Das dunkle Opferritual (9.Hesinde 1030 BF, Nachts)
Im Schatten der Nacht, als der Mond nur spärlich die Ruinen der alten Feste Leufurten erleuchtete, begaben sich die mutigen Abenteurer erneut in den Hof der zerstörten Bastion. Ihr Ziel war klar, doch die Dunkelheit barg viele Geheimnisse. Der Brunnen, der still und geheimnisvoll im Norden des Hofes lag, sollte nun genauer untersucht werden. Ihr Blick war auf das alte, vergessene Gemäuer gerichtet, das seit Jahren unberührt vor sich hin schien, ein Relikt aus längst vergangenen Tagen.
Spieler: Christian (GM), Christoph, Udo, Sascha (Berichterstatter)
Hesindian, der sich allein aus den Schatten der Burgmauer schlich, kletterte mutig in den Hof, während sich seine Gefährten auf der Wehrmauer versteckten. Mit geschickten Bewegungen näherte er sich dem Brunnen, seine Sinne auf das Unbekannte geschärft. Er zündete eine Fackel an und warf sie in den tiefen Schlund des Brunnens. Das flackernde Licht fiel in die Tiefe und erhellte für einen kurzen Moment das Dunkel. Die Gestalt des Brunnens schien sich zu verändern, und ein düsterer Raum offenbarte sich. Höhlenartige Ausbuchtungen oder gar ein „Vorhof“ schienen im Inneren zu existieren – ein Mysterium, das nur darauf wartete, entschlüsselt zu werden.
Vorsichtig kehrte Hesindian zu seinen Gefährten zurück, die sich im Schatten der Ruinen verborgen hielten. Gemeinsam beschlossen sie, in den Brunnen hinabzusteigen und dem Geheimnis auf den Grund zu gehen. Hartwin sicherte das Kletterseil, während Hesindian sich mutig daran machte, in die Tiefe zu steigen. Das Seil wurde um Hesindian geschlungen, um ihn herabzulassen. Bevor er hinab ging konnte er noch das Wiehern von Pferden hören. er fragte sich „Waren das die Pferde der Soldaten oder ist ihr Besuch gerade angekommen?“, doch er ließ sich nicht beirren und fuhr fort.
Unten angekommen, ergriff er seine Fackel, die er zuvor geworfen hatte, und begab sich auf eine neue Entdeckungstour. Zwei Wege eröffneten sich vor ihm: Ein Gang im Osten, der jedoch bald von Trümmern blockiert war, und ein weiterer, der nach Süden führte. Hesindian band sich von dem Kletterseil los, in dem Wissen, dass er sich jederzeit aus dem Brunnenschacht zurück in dem Hof blinzeln konnte. Seine Neugier, die in ihm brannte wie ein loderndes Feuer, trieb ihn weiter. Der Weg nach Süden, der sich in die Dunkelheit öffnete, versprach mehr – und er folgte ihm entschlossen.
Nach nur wenigen Metern stieß auch dieser Gang an sein Ende, doch vor ihm verzweigte sich der Weg erneut. Hesindian folgte dem Abzweig und trat in einen Raum, dessen Zentrum von einem Berg aus Schutt überflutet war. In der Dunkelheit glimmte seine Fackel und tauchte die Szene in ein schummriges Licht. Im Norden des Raumes konnte er einen Durchgang erkennen, der jedoch ebenfalls von Trümmern versperrt war, sodass er nur hindurchreichen konnte. Doch im Süden, da schien ein Durchbruch zu existieren, ein weiterer Hinweis auf das, was hier verborgen lag.
Neugierig und mit wachsender Eile folgte Hesindian dem Pfad, der weiter nach Süden führte. Bald darauf öffnete sich ein weiterer Raum vor ihm, der von einem gewaltigen Schacht in der Decke durchzogen war, durch die der kalte Schnee der Winterwinde in den Raum stürzte und den Boden bedeckte. Doch auch dieser Raum wies bald die gleichen Einschränkungen auf – ein weiterer Gang, der sich nach Osten zog und bald von Schutt blockiert wurde.
