April 14, 2026

Drachenodem (26. Rahja 21 Uhr - 27. Rahja 19 Uhr)

Der Abend des 26. Rahja lag schwer und kalt über Burg Trescha. Über den Mauern hing dichter Nebel, und der Wind fuhr mit langen, heulenden Böen durch die Schießscharten des Burgfrieds, als wolle er die alten Steine selbst auf ihre Standhaftigkeit prüfen. Nach allem, was wir in den vergangenen Tagen erlebt hatten, begann ich zu verstehen, weshalb die Menschen hier oben so wachsam lebten. Diese Burg war kein Ort des Friedens. Sie war ein Bollwerk gegen Dinge, die aus Sümpfen, Wäldern, alten Legenden und den Schatten zwischen den Bäumen krochen.

Als wir uns am Abend auf den Zinnen der Nordmauer bewegten, begegneten wir erneut der Biberdame Benja. Sie saß dort mit einer Ruhe, als gehöre die gesamte Festung den Biestingern ebenso sehr wie den Rittern des Widderordens. Tatsächlich schienen die tierhaften Feenwesen hier gern gesehen zu sein, was mich inzwischen kaum noch wunderte. In einer Gegend, in der dunkle Feen und verfluchte Piraten umgingen, lernte man vermutlich schnell, sich seine Verbündeten sorgfältig auszusuchen.

Natürlich fragten wir Benja nach der Nebelbringer und nach Rangnid. Doch wie so oft bei Biestingern verlief das Gespräch weniger geradlinig, als ich gehofft hatte. Sie sprach davon, dass dies ein trauriges Thema sei, erwähnte die Dunkelfee und erklärte mit ernster Miene, dass diese den Einhandpiraten möge. Wirklich neue Erkenntnisse gewannen wir daraus nicht. Vieles davon wussten wir bereits oder hatten es zumindest geahnt. Nur ein Satz blieb mir im Gedächtnis hängen.

Wenn es stinke, sollten wir vorsichtig sein.

Ich war mir nicht sicher, ob dies eine Warnung, eine Weisheit oder einfach typische Biestingerlogik war. Noch merkwürdiger wurde das Gespräch, als Benja vorschlug, wir sollten die böse Fee doch einfach fangen. Irgendwie. Mit unseren großartigen Waffen. Wir nickten höflich und lächelten in jener diplomatischen Weise, die ich mir in den vergangenen Jahren mühsam angeeignet hatte. Manchmal bestand Klugheit schlicht darin, eine Unterhaltung freundlich zu beenden.

Anschließend zogen wir uns zurück und schliefen.


Der Morgen des 27. Rahja begann mit dem dumpfen Klang der Appelltrommel, die über den Burghof hallte und selbst die letzten Schlafenden aus ihren Betten zwang. Noch vier Tage trennten uns von den Namenlosen Tagen, und die Anspannung innerhalb der Burg war inzwischen beinahe greifbar geworden.

Am Vortag hatte Burgmeisterin Larle selbst die Morgenpredigt gehalten. Rondra, Kampf, Pflicht, Disziplin. Alles zweifellos wichtige Dinge, doch bei der Zwölfgöttlichen Ordnung hatte ich selten eine Andacht erlebt, die derart trocken gewesen war. Ich war fest entschlossen, dieses Problem zu korrigieren.

Also übernahm ich die Predigt selbst.

Natürlich sprach ich ebenfalls über Mut, Standhaftigkeit und die Verteidigung der Burg. Doch ich hielt wenig davon, Menschen ausschließlich an ihre Pflichten zu erinnern. Wer kämpft, sollte auch wissen, wofür er lebt. Also brachte ich Rahja ins Spiel — nicht nur als Göttin der Liebe, sondern als Sinnbild für Leidenschaft, Lebensfreude und all jene Dinge, die das Leben überhaupt erst lebenswert machen.

Die Wirkung war bemerkenswert.

Selbst einige der Ritter, die am Vortag noch ausgesehen hatten, als würden sie lieber eine Belagerung als eine weitere Predigt ertragen, hörten aufmerksam zu. Ich bemerkte sogar vereinzelte amüsierte Gesichter unter den Anwärtern. Offenbar war es auf Burg Trescha ungewohnt, dass jemand bei einer Andacht tatsächlich so sprach, als wolle er die Zuhörer wachhalten.

