleißenden Lichtes wurde Gerald plötzlich von absoluter Dunkelheit umgeben.
Zunächst war nicht zu erkennen, was genau geschehen war. Es wirkte, als hätte jemand ein Stück der Welt ausradiert und durch vollkommene Finsternis ersetzt. Nach mehreren Versuchen stellte sich jedoch heraus, dass die Dunkelheit räumlich begrenzt war. Sie erfasste nicht einfach die gesamte Höhle, sondern bildete eine Zone, die nach einiger Zeit wieder verschwand. Was Gerald durch die Berührung des Kristalls ausgelöst hatte, blieb uns ein Rätsel. Dass der Stein mehr konnte, als uns warm zu halten, war inzwischen offensichtlich. Ob er allerdings auf Geralds Handlungen reagierte, seine Absichten aufgriff oder etwas ganz anderes bewirkte, konnten wir nicht sagen.
Gerald beschloss daraufhin, einen weiteren Versuch zu wagen. Er trug den Kristall vor den Höhleneingang, hinaus in den noch immer tobenden Schneesturm. Am Vortag hatte die Wärme des Steins den Sturm in seiner unmittelbaren Umgebung offenbar abgeschwächt. Nun schien das genaue Gegenteil einzutreten. Der Kristall verstärkte den Sturm lokal, als würde er die Kälte und den Wind nicht länger zurückdrängen, sondern geradezu anziehen. Gerald zog sich daraufhin rasch wieder in die Höhle zurück. Ich konnte ihm kaum einen Vorwurf machen. Es gibt Experimente, deren Ergebnisse man mit wissenschaftlicher Neugier betrachten kann, und es gibt solche, bei denen man besser froh ist, noch alle Finger zu haben.
Damit standen wir vor einem ernsthaften Problem. Der Stein, der uns bislang vor dem Erfrieren bewahrt hatte, kühlte die Höhle nun aus. Die Temperatur war bereits unter den Gefrierpunkt gefallen, und unser Holzvorrat reichte gerade noch für einen weiteren Tag. Dass unsere Nahrung für vier Tage ausreichte, war unter diesen Umständen nur ein schwacher Trost. Man kann Hunger ertragen, doch gegen eine Kälte, die einem langsam die Wärme aus dem Körper zieht, hilft auch die beste Vorratsplanung nur bedingt. Wir mussten herausfinden, wie der Kristall funktionierte, und zwar möglichst, bevor uns die Zeit davonlief.
Im Verlauf unserer Versuche entdeckten wir noch etwas Beunruhigenderes. Der Stein schien uns in gewisser Weise das Zaubern zu ermöglichen, obwohl dies mit massiven körperlichen Schmerzen verbunden war. Es war, als müssten wir für jede Wirkung einen Preis entrichten, der unmittelbar unseren eigenen Körper betraf. Der Gedanke an Blutmagie drängte sich auf, auch wenn wir nicht genug wussten, um diese Vermutung zu bestätigen. Ich hatte schon immer eine gewisse Skepsis gegenüber Dingen gehegt, die einem Macht versprachen, ohne ihre Bedingungen offenzulegen. In diesem Fall schien der Preis allerdings nicht einmal besonders gut versteckt zu sein.
Gieselhold wandte sich schließlich den Höhlenmalereien erneut zu. Er berührte eines der Bilder und konzentrierte sich darauf, die darauf abgebildeten Symbole lesen zu können. Die Zeichen erschlossen sich ihm zwar nicht im eigentlichen Sinne, doch irgendwie erfasste er die Bedeutung der Darstellung. Sie schien von der Trennung zwischen Zerstörung und Behutsamkeit zu handeln. Es war keine vollständige Erklärung, aber mehr, als wir zuvor aus den Bildern hatten gewinnen können. Offenbar vermochten diese Darstellungen auf eine Weise zu uns zu sprechen, die über gewöhnliches Lesen hinausging.
Diese Erkenntnis brachte mich dazu, es ebenfalls zu versuchen. Ich wandte mich dem letzten Bild zu, das etwas abseits der übrigen Darstellungen lag, und versuchte, seinen Sinn zu erfassen. Auch mir erschloss sich keine klare Folge lesbarer Zeichen, doch die Bedeutung der Darstellung wurde mir nach und nach verständlich. Wer zu viel nimmt, wird selbst zum Monster – und diese Verwandlung geschieht nicht unbedingt plötzlich, sondern kann sich schleichend vollziehen. Die Botschaft war ebenso schlicht wie unangenehm. Sie ließ sich auf vieles beziehen, und gerade deshalb gefiel sie mir nicht. Eine Warnung, die so allgemein gehalten war, konnte kaum zufällig an diesem Ort angebracht worden sein.
Doch selbst wenn die Bilder uns einen Hinweis auf die Bedeutung des Kristalls oder auf die Geschichte dieses Ortes geben sollten, halfen sie uns nicht dabei, die unmittelbare Gefahr zu bannen. Die Kälte kroch weiter in die Höhle, und wir hatten keine Gewissheit, ob der Stein am nächsten Morgen wieder Wärme ausstrahlen würde. Schließlich blieb uns nichts anderes übrig, als unser letztes Brennmaterial zu opfern, um die Nacht zu überstehen. Wir machten es uns so gut es ging am Feuer bequem und hofften, dass der Kristall nach einer weiteren Nacht im Tuch und in der Holzkugel wieder zu seinem vorherigen Zustand zurückkehren würde.
Es war keine besonders angenehme Aussicht, sich schlafen zu legen, während draußen der Schneesturm tobte und drinnen die Kälte immer weiter zunahm. Ich ertappte mich bei dem Gedanken, dass es ein ausgesprochen unwürdiges Ende für einen Mann aus gutem Hause wäre, irgendwo in einer namenlosen Höhle im Ehernen Schwert zu erfrieren, nur weil ein Stück Kristall beschlossen hatte, seine Meinung über Wärme zu ändern. Andererseits hatte ich längst gelernt, dass das Schicksal nur selten Rücksicht auf Herkunft, Stand oder persönliche Vorlieben nahm.
Als wir am nächsten Morgen erwachten, erwartete uns glücklicherweise eine Überraschung, auf die wir kaum noch zu hoffen gewagt hatten. Der Kristall strahlte wieder seine vertraute Wärme aus. Die Höhle war nicht länger dem eisigen Griff der Kälte ausgeliefert, und zumindest für den Moment schien unsere unmittelbare Gefahr gebannt. Wir hatten die Nacht überstanden, ohne unser letztes bisschen Hoffnung mit dem Feuer verbrennen zu müssen.
Warum der Stein seinen Zustand verändert hatte und weshalb er nun wieder Wärme spendete, wussten wir noch immer nicht. Ebenso wenig hatten wir verstanden, welchen Preis seine Kräfte forderten oder welche Verbindung zwischen ihm und den Höhlenmalereien bestand. Doch wir hatten gelernt, dass dieser Kristall weit mehr war als ein einfacher Wärmespender. Er konnte Dunkelheit erzeugen, den Schneesturm verstärken und offenbar Kräfte freisetzen, die selbst uns das Zaubern ermöglichten – wenn auch unter Schmerzen, die uns deutlich daran erinnerten, dass solche Macht niemals ohne Risiko kam.
Fürs Erste aber waren wir am Leben. Im Ehernen Schwert musste man manchmal lernen, auch das als einen durchaus beachtlichen Erfolg zu betrachten.