September 7, 2025

Roter Stein und rote Wand; rote Höhle und wertvoller Tand (19. Ingerimm, 10:00 Uhr bis 20. Ingerimm, 03:00 Uhr)

In den Schatten einer gewaltigen Felswand standen sieben Gefährten: Gamrik, der meister aller Rahjakünste; Gieselhold, der Ungesehene; Geron, der wachsame Kämpfer; Fetanka, die geschäftstüchtige aber gerade verletzte Zibilja; Bisminka, die weiße und mächtige Hexe; Kolja, der vom Schicksal gezeichnete Rondrageweihte; und Gerald, der keine Freude mehr in seinem Leben hatte. Aus der Ferne zischten tödliche Pfeile durch die Luft – ein feiger Angriff aus dem Hinterhalt.

Spieler: Christian (GM), Christoph, Holger, Sascha (Berichterstatter)

Der Wind zerrte an Geralds Mantel wie an einem alten Segel, das schon zu viele Stürme gesehen hatte. Der Stoff flatterte hinter ihm wie ein zerfetzter Schatten, der sich nicht mehr lösen konnte von dem Körper, den er umhüllte. Vor ihm der Abhang, tief genug, dass ein Sturz auf den Kopf ihn erlösen konnte. Auf der rechten Seite der Bogenschütze, deren Schuss alles beenden konnte.

Gerald stand da, das Gesicht halb verborgen unter seinem Schleier. Die Haut an seiner Wange, die einst glatt und vertraut gewesen war, spannte sich nun narbig über seine Knochen und schmerzende Erinnerungen. Damals, als er noch glaubte, die Welt schulde ihm etwas, hätte er leben wollen. Er wäre den Pfeilen des Schützen ausgewichen. Jetzt schuldete ihm niemand mehr etwas und er dachte nur darüber nach, dass es drei kleine Schritte waren, die den Schmerz beenden würden.

Seit dem Kampf hatte er gebetet, er flehte die Götter an, ihn nicht zu verlassen, doch die Götter hatten geschwiegen. Sie gaben ihm nur Stille und Gleichgültigkeit.

„Wenn ihr mich verlasst“, dachte Gerald, „bin ich dann frei oder verdammt?“

Gerald ging einen Schritt nach vorn. Steine lösten sich unter seinen Stiefeln und rollten den Abhang hinunter. Er folgte ihnen mit dem Blick und sah, wie die Sumpfranzen vor ihnen flohen. Sein Herz schlug ruhig. Er war nicht aufgewühlt. Eher müde. So müde. Als hätte das Leben selbst ihn längst verlassen und nur das Fleisch war geblieben, ein Gefäß ohne Zweck.

Er trat noch einen Schritt vor und hielt inne.

Vielleicht war jetzt der Moment zu springen oder in die Schussbahn zu laufen. Er fühlte nur Leere und aus Leere konnte man nichts machen.
Oder doch?
“Es wird meine Wahl sein, doch nicht heute."

"Wenn ich es jetzt beende, würden nur die darunter leiden, die den Fehler machen, mir zu vertrauen", dachte Gerald.

Er trat zurück. Nicht aus Angst. Nicht aus Glauben. Nur um nicht andere mitzureißen. Heute würde er noch leben. Vielleicht nur für einen Tag mehr.

Gieselhold, von klarem Blick und kühlem Verstand, erklomm die mächtige Schulter Gamriks, um einen Blick über die steile Felswand zu erhaschen. Rauch stieg auf – und über der Kante brannten Büsche in wildem Zorn. Zwischen den Flammen huschte eine Gestalt, kaum zu erkennen im flackernden Schein. Mit einem kühnen Satz sprang Gieselhold herab, die Neuigkeiten auf den Lippen, während hinter ihm der Tod auf leisen Sohlen lauerte.

Der Pfeil, der Fetanka getroffen hatte, steckte immer noch in ihrer Schulter– und Gieselhold zog ihn mit ruhiger Hand aus ihrem Rücken. Bisminka rief die Kräfte der Heilung herbei, ihre Finger webten einen Balsam aus Licht und Leben. Doch kaum hatte der Zauber gewirkt, traf ein weiterer Pfeil Kolja – das Blatt wendete sich. Die Gruppe erkannte die Übermacht des unsichtbaren Feindes. Ein Rückzug wurde beschlossen – nicht aus Feigheit, sondern aus taktischer Weisheit.

Doch Gieselhold, vom Instinkt eines Schattengängers getrieben, bemerkte, dass sie verfolgt wurden. In den Schatten des Waldes legte er einen Hinterhalt, während der Rest sich in einer nahen Höhle verbarg. Gerald, der den Gedanken nicht ertragen konnte, das Gieselhold etwas geschehen konnte nur weil er Geralds wertloses Leben retten wollte, übernahm das Kommando: Bisminka, Fetanka und der verwundete Kolja sollten von Geron beschützt in der Höhle verborgen bleiben. Fetanka, voller Sorge um Kolja, versuchte, ihn weiter zu heilen. Gemeinsam mit Gamrik machte sich Gerald auf, um Gieselhold zu unterstützen.

