September 29, 2026

Unter den Schatten der Burg

Datum: unbekannt

Wir hielten uns weiterhin im dichten Dschungel verborgen und beobachteten die Ansiedlung am Fuß der gewaltigen Burg. Je länger wir das Treiben zwischen den Behausungen verfolgten, desto weniger gefiel mir, was wir dort sahen. Neben den ärmlichen, aber immerhin solide errichteten Häusern, wie man sie bei einem Dorf erwarten mochte, das zu einer Burg gehörte, erstreckte sich ein ganzes Meer aus Zelten, Unterständen und notdürftig zusammengezimmerten Hütten. Das Ganze erinnerte weit mehr an ein Heerlager als an eine gewöhnliche Siedlung. Befestigungen waren keine zu erkennen, doch wer sollte mitten in einem abgelegenen Tal im Hochgebirge schon einen Angriff wagen? Offenbar hielt man die Lage für Schutz genug, und vielleicht war das sogar richtig. Schließlich waren wir selbst nicht gerade zufällig hierhergekommen.

Zwischen den Behausungen bewegte sich eine Gesellschaft, die unterschiedlicher kaum hätte sein können. Neben gewöhnlichen Menschen sahen wir wahre Hünen, wie man sie aus Thorwal oder von den Gjalskern des aventurischen Nordens kannte. Zwerge waren darunter, ebenso einige Elfen. Doch all diese Unterschiede verblassten angesichts eines Anblicks, der mir weit mehr Sorgen bereitete: gerüstete Trolle. Etwas, das es nach allem, was ich über Aventurien wusste, eigentlich nicht geben dürfte. Schon ein ungerüsteter Troll war ein Wesen, mit dem man sich besser nicht leichtfertig anlegte. Wenn diese Kreaturen nun auch noch mit Rüstungen ausgestattet wurden, wollte ich mir lieber nicht ausmalen, wer sie dazu gebracht hatte oder wozu sie eingesetzt werden sollten.

Zwischen den bewaffneten Gestalten bewegten sich Leibeigene und Kriegsgefangene, wobei die zweite Bezeichnung wohl kaum beschrieb, wie man hier mit ihnen umging. Sklaven traf es vermutlich besser. Die Ansammlung wirkte nicht wie eine bunte Gemeinschaft unterschiedlicher Völker, sondern eher wie ein Sammelbecken für düstere Gestalten, Halsabschneider und Schurken aller Art. Bestenfalls konnte man einige von ihnen als Miliz oder Freischärler bezeichnen. Dass ein Menschenleben hier nicht viel wert war, ließ sich bereits aus der Entfernung erahnen.

Hinter dem Dorf erhob sich die Burg auf einer erhöhten Felsstufe. Sie war zu einem großen Teil direkt in den Fels geschlagen und wurde von einem gewaltigen Zugangstor beherrscht. Davor spannte sich eine steinerne Brücke über eine tiefe Schlucht, an deren gegenüberliegender Seite ein weiteres Torhaus den Weg zur Burg kontrollierte. Zwischen der Siedlung und der Festung bewegten sich immer wieder einzelne Gestalten hin und her. Besonders die Brücke und das Torhaus waren gut beleuchtet und bewacht. Während das Dorf selbst weitgehend ungeschützt wirkte, schien man bei der Sicherung der Burg keine Mühen zu scheuen. Es war offensichtlich, wo sich die eigentliche Macht dieses Tals befand.

Wir bewegten uns am Rand des Dschungels nach Südwesten, um einen besseren Blick auf die Ansiedlung zu erhalten. Dabei achteten wir darauf, in der Vegetation verborgen zu bleiben. Mittlerweile war die Dunkelheit hereingebrochen, und die Lichter der Siedlung traten deutlicher hervor. Die Nacht bot uns bessere Deckung, machte es aber zugleich schwieriger, Einzelheiten zu erkennen. Gerade als ich dachte, wir könnten die Gelegenheit nutzen, um uns unauffällig näher heranzuarbeiten, geschah etwas, das mir einen weiteren Eindruck von den Gepflogenheiten dieses Ortes vermittelte.

Aus einer der Hütten wurde achtlos ein Bündel ins Freie geworfen. Es landete im Dreck, als handele es sich um wertlosen Abfall. Gieselhold machte sich daran, die Sache näher zu untersuchen, wobei er sich so vorsichtig wie möglich bewegte. Beinahe wäre er dabei entdeckt worden. Was er herausfand, war allerdings schlimmer als alles, was ich mir zunächst vorgestellt hatte: Das vermeintliche Bündel war ein Mensch, der noch lebte, sich jedoch offenbar im Sterben befand. Man hatte ihn einfach vor die Tür geworfen und seinem Schicksal überlassen. Welch fürsorgliche Umgangsformen. Ich hatte schon erlebt, wie wenig manche Menschen auf das Leben anderer gaben, doch diese Gleichgültigkeit war selbst für eine Ansammlung von Halsabschneidern bemerkenswert.

