August 25, 2024

Zui Quan im Bornland

Es war ein früher Morgen, der 7. Phex, und der Rondratempel, welcher sich im Wachturm des westlichen Stadttors von Irberod befindet, erhob sich majestätisch in der Dämmerung, umhüllt von einem geheimnisvollen Duft nach Weihrauch, der den schrecklichen Geruch des verbrannten Blutes zu überdecken suchte. An den Wänden hingen zahlreiche Waffen und Rüstungen, Relikte vergangener Kämpfe, die von Ruhm und Ehre zeugten.

Spieler: Christoph, Christian (GM), Sascha (Berichterstatter)

Inmitten dieser ehrwürdigen Stille kniete Gamrik, tief in Buße versunken, vor dem Altar, während die Geweihte Leudara mit einem durchdringenden Blick zu uns trat. Ihre Stimme war sanft, doch die Schwere ihrer Frage ließ die Luft um uns herum vibrieren: „Wisst ihr, was Gamrik in den Abgrund eines Paktes geführt hat?“

Gieselhold, von unbändiger Aufregung ergriffen, redete sich in seiner Nervosität um Kopf und Kragen, während Gerald geschickt das Gespräch auf die wohlhabende ältere Dame lenkte, von der Gamrik uns berichtet hatte. Hier konnte Gieselhold erleichtert alles erzählen, was er wusste bzw. was er nicht wusste.

Leudara, mit einem Ausdruck der Entschlossenheit, forderte uns auf, den Tempelvorsteher Raian von Rodebrand aufzusuchen und ihm auch alles zu erzählen. Ohne zu zögern, machten wir uns auf den Weg zu ihm. Als wir in sein Büro vorgelassen wurden, empfing er uns mit einem Blick, der sowohl Neugier als auch Besorgnis verriet.

Wir berichteten ihm von der geheimnisvollen Frau, dem ominösen Getränk und dem schicksalhaften Vorfall am Rahjaschrein. Wir erzählten dem Tempelvorsteher auch das uns Leudara zu ihm geschickt hatte, um ihm diese Informationen zukommen zu lassen. Doch als der Name Leudara über unsere Lippen kam, verfinsterte sich sein Gesicht, und ein Schatten des Missmuts legte sich über ihn. Das Etablissement „Zum gebrochenes Rad“ und unseren Brief, den wir den Bewohnern des Etablissements geschrieben haben, hielten wir jedoch im Verborgenen, wissend, dass nicht alle Geheimnisse ans Licht gehören.

Um die zehnte Stunde des Morgens brachen wir zu einem der Bäcker auf, um uns eine köstliche Brotzeit zu besorgen. Mit Bedacht auf die Ereignisse der Nacht, die Leudara bestimmt auch keine Zeit zum Frühstücken gelassen hatten, erwarben wir auch für sie ein leckeres Schinkenbrot und machten uns auf den Weg zu ihr, um gemeinsam ein frühes Mittagessen zu genießen.

In ihrem ehrwürdigen Arbeitszimmer schmeckte uns allen die deftige Mahlzeit. Nach einigen belanglosen Themen sprach Gerald mit erwartungsvoller Miene die Frage an, ob der Termin für das festliche BBQ-Hähnchenessen im BBQ-Keller am kommenden Abend für sie auch passen würde. Mit einem Lächeln bejaht sie unsere Anfrage. Wir hatten den Eindruck, sie würde sich darauf freuen. Ob wegen uns, ob wegen dem essen, ob wegen der Feier oder ob wegen allem war unklar, aber ist auch nicht so wichtig.

Weitere Gespräche blieben nicht aus und so offenbarte uns Leudara, dass sie nach dem Wettkampf direkt zu ihrem Heimattempel zurückbefohlen wurde. In dieser Eile wird es ihr nicht vergönnt sein, den strahlenden Sieger des Wettbewerbs auf dessen Reise zu begleiten. So entfaltet sich vor uns ein Bild von Pflicht und Ehre, dass die Tiefe ihrem Gehorsam an ihrer Tempelvorsteherin offenbart. Überraschen ist das nicht, denn immerhin ist das ein beispielhafte Ausprägung eines der Kernprinzip des Rondraglaubens.

Es war in der Zwischenzeit zwölf Uhr und die Zeit für den heutigen Wettkampf stand bevor. Mit entschlossenen Schritten machten wir uns gemeinsam auf den Weg zur Arena, gespannt darauf welcher Wettkampf uns heute erwarten würde. Plötzlich erblickten wir Ricarda, die wie ein Sturm auf uns zuraste, ihre Augen funkelten vor Besorgnis. „Alriksej ist nicht erschienen!“, rief sie, „Er wollte früh zum Sondermarktplatz, um Holz für einen Wagen zu besorgen und jetzt ist er nicht hier!“ Besorgt über die Abwesenheit Alriksejs, eine Nichtteilnahme am heutigen Wettbewerb hätte eine Disqualifikation zur Folge, begaben wir uns auf die Suche nach ihm.