Auf dem Pfad trafen sie erneut auf Gieselhold. Leise wie der Wind bewegten sie sich weiter, bergauf, immer auf der Spur des unbekannten Verfolgers. Gieselhold entdeckte an einem Busch einen blauen Faden – ein stiller Beweis für die Jagd. Schließlich erreichten sie die Stelle, an der der Rückzug begonnen hatte. Sie kletterten höher, doch die Sumpfranzen, stinkende Kreaturen des Morasts, waren noch immer da. Mit kreischendem Hass warfen sie Steine, primitive Waffen, getrieben von blinder Wut.

Ein Rückzug war undenkbar – dies würde nur das Scheitern der Mission bedeuten. Nur die steile Felswand bot einen Ausweg – glatt wie polierter Stahl, erbarmungslos und schier unüberwindbar. Nur durch Opfermut und Einfallsreichtum konnte sie bezwungen werden. Einer musste den anderen hochheben – einer musste zurückbleiben.

Gerald, von innerem Schmerz gezeichnet, erkannte seine Stunde. In seinem Entschluss lag kalte Gleichgültigkeit: Er würde seinen Gefährten den Weg in die Freiheit ermöglichen – und selbst Erlösung finden, in den Klauen der Bestien.
Mit letzter Kraft hob er einen nach dem anderen empor, spürte dabei, wie der Tod näher kam – er würde ihn nicht mit Furcht empfangen, sondern mit offenem Herzen. Bald schon würden die scharfen Klauen der Sumpfranzen seine Qual beenden.

Doch Gamrik ließ das Schicksal nicht gewähren. Mit eiserner Faust packte er Gieselhold an den Stiefeln, ließ ihn herabbaumeln über den Abgrund. Und Gieselhold streckte Gerald die Hand entgegen.

In diesem Moment, in dem Zeit und Atem still standen, wusste Gerald: Wenn er diese Geste ausschlug, würde Gieselhold leiden – die Sumpfranzen würden ihn mit Steinen bewerfen und er könnte fallen.

Also ergriff Gerald die Hand – nicht aus Angst vor dem Tod, sondern um Gieselhold davor zu bewahren. Es ist die Qual der Wertlosen, wenn gute Menschen durch ihre Taten verletzt werden. Gemeinsam waren sie den Sumpfranzen entkommen.

Nach dem beschwerlichen Marsch erreichten sie um ca. 15:00 Uhr eine Klippe – und als sie über den Rand blickten, stockte ihnen der Atem.

Unten, in einer Lichtung, war ein Lager errichtet. Fünf Gefangene waren mit blutenden Händen an einen Baum gefesselt. Um sie herum: Ein Bronnjare, der das Wappen von Ischtan von Quelldunkel trug, zwei Knappen, ein Schrank von einem Krieger und fünf Hunde.

Gamrik erkannte auf der gegenüberliegenden Klippe einen verborgenen Ausguck. Auch in diesem befand sich ein Späher. Im Lager sah er Ischtan sprechen – doch mit wem? Kein Gefährte war zu sehen. Nur ein Flirren in der Luft ließ die Anwesenheit von etwas Unsichtbarem erahnen.

Gerald befragte den Goblingeist, der ihn begleitete. Keine Spur der Insignien, doch ein alter, mächtiger Ort, das spürte der Geist mit erschauernder Stimme. In diesem Moment sah Gieselhold, wie Ischtan einen seiner Männer befahl, einen Gefangenen vorzuführen.

Ohne Zögern wurde dem armen Opfer die Kehle durchgeschnitten. Sein Blut sammelte Ischtan in einer Schale – und begann, Symbole aus Blut an eine rote Felswand zu malen. Um 16 Uhr begann das Ritual – und eine halbe Stunde später floss das Blut einer weiteren Gefangenen. Nachdem Ischtan auch ihr Blut zum Malen verwendet hatte, trat eine Jägerin aus dem Wald in das Lager. Sie ging direkt auf Ischtan zu und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Im Anschluss wurde das Lager abgebaut und die drei noch lebenden Gefangenen wurden wie Vieh abgeschlachtet. Es war kalt, methodisch – wie aus einer anderen Welt.

Als der Tross sich um 17 Uhr in Bewegung setzte, wählten sie den Pfad, der direkt auf die Beobachter zulief. Gerald und Gamrik zogen sich zurück. Gieselhold, verborgen im Gebüsch, überlegte, den letzten Reiter zu meucheln – doch die bellenden Hunde warnten den Feind. Er ließ ab.

