Die Königin unter der Wüste
Nachdem wir das Labyrinth hinter uns gelassen hatten, erreichten wir schließlich eine große, sandige Höhle. Von einem Ausgang war zunächst nichts zu sehen. Vor uns erstreckte sich lediglich eine weite Sandfläche, die sich auf eine ausgesprochen unangenehme Weise bewegte. Immer wieder schien der Sand regelrecht aufzublubbern. Kleine Fontänen schossen aus der Oberfläche, während ein dumpfes, blubberndes Geräusch durch die Höhle hallte, als würden irgendwo unter uns Blasen in einer zähen Flüssigkeit platzen.
Natürlich mussten wir herausfinden, womit wir es zu tun hatten. Gerald schlug einen Stein aus einer der Felswände und ich warf ihn in die Sandfläche. Der Stein verschwand im Sand, begleitet von einem kurzen Blubbern. Ansonsten geschah nichts. Das war immerhin besser, als von einem riesigen Sandmonster gefressen zu werden, und für den Moment beschloss ich, diesen kleinen Erfolg nicht geringzuschätzen.
Gieselhold war wie üblich weniger bereit, sich von einer unbekannten Oberfläche abschrecken zu lassen. Er betrat die Sandfläche und sank zunächst nur etwa fünf Zentimeter ein. Der Sand war warm, sogar sehr warm. Also begann Gieselhold, sich vorsichtig vorwärtszubewegen und schließlich im Kreis über die Fläche zu laufen. Eine Weile schien das auch zu funktionieren. Dann verschwand sein Bein plötzlich deutlich tiefer im Sand und innerhalb eines Augenblicks war er bis zu den Knien eingesunken. Mit einiger Mühe konnte er sich wieder befreien. Damit war zumindest geklärt, dass diese Höhle nicht einfach nur eine große Sandfläche enthielt. Sie war vielmehr eine Art riesiges, warmes Treibsandfeld.
Nach einigen vorsichtigen Versuchen fanden wir schließlich heraus, dass es innerhalb der Sandfläche feste Stellen gab. Dazwischen lag jedoch Sand, in dem man mehr oder weniger unberechenbar einsinken konnte. Wir tasteten uns deshalb von einer festen Stelle zur nächsten voran und kamen schließlich an eine Art Kreuzung. Wieder tauchten die bekannten Zeichen auf: Eidechse, Skorpion und Schlange. Wir entschieden uns für die Eidechse und folgten diesem Weg weiter.
Nach sieben weiteren Steinen erreichten wir ein größeres Plateau. Der Boden fühlte sich hier deutlich kühler an, was nach der Hitze des Sandes eine ausgesprochen angenehme Veränderung war. Gieselhold meinte außerdem, weiter vorne Bewegungen wahrzunehmen. Ob dort tatsächlich etwas war oder ob uns die vergangenen Tage inzwischen einfach misstrauischer gemacht hatten, ließ sich nicht sagen.
Wir gingen vorsichtig weiter. Gerald bewegte sich ein Stück voraus und untersuchte den Boden, während Gieselhold und ich ihm folgten. Nach einiger Zeit fiel uns auf, dass Gerald sich merkwürdig bewegte. Er schien auf und ab zu gehen, fast so, als würde er über Wellen laufen. Je genauer wir hinsahen, desto deutlicher wurde, dass nicht Geralds Gang seltsam war, sondern der Boden selbst. Schließlich blieb er an einer Stelle stehen und befand sich plötzlich ungefähr einen Schritt über dem eigentlichen Bodenniveau.
Von dort aus konnte Gerald einige Meter voraus etwas erkennen, das wie eine sandfarbene Mauer aussah. Sie war ungefähr zwei Schritt hoch und verlief quer durch die Höhle. Auf ihrer Oberkante befanden sich Symbole, die uns allerdings nichts sagten. Ich hätte mich gern davon überzeugen lassen, dass irgendeiner von uns inzwischen gelernt hatte, die rätselhaften Zeichen zu verstehen. Leider war das nicht der Fall.
Gerald kletterte daraufhin auf meine Schultern, um über die Mauer sehen zu können. Was er dahinter entdeckte, war zunächst noch merkwürdiger: Ein Maisfeld. Allerdings bestand auch dieses aus Sand. Die einzelnen Pflanzen waren erstaunlich deutlich ausgeformt und vermittelten für einen Augenblick den Eindruck eines echten Feldes. Es war, als hätte jemand einen Ausschnitt aus einer anderen Welt genommen und vollständig aus Sand nachgebildet.