Wir fragten die Händler am Sondermarktplatz, ob sie Alriksej gesehen hätten, und wurden auf einen Wagner namens Janosk Laikis verwiesen, bei dem Alriksej vor einigen Tagen vorbeigesehen hätte. Doch als wir Janosk fanden, war er in ein Gespräch mit Junker Witold Broschkin von Westermund vertieft. Der Junker, von Müdigkeit gezeichnet, warf Ricarda einen misstrauischen Blick zu, als ob er in ihr eine Problem witterte. Die beiden Männer informierten uns, dass sie Alriksej am Vortag zuletzt gesehen hätten.

Daraufhin machte sich Gieselhold auf den Weg und durchstreifte die Gassen und lauschte den Gerüchten, die wie Schatten durch die Straßen huschten. Schließlich erfuhr er, dass Alriksej die Nacht in einer Kneipe verbracht hatte, dem Alkohol verfallen und dem Schicksal ausgeliefert. Mit festem Entschluss machte sich Gieselhold auf den Weg zur Kneipe und fand Alriksej, der noch jetzt sturzbesoffen in einer Ecke lag, das Licht der Welt kaum noch wahrnehmend.

Während Gieselhold seinen Freund aus dem schummerigen Kneipezelt in die gnadenlose Helligkeit und bitteren Kälte des neuen Wintertages zerrte, führte Gerald ein Gespräch mit Ricarda.

„Warum reagierte Junker Witold so auf dich?“, fragte er.

Ricarda zögerte, als ob sie ein Geheimnis bewahren wollte.

Schließlich gestand sie: „Er war ein früherer Kunde. Meine Ware entsprach unserer Vereinbarung. Doch er ist unzufrieden. Er hat die Anweisungen nicht befolgt. Das ist seine Schuld. Jetzt will er sein Geld zurück, doch Geschäft ist Geschäft. Und des weiteren schuldet er mir noch die letzte Rate über fünf Silbertaler.“

Gerald erkannte wie die Spannung, die Ricarda bisher in ihrem Griff hatte, von ihr abfiel als sie Gieselhold mit Alriksej auf uns zukommen sah. So schnell es der Zustand von Alriksej erlaubte rannten – oder besser gesagt – stolperten er mit uns zur Arena.

Kurz vor dem Ende der Begrüßung, mit einem taumelnden Schritt und einem schallenden Gelächter, stürzte der sturzbesoffene Alriksej in die Arena, ein lebendiges Chaos aus Wagemut und Unvernunft. Die Schiedsrichterin Laudara, mit einem Blick, der sowohl Erstaunen als auch Besorgnis ausdrückte, fragte mit fester Stimme, ob er bereit sei, sich dem Wettkampf zu stellen. Mit einem lallenden Brüllen, das die Menge in Staunen versetzte, verkündete Alriksej, dass es für ihn kein Problem darstelle, heute am Wettbewerb teilzunehmen.

Der heutige Wettkampf war ein Spektakel der Stärke und des Mutes, in dem zwei Krieger gegeneinander antraten, und der Sieger das Recht erlangte, einen neuen Herausforderer zu wählen.

Leudara leitete mit folgenden Worte den fünften Wettkampf „Anshags Rückkehr“ ein:

Als die Ritter unter Gunbald vom Neersande stumpf und fehlgeleitet wurden, war es das Schicksal der Silbernen Horde, dem Verfall zu widerstehen. Und siehe, Anshag von Glodenhof forderte den ehrlosen Gunbald im Jahr 321 auf, dass der von dem Amte ließ, in dem er den Orden schmählich gemacht hatte. Und wie der letzte Ordensmeister Anshag soll es heut der Tapferste nur sein, der einen jeden Zweikampf meistert, der ihm angetragen.“

Der erste Zweikampf fand zwischen Fabius und Alriksej statt. Auch wenn die schwankenden und unvorhersehbaren Bewegungen Alriksejs das Treffen erschwerten, so hatte er doch keine Chance gegen Fabius zu gewinnen. Doch auch Fabius sollte bald unterliegen. Die meisten Kämpfe an diesem Tag hatte Janko auszutragen. Trotz der widrigen Umstände und der schier überwältigenden Chancen, die gegen ihn standen, entfaltete er seine Kraft und seinen unerschütterlichen Willen. Mit einem letzten, entschlossenen Schlag besiegte er seinen Widersacher und die Arena explodierte in einem Sturm aus Jubel und Begeisterung.

