Zwischen Krone und Abgrund (Tag 1 in der Feenwelt)
Ich hätte niemals gedacht, dass ich eines Tages ernsthaft um einen Königsthron kandidieren würde. Noch weniger für den eines Feenreiches. Wenn mir vor wenigen Wochen in Gareth jemand erzählt hätte, ich würde einmal zwischen sprechenden Bibern, Ottern und uralten Flussfürsten über die Zukunft eines Reiches verhandeln, hätte ich ihn vermutlich zum nächsten Heiler geschickt. Doch genau dort stand ich nun – irgendwo zwischen Wahnsinn und Schicksal.
Der Tod des Flusskönigs hatte das gesamte Reich in tiefe Trauer gestürzt. Hofmeister Knurr kümmerte sich schweigend um den Leichnam seines gefallenen Herrschers, während die Fürsten sich zurückzogen, um über dessen letzten Willen zu beraten. Graf Walsach hatte verfügt, dass sein Nachfolger nicht durch Erbrecht bestimmt werden sollte, sondern durch eine Wahl. Ein ungewöhnlicher Gedanke für ein Reich, das so alt war wie die Geschichten selbst. Dennoch schienen die Fürsten den Wunsch ihres Königs zu achten.
Erst nach geraumer Zeit trat Gräfin Lymen wieder vor uns. Mit ernster Stimme verkündete sie, dass die Entscheidung gefallen sei. Der Wille des verstorbenen Flusskönigs werde respektiert, und die Wahl seines Nachfolgers solle am nächsten Abend mit Einbruch der Dunkelheit stattfinden.
Als sie anschließend die Namen der Kandidaten nannte, spürte ich, wie mir für einen Augenblick der Atem stockte.
Graf Nagrach hatte seine Kandidatur erklärt. Das überraschte niemanden. Er war nach Walsachs Tod der mächtigste der Flussfürsten und betrachtete den Königstitel offenbar als sein natürliches Erbe. Nach allem, was wir bisher über ihn erfahren hatten, wollte er mit der Politik seines Vorgängers vollständig brechen.
Der zweite Kandidat war Jucho von Dallenthin und Persanzig. Der ehemalige Adelsmarschall des Bornlandes genoss offensichtlich auch in dieser Welt großes Ansehen und hatte angekündigt, Walsachs bisherigen Kurs fortführen zu wollen.
Dann fiel mein eigener Name.
In dem Moment wurde mir schlagartig bewusst, dass eine spontane Eingebung und abenteuerlicher Übermut manchmal ausgesprochen schlechte Ratgeber sein konnten. Als ich mich zur Wahl gestellt hatte, war es mehr Trotz gewesen als ernsthafte Absicht. Eine Gelegenheit, Nagrach zu zeigen, dass nicht jeder bereit war, ihm kampflos den Thron zu überlassen. Erst jetzt begriff ich, dass die Feen diese Kandidatur tatsächlich ernst nahmen.
Graf Nagrach ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, uns beide öffentlich zur Rede zu stellen.
Mit unverhohlener Verachtung fragte er, wie zwei Menschen überhaupt auf den Gedanken kommen konnten, gegen ihn anzutreten. Und zu meinem Missfallen musste ich mir eingestehen, dass seine Worte einen wahren Kern besaßen. Keiner der übrigen Fürsten hatte den Mut gefunden, sich ihm entgegenzustellen.
Noch geschickter nutzte er jedoch einen anderen Umstand. Er zeigte auf Jucho und mich und erklärte den versammelten Fürsten, wir seien der beste Beweis dafür, dass Menschen niemals gemeinsam an einem Strang zögen. Statt sich hinter einem einzigen Kandidaten zu versammeln, teilten sie ihre Stimmen lieber untereinander auf. Uneinigkeit sei ihre Natur.
Ich hasste es, wie überzeugend dieses Argument klang.
Nachdem die Fürsten sich zurückgezogen hatten und auch die übrigen Feenwesen ihrer Trauer nachgingen, wurde der Thronsaal beinahe unheimlich still. Nur Hofmeister Knurr blieb zurück und organisierte schweigend alles, was nun für den verstorbenen Flusskönig zu tun war.