Nach dem Appell begann der geschäftige Alltag der Festung. Die beiden Späher ritten aus, um das Umland zu erkunden und nach möglichen Bewegungen des Korsmalsbundes Ausschau zu halten. Nadja, die Köchin der Burg, machte sich gemeinsam mit einigen Ordensleuten auf den Weg ins Dorf, um Vorräte zu beschaffen.

Ich selbst widmete mich den Instandsetzungsarbeiten an der Nordmauer und am Torhaus, die beide deutliche Schwachstellen der Verteidigung darstellten. Inzwischen hatte man mir gewisse Befugnisse innerhalb der Burg eingeräumt, und ich begann durchaus Gefallen daran zu finden, diese auch zu nutzen.

Für die Arbeiten wählte ich mir zunächst Mirela von Silberbach als Adjudantin aus. Mirela sprach wenig, beobachtete dafür aber mit erstaunlicher Aufmerksamkeit. Sie war gründlich, stellte präzise Fragen und arbeitete mit jener pedantischen Genauigkeit, die ich normalerweise eher bei Schreibern als bei Anwärtern des Widderordens erwartet hätte. Dennoch erwies sie sich als ausgesprochen nützlich, besonders wenn es darum ging, Materiallisten zu überprüfen oder Arbeitsabläufe zu organisieren.

Als Mirela zur Mittagszeit zur Wache abkommandiert wurde, entschied ich mich kurzerhand für Ljuba von Travenfels als Ersatz.

Ljuba war in jeder Hinsicht das genaue Gegenteil.

Wo Mirela erst nachdachte und dann handelte, handelte Ljuba zuerst und dachte möglicherweise später darüber nach. Sie sagte auf nahezu jede Aufgabe sofort begeistert ja, wollte alles gleichzeitig erledigen und besaß die bemerkenswerte Fähigkeit, dabei ständig in Bewegung zu bleiben. Ihre Ungeduld hätte vermutlich selbst einen horasischen Fechtmeister erschöpft, doch zugleich brachte sie eine Energie mit, die auf einer halb verfallenen Grenzburg durchaus willkommen war.

Während ich mich mit Mauern, Balken und Verteidigungsstellungen beschäftigte, untersuchten Gerald und Gieselhold die alten Kriegsgeräte der Burg. Die schwere Rotze auf dem Hauptturm wurde ebenso überprüft wie Pechtöpfe und andere Vorrichtungen zur Abwehr von Belagerern. Je länger wir auf Trescha verweilten, desto deutlicher wurde, dass diese Burg bald ernsthaft würde kämpfen müssen.

Zur zehnten Stunde versammelten wir uns schließlich in den Gemächern von Burgmeisterin Larle im zweiten Stock des Burgfrieds. Neben Larle selbst war auch ihr Stellvertreter Faredeij anwesend. Die Besprechung verlief sachlich und ohne jede unnötige Ausschmückung. Graf Alatzer wurde weiterhin täglich erwartet, doch noch immer fehlte jede Spur von ihm. Gleichzeitig berieten wir über die laufenden Befestigungsmaßnahmen, und Larle forderte ausdrücklich unsere Einschätzungen und Erfahrungen ein.

Es war ein seltsames Gefühl.

Noch vor wenigen Wochen war ich lediglich ein reisender Adliger gewesen, der vor allem versucht hatte, den Erwartungen seiner Familie zu entkommen. Nun diskutierte ich mit der Führung einer Grenzfestung über Verteidigungsanlagen und Belagerungsvorbereitungen.

Und das Verrückteste daran war vermutlich, dass ich begann, Gefallen daran zu finden.

Am Nachmittag näherte sich schließlich ein fahrender Händler der Burg. Sein Name war Ilmin Jannske, und er kam mit einem schwer beladenen Karren sowie einem Elch aus dem südlich gelegenen Dorf Erbarmen. Da ihn auf der Burg niemand kannte, begegnete man ihm zunächst mit deutlichem Misstrauen.

Er brachte schlechte Nachrichten mit, Angeblich werde Burg Otra vom Korsmalsbund belagert.

