Unter der Erde, dort, wo selbst Mut einen Hitzeschaden bekommt (3. Rahja, 00:00-04:00 )
3. Rahja, Mitternacht
Man sagt, der 3. Rahja sei dem Genuss und der Lebensfreude geweiht. Diese Regel scheint unter der Erde keine Gültigkeit zu besitzen.
Wir fanden uns in einer gewaltigen Kaverne wieder, deren Boden von zäh fließenden Magmaströmen durchzogen war. Das fahle, rötliche Licht ließ die Wände flackern und verzerrte jede Entfernung. Eine schmale Steinbrücke spannte sich über diese glühende Tiefe, gut vierzig Schritt über dem Magma, gerade breit genug, um sie nicht sofort als Todesurteil zu erkennen.
Auf unserer Seite der Brücke standen wir: Geron, Gieselhold, Gerald, Leudara und ich. Auf der anderen Seite erwartete uns eine Gestalt, die sich jeder wohlmeinenden Interpretation entzog – humanoid, aber vollständig aus lebendigem Feuer bestehend. Neben ihr lag eine weitere, zusammengekrümmte Gestalt am Boden, reglos und unnatürlich still. Die flammende Kreatur schenkte uns keinerlei Beachtung, als wären wir bestenfalls ein lästiges Detail.
Gerald musterte die Szene mit der Ruhe eines Mannes, der schlechte Nachrichten gewohnt ist, und erklärte schließlich nüchtern:
„Das ist ein Ivash. Ein Dämon.“
Ich erinnere mich noch gut an meinen Moment ehrlicher Begeisterung. Natürlich innerlich.
Ein Dämon. Vierzig Schritt über Magma. Mitten in der Nacht.
Man muss die Abwechslung ja zu schätzen wissen.
Leudara hingegen zögerte keine Sekunde. Ihr Blick haftete auf der reglosen Gestalt am Boden, und ihre Stimme hallte durch die Kaverne.
„Für das Gute! Nieder mit dem Dämonen! Der Mann braucht Hilfe!“
Noch während ich überlegte, ob man eventuell zuerst einen Plan fassen sollte, stürmte sie bereits los. Über die Brücke. Auf den Dämon zu. Mit dem festen Glauben, dass Rondra den Rest schon regeln würde.
Wir hatten nicht viel Zeit, uns über diese Entscheidung zu wundern. Waffen wurden gezogen, und wir setzten Leudara nach. Erstaunlicherweise holten wir sie schnell ein, was weniger für unsere Geschwindigkeit sprach als für die Tatsache, dass selbst Rondrageweihte auf schmalen Brücken vorsichtig werden.
Der Ivash wandte sich uns nun zu. Das Feuer seiner Gestalt flackerte auf, als hätte er uns endlich als würdige Ablenkung erkannt. Wir umzingelten ihn, so gut es der Platz zuließ, und schlugen zu. Klingen trafen auf etwas, das weder Fleisch noch Metall war, und doch Widerstand bot.
Es war letztlich Leudara, die den Kampf beendete. Mit einem mächtigen Hieb zerteilte sie den Dämon, als hätte sie genau diesen Moment erwartet. Das flammende Wesen zerfiel und verging, als wäre es nie mehr als ein böser Gedanke gewesen.
Erneut mussten wir feststellen, dass wir gerade von einem Nichtspielercharakter gerettet worden waren. Ich vermerke dies nur der Vollständigkeit halber.
Die Gestalt am Boden entpuppte sich als ein Korsmalsbündler, fast bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Gieselhold untersuchte ihn fachmännisch und kam rasch zu dem Schluss, dass der Mann im Sterben lag. Wir versuchten, ihm beizustehen, doch vernünftige Worte waren von ihm nicht mehr zu erhalten. Er sprach nur noch von seiner geliebten Frau, immer wieder, bis seine Stimme schließlich verstummte.