Wir beschlossen, uns nun näher an das Dorf heranzuwagen, um mehr über die Bewohner und die Burg herauszufinden. Dabei passierte mir ein Missgeschick, das ich mir gern erspart hätte. Ohne es rechtzeitig zu bemerken, trat ich auf eine Stelle im Boden, die meinem Gewicht offenbar nicht gewachsen war, und verschwand mit einem unterdrückten Fluch in einem Loch. Die Dunkelheit verschluckte mich, und als ich unten ankam, saß ich in einem schmalen Rinnsal, das mir die Hose durchnässte. Ich hätte mir für den Beginn unserer Erkundung durchaus einen würdevolleren Auftritt vorstellen können.

Nach kurzem Zögern zog ich meinen Gwen-Petryl-Stein hervor, um mich umzusehen. Sein blaues Licht enthüllte einen engen Tunnel, ungefähr anderthalb Schritt hoch und kaum sechs Spann breit. Das Wasser am Boden war flach, doch tief genug, um meine Hose gründlich zu ruinieren. Die Wände waren von Pflanzen und Pilzen überwuchert, zwischen denen sich Runen und Schriftzeichen erkennen ließen. Ich hatte gerade begonnen, die merkwürdigen Zeichen genauer zu betrachten, als ich bemerkte, dass ich nicht allein war. Eine gewaltige Ratte starrte mich aus dem Halbdunkel an. Sie war groß genug, dass ich den Eindruck gewann, sie betrachte mich nicht als Eindringling, sondern als Abendessen.

Ich hielt es für ratsam, ihr diesen Gedanken auszureden, und kletterte zunächst aus dem Kanal. Nachdem ich den anderen von meinem Fund berichtet hatte, wurde schnell klar, dass der Gang in Richtung der Siedlung verlief und nahezu geradewegs auf die Burg zuführte. Nach kurzer Diskussion beschlossen wir, ihm zu folgen. Ein unterirdischer Kanal war zwar nicht gerade der Eingang, den ich für eine Burgbesichtigung gewählt hätte, doch angesichts der gut bewachten Brücke und des Torhauses schien er die deutlich vernünftigere Alternative zu sein.

Bei genauerem Hinsehen wirkte der Tunnel nicht wie eine Abwasserleitung. Das Wasser war nicht verschmutzt, und die Anlage schien eher der Bewässerung oder der Ableitung überschüssigen Wassers zu dienen. Wir folgten dem schmalen Gang vorsichtig, wobei ich die Ratte im Auge behielt, die sich offenbar nicht damit abfinden wollte, auf ihre Mahlzeit zu verzichten. Als sie sich erneut in meine Richtung bewegte, stach ich zu und setzte ihrem Angriff ein Ende. In dem Augenblick, in dem die Kreatur verendete, leuchteten die Runen in den Tunnelwänden kurz auf. Das Licht erlosch ebenso rasch, wie es erschienen war, und ließ uns mit einer weiteren Frage zurück. Offenbar waren die Zeichen nicht bloß Verzierungen, sondern reagierten auf bestimmte Ereignisse. Ob der Tod der Ratte dafür verantwortlich gewesen war oder etwas anderes den Effekt ausgelöst hatte, konnten wir nicht sagen.

Nach einigen weiteren Metern erreichten wir eine T-Kreuzung. Der Tunnel führte nach links und rechts, ohne dass wir erkennen konnten, welcher Weg uns unserem Ziel näherbringen würde. Wir entschieden uns zunächst für die linke Abzweigung, doch schon nach wenigen Metern war Schluss. Eine stabile hölzerne Wand versperrte den Gang. Das Holz war sauber verarbeitet und von einer Qualität, die sich deutlich von den notdürftigen Hütten und Unterständen im Dorf unterschied. Hier hatte jemand Wert auf solide Arbeit gelegt. Ich fragte mich unwillkürlich, ob die Wand den Kanal absichtlich verschloss oder ob sie lediglich einen alten Zugang blockierte.

Da uns dieser Weg nicht weiterbrachte, kehrten wir zur Kreuzung zurück und folgten der anderen Richtung. Der Tunnel mündete schließlich in einen quadratischen Raum von ungefähr sechs Schritt Seitenlänge und drei Schritt Höhe. Auf dem Boden lag eine alte, verrostete Tür, die offenbar einst den Zugang zum Kanal verschlossen hatte. In der gegenüberliegenden Wand befand sich eine weitere geschlossene Tür, während rechts ein Durchgang zu einer Treppe führte, die nach unten verlief. Überall waren Schriftzeichen in die Steinwände gemeißelt. Ihre Anordnung ließ vermuten, dass der Raum einst eine besondere Bedeutung besessen hatte.