Die Meldung verbreitete sich rasch innerhalb der Mauern, doch niemand wusste, wie zuverlässig seine Informationen tatsächlich waren. Trotzdem nutzte Larle die Gelegenheit und kaufte Lebensmittel sowie Bier, um die Vorräte der Burg aufzustocken. Gerald erstand bei dem Händler ein magisches Monokel, während Gieselhold eine kleine Abblendlaterne kaufte.

Trotz der Geschäfte blieb die Stimmung angespannt. Niemand wollte riskieren, auf eine Falle hereinzufallen. Selbst die Bierfässer wurden untersucht, bevor man sie in die Vorratsräume brachte.

Schließlich entschied man sich gegen einen Entsatz für Otra. Die eigene Garnison war zu klein, die Lage zu unklar, und Trescha selbst noch nicht ausreichend gesichert. Stattdessen wurde eine Brieftaube ausgesandt, um genauere Informationen zu erhalten. Zusätzlich sollten am nächsten Morgen erneut Späher losgeschickt werden.

Bis zum Abend kehrte jedoch keine Nachricht zurück.

Stattdessen zog ein starker Wind aus den Walbergen herab. Er brachte Asche und Brandgeruch mit sich, und für einen kurzen Moment glaubte ich bereits, irgendwo im Norden brenne die Welt.

Kasimir und Dunja erklärten uns jedoch, dass dieses Phänomen hier als Drachenodem bekannt sei — ein Wind, der gelegentlich aus den Bergen herabströmte und den Geruch ferner Feuer mit sich brachte.

Während draußen der Sturm an den Mauern riss, erzählte Kasimir weiter aus der Geschichte der Burg und der alten Theaterritter. Kasimirs Stimme wurde leiser, als er schließlich auf das Schicksal der Silbernen Horde und der Burg selbst zu sprechen kam. Im Jahre 292 BF, so erzählte er, sei der damalige Adelsmarschall gegen die abtrünnigen Ritter vorgezogen, nachdem diese sich immer weiter von Rondra entfernt hätten. Die meisten Mitglieder der Silbernen Horde seien daraufhin in die Walberge geflohen. Doch das eigentlich Beunruhigende war nicht ihre Flucht, sondern das, was man in Trescha vorgefunden hatte.

Als die Burg damals erstürmt wurde, war sie leer gewesen.

Nicht verlassen im gewöhnlichen Sinn. Niemand hatte Hinweise auf einen geordneten Rückzug gefunden. Es hatte keine Leichen gegeben, keine Kampfspuren, keine hastig zurückgelassenen Waffen oder Vorräte. Die gesamte Besatzung war schlicht verschwunden, als hätte die Burg selbst ihre Bewohner verschluckt. Bis heute wusste niemand, was damals tatsächlich geschehen war.

Während draußen der Drachenodem um die Mauern heulte und feinen Aschestaub gegen die Fensterläden trieb, lastete diese Geschichte schwer über dem Speisesaal. Selbst die Ritter, die zuvor noch gesprochen hatten, hörten nun schweigend Kasimirs Erzählungen zu. Burg Trescha wirkte in diesem Moment weniger wie eine Grenzfestung und mehr wie ein Ort, an dem die Vergangenheit niemals wirklich vergangen war.

Später am Abend traf schließlich die Antwort aus Otra ein. Ein erschöpfter Bote brachte die Nachricht direkt in den Speisesaal, wo sie Larle ohne jedes Zögern öffnete und laut verlas.

„An LB: O. gefallen, 12 tot, 3 geflohen, 5 vermisst; Feind KMB + 1Hand; Rückzug in Sumpf; besorgen Entsatz; Feind zieht nordwärts. KvFJ.“

Mit jedem Wort schien die Temperatur im Raum weiter zu sinken. Gespräche verstummten augenblicklich, und selbst das leise Kratzen von Besteck auf Holz endete. Niemand musste erklären, was diese wenigen Zeilen bedeuteten. Der Korsmalsbund hatte Burg Otra eingenommen, gemeinsam mit den Leuten des Einhandpiraten, und bewegte sich nun nach Norden.

Auf uns.

In diesem Moment wurde endgültig klar, dass die Zeit der Vorbereitungen bald enden würde. Burg Trescha würde kämpfen müssen — und vermutlich schon sehr bald.