Juni 30, 2026

Durch das Eherne Schwert (Tag 7 NKJ – 10 NKJ)

Seit sieben Tagen waren wir nun im Ehernen Schwert unterwegs – einer Wildnis, die auf keiner Karte verzeichnet war und sich jeder Vernunft entzog. Jeder Tag brachte neue Prüfungen hervor, als wolle dieses Land selbst entscheiden, ob wir würdig waren, seinen Boden zu betreten. Die Reise hatte längst aufgehört, ein bloßer Marsch zu sein. Sie war zu einem langsamen Vordringen durch eine Welt geworden, die weder den Gesetzen Aventuriens noch denen der Feen vollständig gehorchte.

Am siebten Tag erreichten wir schließlich eine uralte Brücke über eine tiefe Schlucht. Ihr Mauerwerk wirkte erstaunlich gut erhalten, doch der Abgrund darunter verschwand vollständig in dichtem, grauem Dunst. Aus dieser Nebeldecke drang ein unablässiges Summen empor. Hin und wieder glaubte ich die Silhouetten unterarmgroßer Insekten zwischen den Schwaden zu erkennen. Allein dieser Anblick genügte, um jeden Gedanken daran zu verdrängen, der Brücke blind zu vertrauen.

Wie so oft war es Gieselhold, der ohne langes Zögern handelte. Mit der Gelassenheit eines Mannes, der sich eher in Dachrinnen als auf Straßen bewegte, setzte er zum Sprung an und landete sicher auf der gegenüberliegenden Seite. Während ich noch darüber nachdachte, ob sein Gott ihn besonders mochte oder einfach nur verrückt war, begann er bereits damit, Seile zu befestigen. Gemeinsam errichteten wir eine behelfsmäßige Konstruktion, über die wir nach und nach unsere Ausrüstung und schließlich uns selbst hinüberbrachten. Es war mühsam und verlangte Geduld, doch lieber verbrachte ich Stunden mit Knoten als wenige Augenblicke im Schlund jener Schlucht.

Gerald hingegen schien selbst in dieser lebensfeindlichen Gegend vor allem Pflanzen wahrzunehmen. Während unseres Marsches sammelte er Margolosch, Rahjalieb, Alraune und Wirselkraut, als befänden wir uns auf einem friedlichen Kräutermarkt statt mitten in einer unbekannten Wildnis. Am Abend saß er lange am Feuer, trocknete Blätter, zerstieß Wurzeln und bereitete seine Vorräte sorgfältig auf. Für ihn schien jede Pflanze ein kleiner Sieg über dieses feindselige Land zu sein.

Die Nacht verlief ruhig. Unsere Wachen wechselten sich ohne Zwischenfälle ab, und obwohl ich kaum Schlaf fand, blieb zumindest alles still.

Am nächsten Morgen folgten wir der verfallenen Straße weiter, bis sie an einem scheinbar harmlosen Fluss endete. Kaum zehn Schritt breit, ruhig und flach – ein Gewässer, das in jeder anderen Landschaft kaum Beachtung gefunden hätte. Doch schon beim ersten Prüfen mit einem Ast zeigte sich, dass der Boden unter der Wasseroberfläche weich und nachgiebig war. Alles, was man hineinsteckte, wurde langsam verschlungen.

Ein weiteres Mal musste Improvisation den Platz von Zuversicht einnehmen. Gemeinsam fällten wir einen Baum und legten ihn als schmale Brücke über den Fluss. Einer nach dem anderen balancierten wir darüber, während unter uns das Wasser träge an dem Stamm leckte, als würde es nur darauf warten, dass einer von uns den Halt verlor.

Währenddessen entdeckte Gerald einen Strauch mit ungewöhnlichen Früchten. Schon beim Pflücken erfüllte ein intensiver, mentholartiger Duft die Luft. Neugierig biss er hinein – ein Experiment, das ich persönlich niemals freiwillig begonnen hätte. Augenblicklich erklärte er begeistert, seine Nase fühle sich an, als hätte Efferd selbst sie mit kaltem Gebirgswasser ausgespült. Wenige Augenblicke später bereute er diese Entdeckung allerdings bereits wieder. Plötzlich konnte er uns beide auf zwanzig Schritt Entfernung riechen – und nachdem wir inzwischen mehr als eine Woche unterwegs waren, dürfte das kaum ein göttliches Geschenk gewesen sein. Ich verkniff mir jeden Kommentar. Gerald pflückte dennoch vier weitere Früchte und verstaute sie sorgfältig. Alchimisten entwickeln eben einen eigenwilligen Humor.

Auch an diesem Tag füllte er seine Taschen mit Schwarzem Weinstock, Merachstrauch, Jacopokraut und erneut Wirselkraut. Am Abend saß er wieder stundenlang am Feuer und verarbeitete seine Ausbeute, während Gieselhold schweigend seine Ausrüstung überprüfte und ich versuchte, unsere weitere Route auf der inzwischen beinahe wertlosen Karte nachzuvollziehen.

