Mai 5, 2026

Der silberne Fluchtweg (30. Rahja 18:00 - 30. Rahja 23:00)

Der Abend des 30. Rahja legte sich schwer über Burg Trescha. Vom Wehrgang aus beobachtete ich, wie sich die Truppen des Korsmalsbundes langsam in die umliegenden Wälder zurückzogen, um dort ihr Lager aufzuschlagen. Zwischen den dunklen Baumstämmen begannen bereits die ersten Feuer zu flackern, und Stück für Stück schloss sich der Belagerungsring um die Burg. Unterhalb der Klippen, im kleinen Hafen des Dorfes Trescha, legten zusätzlich die Flussschiffe des Piraten Mijesko Einhand an. Ihre schwarzen Rümpfe lagen reglos auf dem Wasser wie wartende Raubtiere.

Gieselhold glaubte zwischen den Bäumen noch andere Kreaturen zu erkennen — riesenhafte Wesen, die aussahen wie monströse Fledermäuse. Doch Drachen konnten wir diesmal nirgends entdecken. Nach allem, was wir in den vergangenen Tagen erlebt hatten, beruhigte mich das kaum. Vielleicht brauchte der Feind seine Drachen diesmal gar nicht. Vielleicht warteten sie nur außerhalb unseres Blickfeldes.

Noch bevor die Dunkelheit vollständig hereingebrochen war, versammelten wir uns zu einer improvisierten Lagebesprechung. Neben Burgmeisterin Larle, ihrem Stellvertreter Faredeij und uns dreien nahm diesmal auch Jucho teil. Niemand schenkte Einhands Versprechen Glauben, erst am nächsten Morgen anzugreifen. Und noch weniger glaubte irgendjemand an den schnellen, gnädigen Tod, den er uns im Falle einer Kapitulation zugesichert hatte. Ebenso eindeutig war unsere Haltung zur Trommel. Wir würden sie nicht herausgeben. Nicht nach allem, was geschehen war. Nicht nach Rangnids Tod. Nicht nachdem wir das gesamte Bornland durchquert hatten, um dieses verdammte Artefakt hierherzubringen.

Die Besprechung verlief nüchtern und ohne jede Illusion. Die wenigen Verteidiger mussten so verteilt werden, dass wenigstens alle Schwachstellen der Burg besetzt waren. Männer wurden den nördlichen Zinnen zugeteilt, um einen möglichen Angriff über die Klippen abzuwehren. Im Osten sollten die Bogenschützen den Aufstieg zum Tor unter Feuer nehmen. Andere sicherten die südlichen Abhänge oder wurden als Reserve zurückgehalten. Vier Mann stellte man für die Bedienung der Rotze ab. Selbst mit allem guten Willen klang die Aufstellung weniger nach einer Verteidigung als nach dem verzweifelten Versuch, das Unvermeidliche hinauszuzögern.
In Zahlen
- 8 Mann nördlicher Wehrgang
- 8 Mann östlicher Wehrgang
- 2 Mann südlicher Wehrgang/Torhaus, als Wachen/Beobachter
- 4 Man Rotze
- 8 Mann Reserve
Munitionsvorräte: 40%/40%/20% im Stall/Werkstatt/Burgfried

Anschließend wurden die verbliebenen Ressourcen verteilt und letzte Vorbereitungen getroffen. Doch während die übrigen Verteidiger fieberhaft arbeiteten, beschäftigte uns längst eine andere Idee. Die Legende der Silbernen Horde ließ uns nicht mehr los. Seit Kasimirs Erzählungen hatte Gerald eine Theorie entwickelt, die ebenso verrückt wie verlockend war: Wenn die Silberne Horde einst ohne jede Spur aus der belagerten Burg verschwunden war, dann musste ihr Fluchtweg vielleicht noch existieren.

Und wenn er existierte, dann würden wir ihn finden.

Also begannen Gerald und Gieselhold damit, das alte Mosaik in den Stallungen freizulegen. Unter jahrzehntealtem Schutt, unter Stroh und gestapeltem Baumaterial kam nach und nach das Bild einer weißen Faust auf rotem Grund zum Vorschein. Stein für Stein wurde vorsichtig herausgelöst und in unseren Schlafraum im Burgfried gebracht, wo sich eine schildförmige Aussparung im Boden befand, mit einer Vielzahl von kleinen Vertiefungen in denen exakt diese Mosaik Steinchen passen

Natürlich blieb unsere Tätigkeit nicht unbemerkt. Immer wieder kamen neugierige Anwärter vorbei, unter anderem Gorlan und Arlin, die mit jener Mischung aus Ahnungslosigkeit und Neugier Fragen stellten, die ich inzwischen bei jungen Rekruten erwartete. Was wir dort täten. Was es mit der Trommel auf sich habe. Ob wir Zauber wirkten. Ich schickte sie freundlich, aber bestimmt fort.
Gerald hingegen begann einigen der Neugierigen halbe Geschichten über namenlose Mächte, göttliche Eingebungen und Praiosgefälligkeit zu erzählen, bis selbst die Hartnäckigsten irgendwann verwirrt genug waren, um uns endlich in Ruhe zu lassen.

Auch Kasimir erschien noch einmal und ergänzte seine bisherigen Ausführungen. Angeblich, so berichtete er, sei die Silberne Wehr mit Hilfe der Feen entkommen. Als Gegenleistung hätten sie sich dem Walsachkönig unterworfen.