Nachdem er gestorben war, übernahm Gieselhold die Nachsorge und plünderte routiniert die Habseligkeiten des Toten.
Hinter der Brücke führte ein schmaler Stollen weiter in den Berg hinein, der bald in einen sauber bearbeiteten, gemauerten Gang überging. Runenverzierungen schmückten die Wände und ließen vermuten, dass dieser Ort einst mit größerem Zweck errichtet worden war. Weiter vorn war eine Seitenwand eingestürzt, große Steinbrocken versperrten teilweise den Weg. Dahinter offenbarte sich eine Grabkammer mit einem Zwergenskelett sowie ein schmaler Schacht, der im Dunkel verschwand.
Wir folgten dem Gang weiter und gelangten schließlich erneut in eine große Magmahöhle. Zu unserer Überraschung stellte sich später heraus, dass es dieselbe war, die wir bereits gesehen hatten – nur aus einer anderen Perspektive. Eine Brücke fehlte hier. Stattdessen führten links und rechts schmale Simse weiter, von denen einige bereits abgebrochen waren.
Wir entschieden uns für den linken Sims. Mithilfe von Klettereinlagen arbeiteten wir uns voran, doch selbst Leudara geriet kurz ins Straucheln. Nur durch gemeinsames Eingreifen konnten wir verhindern, dass sie in die Tiefe stürzte. Der Sims führte zu einer weiteren Brücke, die allerdings zerstört war und nur noch etwa zehn Schritt über dem Magma hing.
Also folgten wir dem Gang auf unserer Seite der Brücke weiter. Der Weg öffnete sich zu einem großen Gang mit Torbogen und Gewölbedecke. An einer Kreuzung mussten wir feststellen, dass der geradeaus führende Gang eingestürzt war. Ein linker Abzweig war durch eine Stele mit grün leuchtender Rune markiert. Wir folgten ihm – nur um bald in einem unbehauenen Stollen mit üblem Geruch zu landen. Ein kurzer Blick genügte, um zu entscheiden, dass dieser Weg keine guten Absichten hegte. Wir kehrten um.
Beim Rückweg entdeckten wir einen niedrigen Stollen, der uns zuvor entgangen war. Er führte in eine Höhle, in der wir auf sechs etwa anderthalb Schritt große humanoide Kreaturen mit roten Augen trafen. Sie trugen gemeinsam einen großen Stein, hielten inne, als sie uns bemerkten, setzten ihn ab und zogen sich vorsichtig zurück. Wir ließen sie gewähren.
Ein anderer Gang führte uns schließlich in einen vertraut wirkenden, gut bearbeiteten Korridor mit Gewölbedecke. Dort entdeckte ich eine Kreidezeichnung an der Wand: ein schlichtes X. Mir wurde klar, dass die Korsmalsbündler ihre Wege so markierten – das Zeichen wies auf Pfade hin, die nicht zum Ziel führten. Also entschieden wir uns für die entgegengesetzte Richtung.
Der Gang endete an einem hohen Torbogen. Dahinter lag ein runder Raum mit einer brunnenartigen Struktur im Zentrum, zwei weiteren Ausgängen und einem Alkoven. Von dort aus hatten wir einen Ausblick auf eine weitere riesige Höhle mit einem Magmasee. Auf dem Magma schwammen Felsschollen, auf denen sich Korsmalsbündler bewegten, offenbar von einer zur nächsten springend.
In der Mitte des Sees erhob sich eine große steinerne Plattform. Auf ihr befand sich das Ziel ihrer Bemühungen: die Goblinpauke. Eine gewaltige Trommel von etwa vier Schritt Durchmesser und eineinhalb Schritt Höhe. Mehrere Korsmalsbündler begannen gerade, sie mit einer unbekannten Substanz zu beschmieren.
Und dort war auch ihr Anführer. Ein Magier, rücksichtslos, entschlossen – und zu unserem blanken Entsetzen kein Unbekannter.
Es war Olko.
Unser alter Freund.