In der glorreichen Preisverleihung, die dem Wettkampf folgte, wurde Janko der versilberte Panzerhandschuh feierlich überreicht – ein Symbol seines Triumphs und seiner unerschütterlichen Entschlossenheit. Leudara erhob ihre Stimme und verkündete mit feierlicher Ernsthaftigkeit, dass dies sein zweiter Sieg sei. Doch nun lag das Schicksal in der Schwebe. Der nächste Wettkampftag würde entscheiden, ob Janko mit dem unberechenbaren Alriksej gleichziehen könnte oder ob dieser, in seiner ungestümen Art, den Sieg davontragen würde.

Nach der glühenden Hitze des Wettkampfs, als die Arena von den Jubelrufen der Menge erbebte, erblickten Gieselhold und Gerald auf der gegenüberliegenden Tribüne eine Szene, die ihre Aufmerksamkeit fesselte. Dort, im strahlenden Licht der Nachmittagssonne, stand Ricarda bei einer geheimnisvollen Frau, deren Erscheinung so erhaben war, dass sie wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt wirkte. Ihr Antlitz, von einer Aura des Geheimnisses umgeben, ließ unsere Gedanken an Gamriks Schilderung von seiner Bekanntschaft aus dem gebrochenen Rad aufkeimen. Wir hatten diese zwar nie persönlich gesehen, aber wir waren uns sicher: Sie musste diese Frau sein!

Ricarda, leidenschaftlich und voller Feuer, sprach mit der Dame, deren ruhige und würdige Haltung einen Kontrast zu Ricardas aufbrausendem Temperament bildete. Gieselhold, von Neugier getrieben, schlich sich durch die Menge näher, während Gerald das Treffen – besser – das Aufeinandertreffen der Frauen weitere beobachten wollte. Plötzlich, wie von einer unsichtbaren Kraft geleitet, wand sich Ricarda sich energisch von der Frau abwandte und den Platz angespannt verließ und zu Alriksej eilte. Die geheimnisvolle Frau brach ebenfalls auf und wie ein Schatten verschwand sie in der brodelnden Menschenmasse, so geschickt, dass selbst Gieselhold, der sich leider nicht schnell genug durch die Massen auf die andere Seite der Arena kämpfen konnte, mit seinem geschulten und scharfem Blick sie nicht mehr finden konnte.

Danach machte sich Gerald auf direkt zu Alriksej und redete mit ihm. Als erstes galt es für Gerald zu klären, wer Alriksej in diesen Zustand gebracht hatte? War es selbstverschuldet oder ein Trick seiner Konkurrenten? Alriksej gestand, dass es vier ihm unbekannte Zwerge waren die ihn gratulieren und ihn deshalb auf einen Umtrunk einladen wollten. Nach dem zweiten Becher verließen ihn aber alle Erinnerungen. Laut seiner eigenen Aussage hatte er den Alkohol also freiwillig getrunken.

Enttäuscht darüber die Dame nicht gefunden zu haben ging Gieselhold zurück zur Unterkunft von Ricarda und Alriksej, wo er beide vermutete. Dort traf er auch Gerald. Ricarda versorgte gerade mit liebevollen und geschickten Händen seine Wunden.

„Wer war die Frau, mit der du gesprochen hast?“, fragte er, die Neugier in seiner Stimme kaum verborgen.

Ricarda offenbarte, dass die Dame eine Verwandte des Junkers Witold Broschkin von Westermund sei. Sie mische sich in den Streit, den sie mit dem Junker habe, ein. Sie wolle „verhindern“, dass Ricarda den Opfern des Junkers zu Seite stünde und daher es für Ricarda besser wäre, wenn sie dem Junker helfe bzw. sich mit ihm einigen würde. Was Ricarda aber wieder energisch ablehne. Immerhin ist der Junker selber schuld an seiner jetzigen Lage und er schuldet ihr noch fünf Silbertaler.

Nach diesem aufschlussreichen Gespräch wandten sich Ricarda und Gieselhold an Alriksej, um ihm eindringlich zu raten, sich in der Nacht nicht dem Trunk hinzugeben. Nach dieser Ansage machten sich Ricarda und Alriksej auf, um beim Holzhändler die Bretter für ihren Wagen zu besorgen. So schloss sich der Kreis voller Geheimnisse und ungewisser Schicksale, während die Sonne langsam hinter den Horizont sank.

Es war jetzt 16 Uhr und erwartungsvoll begaben wir uns ins Getümmel der feiernden Meute, um herauszufinden was uns der Abend noch bringen würde.