Gieselhold fand schließlich einen Weg durch die Mauer. Er griff hindurch, holte zunächst seinen Rucksack und anschließend Gerald und mich auf die andere Seite. Kaum waren wir jedoch hinübergelangt, veränderte sich die Szenerie erneut. Das Maisfeld war verschwunden. An seiner Stelle lag nur noch ein Stoppelfeld vor uns.
Wir bewegten uns querfeldein von der Mauer weg. Gerald ging dabei voran und stocherte immer wieder vorsichtig im Boden, vermutlich um herauszufinden, ob wir erneut Gefahr liefen, irgendwo einzusinken. Viel Zeit zum Nachdenken blieb uns allerdings nicht, denn plötzlich kamen sandfarbene humanoide Wesen auf uns zu. Sie waren ungefähr zweieinhalb Schritt groß und liefen einfach an uns vorbei, ohne uns Beachtung zu schenken.
Kurz darauf folgten ihnen zwei vierbeinige Wesen. Auch sie bewegten sich direkt auf uns zu, gingen jedoch ebenfalls einfach an uns vorbei und folgten den anderen Gestalten. Es war eine ausgesprochen eigenartige Begegnung. Niemand griff uns an, niemand sprach mit uns, und trotzdem hatte ich nicht das Gefühl, dass wir hier wirklich willkommen waren. Eher hatte ich den Eindruck, dass wir durch eine Szene liefen, deren eigentliche Bedeutung uns verborgen blieb.
Schließlich stießen wir auf eine Straße, die in Ost-West-Richtung verlief. Ich pinkelte auf einen Sandbusch am Straßenrand und stellte dabei fest, dass er sich anders verhielt als die übrigen Dinge in dieser seltsamen Umgebung. Er konnte sich nicht wieder herstellen, Feuchtigkeit war hier offenbar tödlich.Zumindest wusste ich nun, dass nicht alles hier vollkommen unveränderlich war.
Dann kam ein Wagen die Straße entlang. Kinder saßen auf Säcken und ließen sich von dem Wagen transportieren. Die Szene hätte beinahe friedlich wirken können, wäre da nicht diese unnatürliche Stille gewesen, die über allem lag. Wir beschlossen, dem Wagen zu folgen, und gingen hinter ihm her, bis wir schließlich an eine Brücke gelangten.
An der Brücke stand ein kleines Wachhäuschen, davor befanden sich zwei Kämpfer. Wir gingen einfach an ihnen vorbei. Keiner der beiden reagierte auf uns. Keine Frage, kein misstrauischer Blick, kein Versuch, uns aufzuhalten. Sie standen einfach dort, als wären sie Teil einer Welt, in der wir nicht sichtbar waren.
Hinter der Brücke sahen wir schließlich ein Tor, das den Darstellungen ähnelte, die wir zuvor gefunden hatten. Dahinter lag ein Dorf. Menschen bewegten sich durch die Straßen und gingen ihren Tätigkeiten nach, doch alles war von einer vollkommenen Stille erfüllt. Es war, als hätte jemand dem gesamten Ort jedes Geräusch genommen. Und je länger wir dort blieben, desto stärker wurde ein anderes Gefühl. Die Menschen, die wir sahen, schienen von einer tiefen Traurigkeit umgeben zu sein.
Wir entdeckten eine Statue eines Mantikors, die in diesem stillen Dorf einen besonderen Eindruck hinterließ. Auch hier war nichts wirklich lebendig und doch wirkte alles erstaunlich echt. Gieselhold ging schließlich zu einem Stand und „kaufte“ sich einen Apfel. Er legte eine Münze, die er auf dem Weg hierher gefunden hatt hin und nahm den Apfel. Das Seltsame daran war, dass der Apfel greifbar blieb, während die Münze danach verschwunden war beziehungsweise nicht mehr greifbar war. Wieder einmal hatte diese Welt beschlossen, ihre eigenen Regeln zu machen, ohne uns vorher darüber zu informieren.
Auf dem Podest der Statue entdeckten wir einen Erker mit einer runden Vertiefung. Gieselhold nahm die Sanduhr, die wir bei uns trugen, und stellte sie in diese Vertiefung. Kaum hatte er das getan, begann der Boden zu erzittern. Die Statue bewegte sich zurück und gab einen Weg nach unten frei. Die Sanduhr blieb dabei an ihrem Platz. Wir konnten sie nicht wieder mitnehmen.
Also stiegen wir die Treppe hinab. Je tiefer wir kamen, desto deutlicher veränderte sich die Atmosphäre. Am Ende der Treppe öffnete sich eine große Höhle, die von einem schimmernden Licht erhellt wurde. In ihrer Mitte saß eine weibliche Gestalt auf einem Thron. Auch sie bestand aus Sand, war jedoch mit einer solchen Detailgenauigkeit modelliert, dass sie beinahe lebendig wirkte. Sie bewegte sich rhythmisch von einer Seite zur anderen und wiegte sich dabei unablässig auf ihrem Thron.