Nach dem Abzug gingen die drei Gefährten in das gerade verlassenen Lager. Gamrik bestand darauf, die Leichen der Gefangenen zu bestatten – ein letzter Akt der Menschlichkeit. Der Goblingeist, von Ehrfurcht gepackt, verkündete zu Gerald gewandt: Dies ist ein heiliger Ort der Gigantin. Gerald untersuchte die blutbesudelte Wand und fand eine Vertiefung. "Roter Stein und rote Wand" dachte Gerald. "Vielleicht könnte der Stein in die Lücke passen" führte er den Gedanken fort und tatsächlich hatte der Stein die perfekte Form dafür. Er erinnerte sich an die Worte Fetankas, dass der Zugang zur roten Höhle versperrt ist.

"War dies vielleicht der erste Schritt um in die Höhle zu kommen? Doch etwas fehlt, was sind die nächsten Schritte?" fragte sich Gerald.

Gerald nahm sich an dem verhalten des Goblingeistes ein Beispiel, um dessen Erfahrung zu würdigen. Er führte den roten Stein ein und mit ehrenvollen Worten bat Gerald um Einlass – etwas schien zu geschehen, doch mehr war nötig. In einem verzweifelten Akt schnitt er sich selbst in die Hand, bereit, sein Blut zu opfern – doch er musste erkennen, dass sein Blut nicht zu gebrauchen war. Doch in diesem Moment, als die scharfe Klinge Geralds Haut durchtrennte, konnte er wenigstens etwas fühlen. Für diesen kurzen Augenblick zerschnitt der Schmerz die Qual seiner gepeinigten Existenz und er fühlte sich wieder lebendig, als hätte er wieder die Kontrolle über sein Leben. Doch mit dem Schmerz verging auch die Hoffnung und Gerald stand noch immer vor der Wand. Er allein war nicht genug um das Rätsel zu lösen. Erst als er Gamrik und Gieselhold bat, sich ihm anzuschließen, konnten sie nach einer ehrfürchtigen Bitte um Einlass etwas spüren: Der erste Schritt war getan, doch es fehlte noch etwas. Da Fetanka meinte, dass sie beim Öffnen der roten Höhle helfen konnte, beschlossen die drei, zurück zu den anderen zu gehen, auch wenn Gamrik dies nur ungern tat, da er die Leichen noch nicht beerdigt hatte.

Nach einer zweistündigen Wanderung kamen sie an der Höhle, welche der Unterschlupf für die anderen Begleiter war, an. Kolja war zu schwach zum Gehen. Die Gruppe beschloss, den Wagen mit Esel aus Koljas Hütte zu holen, um ihn zu transportieren. Als sie alle um 02:00 Uhr morgens am 20. Ingerimm an der Roten Wand versammelt waren, deuteten Fetanka und Bisminka auf eine Stelle über den blutigen Symbolen. Und tatsächlich fielen die Scheuklappen von den Augen der Gefährten. Es offenbarten sich neue Symbole – unsichtbar für Uneingeweihte, nun sichtbar durch den Blick von Fetanka und Bisminka.

Gieselhold, Gamrik und Gerald entzifferten sie gemeinsam – Die Symbole offenbarten sich als Bosparano, Goblinisch und Alaani. Die Botschaft war klar: Der Stein muss eingefügt werden, und der Einlass erfolgt nur durch ehrfürchtige, höfliche Bitte – in allen drei Sprachen.

Dies taten sie alle zusammen. Ein tiefes Grollen durchzog die Erde, als hätte die Welt selbst den angehaltenen Atem freigelassen. Die Runen an der Wand flimmerten auf, uralte Magie erwachte. Mit einem Krachen zerbarst die Felswand. Stein splitterte, Staub wirbelte auf, als hätte sich der Berg selbst gespalten. Und in der klaffenden Öffnung lagen glänzende Gegenstände auf dem Boden – kalt, silbern, unirdisch rein.

Vor der Gruppe lag eine gewaltige Höhle, verborgen seit Jahrhunderten. In der Höhle erblicken alle Reihen über Reihen glänzten Schwerter, Dolche und Rapiere – blank poliert, als hätte kein Staub der Zeit sie je berührt. Der Schein der Klingen spiegelte sich in ihren Augen. An den Wänden sehen sie auch alte Inschriften – die Geschichte von Mitrida, der Roten Sichel, mit der Rondra einst die Bestie des Namenlosen bekämpfte. Die Legende war echt – und sie standen mitten in ihr. Gieselhold, der den Stein mit den Augen eines Spähers musterte, erkannte: Dieser Stein gehört nicht hierher. Etwas – oder jemand – hatte ihn hierher gebracht?

Doch was würden die nächsten Schritte sein, was würde das Schicksal als nächstes mit der Gruppe vorhaben? Jetzt galt es schnell, aber überlegt zu handeln.