Der neunte Reisetag führte uns schließlich in ein enges Tal, das vollständig von riesigen Farnen überwuchert war. Die Pflanzen ragten weit über unsere Köpfe hinaus und bildeten ein nahezu undurchdringliches Dickicht. Immer wieder mussten wir uns mit Äxten und Macheten einen Weg freischlagen. An vielen Blättern klebten zähe, schwarze Tropfen, die wie Teer wirkten und im dämmrigen Licht unangenehm glänzten. Keiner von uns verspürte den Wunsch herauszufinden, worum es sich dabei tatsächlich handelte.

Als wir den Farnwald endlich hinter uns ließen, reinigten wir uns so gründlich, wie es unter diesen Umständen möglich war. Erst später am Lagerfeuer fiel Gieselhold etwas auf, das uns allen zuvor entgangen war. Seit Stunden hatte uns keine einzige Stechfliege, keine Mücke und kein anderes Insekt belästigt. In dieser Wildnis war das fast beunruhigender als das Gegenteil.

Gerald schien sich daran nicht weiter zu stören. Er sammelte auch an diesem Tag unermüdlich Tigermohn, Vragieswurzel, Alraune, Mirbelrohr und Lulanie, bis sein Rucksack wieder bedenklich voll wirkte.

Am zehnten Tag änderte sich die Landschaft erneut. Der feste Boden ging in sumpfiges Gelände über, Nebelschwaden krochen zwischen abgestorbenen Bäumen hindurch, und bald setzte feiner Regen ein. Mitten aus diesem grauen Schleier erhob sich schließlich eine gewaltige Felswand, wohl dreißig Schritt hoch.

Der Aufstieg war beschwerlich. Kurz bevor wir den oberen Rand erreichten, entdeckten wir einen natürlichen Absatz mit einer kleinen Aushöhlung im Felsen. Dort stand eine moosüberwachsene steinerne Gestalt, menschenähnlich, regungslos und vom Zahn der Zeit gezeichnet. Zu ihren Füßen war ein Pfeil in den Stein gemeißelt, der ausgerechnet in jene Richtung zeigte, aus der wir gekommen waren.

Sofort erinnerte Gerald und Gieselhold diese Szene an die seltsame Traumwelt, in die sie kurz nach Beginn unserer Reise geraten waren. Ich selbst hatte diesen Traum nie erlebt, doch allein ihre Gesichter genügten, um zu erkennen, dass dieser Ort kein Zufall sein konnte.

Wir setzten den Aufstieg fort und fanden oberhalb der Klippe überraschend ein kleines Gebäude. Es bestand aus zwei Räumen, war unbewohnt, aber erstaunlich gut erhalten. Nach Tagen unter freiem Himmel wirkte selbst dieses einfache Gemäuer beinahe wie ein Palast. Rund dreihundert Schritt von der Klippe entfernt schlugen wir unser Lager auf.

Gerald nutzte die verbleibende Zeit selbstverständlich erneut zum Kräutersammeln. Belmart, schleimiger Sumpfknöterich, Alraune, Shurinstrauch und Jagdgras verschwanden in seinen Taschen, bevor er sich wieder an die Arbeit machte, sie am Feuer weiterzuverarbeiten. Manchmal fragte ich mich ernsthaft, ob wir überhaupt noch genug Platz für unser eigentliches Gepäck hatten oder ob wir bald nur noch wandelnde Kräuterkammern sein würden.

Die Nacht schien zunächst ruhig zu verlaufen. Während Gieselhold Wache hielt, riss plötzlich ein lautes Zischen die Stille entzwei. Etwas war direkt in unser Feuer gefallen und hatte einen Schwall Funken in die Dunkelheit geschleudert. Instinktiv stieß Gieselhold den Gegenstand mit dem Fuß aus der Glut.

Vor uns lag eine vollkommen schwarze Kugel, kaum größer als ein Menschenkopf und überraschend leicht. Holz schien sie nicht zu sein, Stein ebenso wenig. Vorsichtig untersuchte ich das seltsame Objekt und entdeckte schließlich eine feine Naht. Mit etwas Geschick gelang es mir, die Kugel in zwei Hälften zu öffnen.

Im Inneren fanden wir nur wenige Überreste: ein altes Tuch, kaum noch erkennbare organische Reste und einige kleine Metallstücke. Besonders ein Anhänger mit winzigen Glöckchen zog meinen Blick auf sich. Alles wirkte, als hätte diese Kugel über unzählige Jahre hinweg etwas bewahrt – oder verborgen.

Ich betrachtete die Fundstücke lange schweigend. Inzwischen hatte ich gelernt, dass in diesem Land kaum etwas bedeutungslos war. Hinter jeder Ruine, jeder Statue und jedem seltsamen Gegenstand schien sich eine Geschichte zu verbergen, die älter war als das Bornland selbst. Und immer häufiger fragte ich mich, ob wir diesen Geschichten folgten – oder ob sie längst begonnen hatten, uns zu verfolgen.