Gieselhold zog seinen eigenen Leuchtstein hervor und erhellte damit die Umgebung. Im zusätzlichen Licht wurden weitere Zeichen sichtbar, die uns zuvor entgangen waren. Anders als die sauber in den Stein gemeißelten Schriftzeichen wirkten diese hastig aufgetragen. Jemand hatte offenbar versucht, die ursprünglichen Inschriften zu überdecken oder zu ergänzen. Die Schmierereien zogen sich über den Boden und konzentrierten sich besonders im Bereich der geschlossenen Tür gegenüber. Wer auch immer sie angebracht hatte, war dabei nicht mit besonderer Sorgfalt vorgegangen. Es wirkte eher, als hätte jemand unter Zeitdruck eine Warnung oder eine Botschaft hinterlassen wollen.

Wir untersuchten zunächst den Gang hinter der geschlossenen Tür. Er endete bereits nach kurzer Strecke an einer gemauerten Wand, die ganz offensichtlich nachträglich eingezogen worden war. Der ursprüngliche Gang war also absichtlich verschlossen worden. Weshalb, blieb unklar. Da wir dort nicht weiterkamen, wandten wir uns dem Durchgang neben der Treppe zu und stiegen ungefähr fünf Meter tiefer hinab. Unten führte der Gang in östlicher und westlicher Richtung weiter, und aus der östlichen Richtung war ein leises Gemurmel zu hören. Licht konnten wir keines erkennen.

Wir bewegten uns vorsichtig auf das Geräusch zu und tasteten uns im Dunkeln an der Wand entlang. Je weiter wir kamen, desto deutlicher wurde das vermeintliche Gemurmel. Schließlich erkannte ich, dass es sich gar nicht um Stimmen handelte, sondern um regelmäßiges Atmen. Jemand oder etwas befand sich in der Dunkelheit vor uns. Wir wussten weder, wie groß der Raum war, noch, was uns darin erwartete. Also tasteten wir uns weiter vor, bis wir an eine Abzweigung oder möglicherweise den Eingang zu einem größeren Raum gelangten.

Ohne weitere Informationen war mir die Dunkelheit inzwischen zu unangenehm geworden. Ich sorgte dafür, dass wir Licht bekamen, und konnte nun erkennen, dass der Gang geradeaus weiterführte. Zu beiden Seiten gingen weitere Wege ab, die offenbar in Kammern mündeten. Die Räume waren ungewöhnlich eingerichtet. In einer der Kammern standen ein Bett aus Stein und ein Schrank, daneben befand sich ein Fenster, hinter dem allerdings nichts als eine gemauerte Wand zu erkennen war. Wer hier lebte, brauchte sich jedenfalls keine Sorgen um Zugluft zu machen.

Auf dem steinernen Bett lag eine Kreatur, ungefähr anderthalb bis zwei Schritt groß. Sie schien zu ruhen, während das regelmäßige Atmen, dem wir gefolgt waren, weiterhin den Raum erfüllte. Der Boden war glatt poliert, und auch die Steinwände fühlten sich warm an. Nach den kalten, feuchten Kanälen und dem dunklen Zugang wirkte dieser Bereich beinahe gepflegt. Doch die Kombination aus den sorgfältig gearbeiteten Räumen, dem zugemauerten Gang, den hastigen Schriftzeichen und der unbekannten Kreatur auf dem steinernen Bett ließ mich vermuten, dass wir uns an einem Ort befanden, dessen Geschichte weit über eine gewöhnliche Wasseranlage hinausging.

Ich hielt inne und betrachtete die Gestalt auf dem Bett. Wir waren gekommen, um mehr über die Ansiedlung und die Burg herauszufinden, und nun standen wir unter der Erde in einem Raum, der offenbar zu einer ganz anderen Welt gehörte als die armseligen Hütten draußen. Es war noch nicht klar, ob wir einen vergessenen Teil der Burg entdeckt hatten oder etwas, das lange vor den heutigen Bewohnern hier bestanden hatte. Sicher war nur, dass wir uns inzwischen weit genug in die Tiefe gewagt hatten, dass ein unbedachtes Geräusch oder eine falsche Bewegung unangenehme Folgen haben konnte. Und diesmal, das schwor ich mir, würde ich wenigstens versuchen, nicht noch einmal in irgendeinem Loch zu verschwinden.