Rund um sie herum waren auf dem Boden immer wieder Szenen aus dem Dorf darüber zu erkennen. Es waren nicht einfach nur Bilder. Wir konnten sogar die dazugehörigen Geräusche wahrnehmen. Dadurch entstand der merkwürdige Eindruck, dass sich das gesamte Leben des Dorfes hier unten noch einmal abspielte. Gleichzeitig lag eine schwüle, drückende Hitze in der Höhle, begleitet von einem intensiven Blumengeruch.
Unser Gefahrensinn meldete sich. Irgendetwas an diesem Ort war nicht richtig. Vor allem aber wurde uns bewusst, dass die Gestalt auf dem Thron uns beobachtete. Sie hielt zwar in ihrer Bewegung nicht inne, doch ihr Blick lag eindeutig auf uns.
Wir näherten uns ihr vorsichtig. Gerald ging dabei ehrerbietig auf sie zu. Daraufhin formte sich aus dem Boden ein edler, vornehmer Stuhl. Gerald setzte sich. Gieselhold ging weiter nach vorn, woraufhin auch vor ihm ein Stuhl aus dem Boden entstand und er sich ebenfalls niederließ. Ich verbeugte mich vor der Gestalt und erhielt schließlich ebenfalls einen Stuhl. Es war ein merkwürdiger Moment. Wir drei saßen schließlich vor dieser sandgeformten Herrscherin, ohne zu wissen, weshalb sie uns überhaupt empfangen hatte.
Je länger wir sie betrachteten, desto deutlicher erkannten wir die Traurigkeit in ihren Augen. Die Bilder auf dem Boden zeigten uns nach und nach die Geschichte der Stadt. Wir konnten sie nicht vollständig verstehen, aber wir hatten zunehmend das Gefühl, dass uns hier etwas gezeigt wurde, das wir verstehen sollten.
Es war schwer zu beschreiben, was danach geschah. Niemand sprach eine konkrete Bitte aus. Trotzdem hatten wir alle dasselbe Gefühl: Die Gestalt vermisste etwas. Etwas fehlte ihr. Wir wussten nicht, was es war, und ebenso wenig wussten wir, was wir damit zu tun hatten. Wie so oft schien das Schicksal der Meinung zu sein, dass wir ruhig ein wenig mehr im Dunkeln tappen durften.
Dann zeigte die Gestalt auf eine Öffnung. Wir verstanden offenbar, dass wir diesen Weg nehmen sollten. Sie verabschiedete uns mit den Worten: „Ihr habt mir geholfen.“
Mehr erfuhren wir nicht.
Die Öffnung führte ebenerdig aus der Kuppel heraus und direkt durch den Schutzwall. Wir folgten dem Weg und fanden uns schließlich wieder auf der Straße außerhalb der Kuppel wieder. Hinter uns lag die seltsame Stadt aus Sand, vor uns die steinerne Wüste.
Wir beschlossen, zum Dorf zurückzugehen und dort zu übernachten. Nach allem, was wir an diesem Tag erlebt hatten, war ein wenig Ruhe dringend notwendig. Doch auch dort sollte uns die Nacht keine wirkliche Ruhe gönnen. Wir hörten eine Stimme, die leise vor sich hin säuselte.
Als wir uns umsahen, entdeckten wir drei Felsen, die wie eine Klaue aus dem Boden ragten. Aus ihnen drang ein bläuliches Licht. Im Licht bewegten sich Gestalten und tanzten, während gleichzeitig der deutliche Geruch von Wasser in der Luft lag. Es war ein Anblick, der sich kaum mit dem vereinbaren ließ, was wir bisher in dieser trockenen, toten Steinwüste gesehen hatten.
Und dann bemerkten wir noch eine andere Gestalt. Sie schien uns zu sehen und ergriff aus Angst vor uns die Flucht.
Damit endete ein weiterer Tag, an dem wir vermutlich mehr Fragen gefunden als Antworten erhalten hatten. Ich hatte inzwischen aufgehört zu erwarten, dass sich uns die Zusammenhänge freiwillig erschließen würden. In dieser Gegend schien jedes Rätsel nur auf das nächste zu verweisen. Und trotzdem war ich mir sicher, dass all diese merkwürdigen Bilder, die Stadt aus Sand, die traurige Gestalt und nun dieses blaue Licht irgendwie miteinander verbunden waren.