Wir beschlossen, die Zeit bis zur Wahl sinnvoll zu nutzen und suchten zunächst Lifja Ragnidsdottir auf. Sie war der einzige Mensch, der hier aufgewachsen war, und wenn jemand Antworten über diese Welt geben konnte, dann wohl sie.
Vor allem beschäftigte mich eine Frage.
Wie verlief hier eigentlich die Zeit?
Lifja lächelte unsicher. Es gebe viele Geschichten darüber, erklärte sie. Manche behaupteten, zwei Tage im Bornland entsprächen einem Tag in der Feenwelt. Andere wiederum meinten, die Zeit folge überhaupt keiner festen Ordnung und verhalte sich ganz nach ihrem eigenen Willen. Eine Antwort, die gleichzeitig alles und nichts erklärte.
Immerhin verriet sie uns noch etwas anderes. Wer sich hier zielgerichtet bewegen wolle, müsse seinen Willen auf das Ziel richten und einfach geradeaus gehen. In dieser Welt schien Entschlossenheit wichtiger zu sein als jeder Wegweiser.
Während Gerald sich mit einer Tasse Tee zu Lifja setzte und sie weiter über ihre Heimat ausfragte, bemerkte ich, wie tief ihre Trauer tatsächlich reichte. Überraschenderweise weinte sie weniger um ihre eigene Mutter als um den verstorbenen Flusskönig. Offenbar hatte Graf Walsach für sie weit mehr bedeutet als ein bloßer Herrscher.
Währenddessen zog es Gieselhold erneut in den verlassenen Thronsaal. Später berichtete er uns, dass er versucht hatte, mit den silbernen Rüstungen Kontakt aufzunehmen. Doch so sehr er sich auch bemühte, sie schwiegen beharrlich.
Stattdessen begegnete er Hauptmann Tulmador und später Hofmeister Knurr. Beide versorgten ihn nach und nach mit neuen Informationen.
Schwarzfeen, so erfuhr er, seien keine eigene Art von Feen, sondern Wesen, die ihren ursprünglichen Weg verlassen hätten. Wer Genaueres darüber wissen wolle, müsse mit den Fürsten sprechen, insbesondere mit Gräfin Lymen. Außerdem erfuhr Gieselhold, dass der Purpurdolch sich derzeit unter der Verwahrung Graf Nagrachs befand. Die legendären Silberrüstungen seien beschädigt, und selbst über die Trolle erhielt er eine überraschende Auskunft. In dieser Welt bezeichnete man sie schlicht als Steinwerfer.
Später traf Gieselhold vor den Gemächern Gräfin Lymens erneut auf Jucho. Die beiden sprachen über die bevorstehende Wahl und darüber, dass gegen einen Fürsten wie Nagrach wohl kaum bloße Hoffnung ausreichen würde. Wenn wir tatsächlich gewinnen wollten, mussten wir Überzeugungsarbeit leisten.
Mit anderen Worten: Wir mussten Wahlkampf betreiben. Jucho schien keinerlei Interesse daran zu haben, wie genau das geschehen sollte. Mit einem kaum merklichen Lächeln überließ er diese Aufgabe kurzerhand uns.
Am Ende des Tages kannten wir immerhin die Haltung einiger Fürsten.
Baronin Brograch stand fest an der Seite Graf Nagrachs. Nagrach selbst unterstützte selbstverständlich nur sich selbst. Gräfin Lymen hingegen machte keinen Hehl daraus, dass sie alles daran setzen würde, Nagrach als neuen Flusskönig zu verhindern.
Über die übrigen Fürsten wussten wir dagegen so gut wie nichts.
Als ich mich schließlich zur Ruhe begab, kreisten meine Gedanken weniger um den Korsmalbund oder die Trommel als um etwas völlig anderes.
Vor langer Zeit war ich aufgebrochen, um der Bevormundung meines Elternhauses zu entkommen und endlich mein eigenes Leben zu führen. Es kommt mir wie Jahrzehnte vor. Nun stand ich ausgerechnet in einem Feenreich vor der Möglichkeit, zum König gewählt zu werden.
Rahja musste einen äußerst eigenwilligen Sinn für Humor besitzen. Und ich war mir nicht sicher, ob ich darüber lachen oder verzweifeln sollte.