Diese Worte gefielen mir überhaupt nicht. In letzter Zeit schien jede Lösung einen Preis zu verlangen, dessen wahre Höhe man immer erst erkannte, wenn es längst zu spät war.

Schließlich setzte Gerald gemeinsam mit Gieselhold den letzten Stein in die schildförmige Vorlage im Boden ein. Im selben Augenblick geschah etwas. Ein Teil des steinernen Bodens verschwamm vor unseren Augen und verwandelte sich in eine silbrig glänzende Fläche, die wirkte wie ein kleiner, vollkommen ruhiger See. Das Licht darin bewegte sich seltsam, als besäße diese Oberfläche zugleich keine Tiefe und doch eine bodenlose Unendlichkeit.

Niemand musste aussprechen, was wir alle dachten. Wir hatten unseren Fluchtweg gefunden. Das Portal ins Reich der Feen, den Weg, durch den die Silberne Horde einst verschwunden war.

Gerald entfernte probeweise einen einzelnen Stein, und augenblicklich schloss sich die silberne Fläche wieder. Setzte er den Stein erneut ein, öffnete sich das Portal von Neuem. So einfach. Und vermutlich so gefährlich, dass jeder vernünftige Mensch sofort Abstand davon genommen hätte.

Natürlich weihten wir Larle ein. Doch noch während wir erklärten, was wir entdeckt hatten, verschlechterte sich ihr Zustand plötzlich. Sie griff sich an den Kopf, taumelte und brach schließlich bewusstlos zusammen. Für einen Moment glaubte ich an Gift oder Magie. Doch je länger wir darüber sprachen, desto stärker entstand ein anderer Verdacht. Vielleicht wusste Larle bereits mehr über das Portal. Vielleicht hatte jemand ihre Erinnerungen absichtlich verborgen oder versiegelt, damit dieses Wissen niemals leichtfertig genutzt werden konnte.

Doch für lange Überlegungen blieb keine Zeit mehr. Mitternacht rückte näher, und damit der erste Namenlose Tag. Falls wir handeln wollten, mussten wir es jetzt tun.

Da Larle bewusstlos blieb, fiel die Verantwortung plötzlich uns zu. Also versammelten wir die gesamte Burgbesatzung sowie die Leibeigenen unter dem Vorwand einer letzten Ansprache in der Wachstube des Burgfrieds. Dort eröffnete ich ihnen die Wahrheit. Unter uns befand sich ein Fluchtweg. Ein Weg durch die Feenwelt.

Nicht jeder reagierte darauf mit Erleichterung. Gerade die Ritter empfanden den Gedanken an eine Flucht als entehrend. Einige wollten lieber auf den Mauern sterben, als vor dem Korsmal-Bund zu weichen. Ich verstand ihren Stolz. Vielleicht beneidete ich sie sogar ein wenig darum, dass ihre Welt noch so einfach funktionierte. Doch ich hatte genug von ehrenvollen Toden gesehen. Ehre baut keine Zukunft auf. Ehre gründet keine Familie. Ehre schützt keine Kinder.

Also redete ich. Über Verantwortung. Über Überleben. Darüber, dass man eine Burg zurückerobern konnte, aber keine Toten. Und als Worte allein nicht ausreichten, übernahmen wir schlicht die Befehlsgewalt. Larle war nicht ansprechbar, irgendjemand musste entscheiden — und ich hatte längst aufgehört zu glauben, dass bessere Menschen als wir auftauchen würden, um diese Entscheidungen zu treffen.

Am Ende fügten sie sich. Widerwillig, still, aber sie folgten. Gerald öffnete das Portal erneut, indem er den letzten Stein einsetzte. Das silberne Licht erfüllte den Raum, kalt und fremdartig. Ich trat als Erster hindurch. Wenn ich von anderen verlangte, mir in die Feenwelt zu folgen, dann würde ich wenigstens den Anstand besitzen, selbst vorauszugehen.

Der Durchgang war unmöglich zu beschreiben. Kälte und blendendes Licht verschlangen jede Orientierung. Für einen Augenblick hatte ich das Gefühl zu fallen und gleichzeitig zu schweben, als existierten Raum und Zeit dort nicht mehr in der Form, wie wir Sterblichen sie kannten.

Dann brach ich durch eine spiegelglatte Wasseroberfläche.Ich tauchte aus einem silbernen See auf und rang nach Luft. Als ich mich umsah, wusste ich sofort, dass wir ganz woanders waren. Am Ufer standen dutzende tierköpfige Wesen dicht gedrängt und beobachteten uns, sich schnatternd und tuschelnd unterhaltend, wie neugierige Zuschauer auf einem Jahrmarkt. Hinter ihnen jedoch ragten zwei gewaltige Gestalten auf, gehüllt in schwere silberne Rüstungen, mit riesigen Zweihändern.

Bewaffnet.

Gepanzert.

Reglos.

Beim Anblick dieser beiden Wesen schossen mir augenblicklich mehrere Gedanken durch den Kopf. War die Silberne Wehr bereits hier? Hatte der Korsmal-Bund diesen Ort längst erreicht? Welchen Preis würden die Feen von uns verlangen, damit wir bleiben durften? Und vor allem fragte ich mich, wer jetzt eigentlich das Portal hinter uns schloss, wenn auf der anderen Seite niemand mehr übrig war.

Für einen bitteren Moment fragte ich mich ernsthaft, ob wir gerade etwas geschafft hatten, das noch beeindruckender war, als Burg Trescha zu verlieren. Vielleicht waren wir tatsächlich direkt vom Regen in die Traufe geraten.