Die Zeit drängte. Ein letzter Blick auf den geheimen Raum, dann drehte Hesindian sich um und rannte in Windeseile zurück zu seinen Gefährten.
Die Dunkelheit der Nacht lag über der Ruine als sich Hesindian mit einer gezielten Bewegung hinter den Busch neben dem Brunnen blinzelte. Mit der Eleganz eines Schattens glitt er zu seinen Gefährten, deren Blicke bereits in seine Richtung wanderten.
Kaum hatte er sich seinen Gefährten offenbart, trafen zwei Soldaten ein, um das Feuerholz nachzulegen, das die Nacht erleuchten sollte. In einem Augenblick der Stille, als das Rascheln der Blätter die einzige Geräuschkulisse bildete, suchten alle ein Versteck. Hesindian und Hartwin zogen sich hinter den Busch zurück, während Häger, mit der Anmut eines geübten Spions, sich hinter der massiven Brunnenmauer verbarg. Die Soldaten, die ihre Aufgaben in stummer Routiniertheit erledigten, begannen nun ein Gespräch, das den Abenteurern wie ein Flüstern des Schicksals erschien.
„Dieser Firungeweihte ist wirklich ein seltsamer Geselle, zum Glück sind wir ihn los geworden“, sagte der eine. Der andere stimmte ihm nickend zu. "Jetzt hoffen wir noch, dass unsere Gäste bald eintreffen, dann bin ich zufrieden." beendete der erste Soldat seine Rede. Woraufhin der zweite fragte „Warum sind sie immer noch nicht hier? Sie müssen doch bald kommen. "Es wird wohl um Mitternacht sein." antwortete ihm der Erste. Die Gefährten vermuteten, das dies in etwa fünf Minuten sein sollte.
Kaum hatten sie den Mund geschlossen, als ein weiterer Klang die Stille der Nacht durchbrach. Einer der anderen Soldaten rief: „Jungs, sie kommen!“ Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer, und sofort war das Geräusch von Füßen zu hören, die sich eilend entfernten. Die Abenteurer nutzten den Moment und machten sich schnell auf den Weg zurück zum Wehrgang, als sie das laute Kommando vernahmen, das jemand das Feuer stärker anschüren soll. Aus ihrer sicheren Deckung auf dem Wehrgang heraus, sahen sie bald das Aufleuchten von Fackeln in der Dunkelheit. Drei gerüstete Ritter kamen die Rampe hinauf, ihr schweres Rüstzeug klirrte mit jedem Schritt.
Mit bangen Blicken hinter der Mauer lauerten sie weiter und beobachteten, was als Nächstes geschehen würde. Sieben weitere Personen erschienen, aufgeteilt in zwei Reihen zu je drei Personen und den Abschluss bildete ein Ritter der besonders groß gewachsen war. Ihre Bewegungen waren präzise, fast wie eine in Schatten gehüllte Prozession. Doch es war die mittlere Person der ersten Reihe, die die Aufmerksamkeit aller auf sich zog. Ein Sack war über ihrem Kopf gezogen, und der unsichere Gang dieser Gestalt ließ keine Zweifel daran, dass sie sich in einem benebelten Zustand befand.
Mit ritueller Präzision führten die Ritter die benommene Person in die Mitte des Feuerkreises, der unheilvoll knisterte. Der Sack, der sie noch von der Welt abschottete, wurde mit einem widerlichen Ruck von ihrem Kopf gezogen, und das Gesicht der Entblößten offenbarte sich. Es war Leudara und die lodernden Flammen, welche die Dunkelheit durchbrachen, spiegelten sich in ihren leeren Augen wider.
Die Gefährten erkannten Leudara wieder, doch etwas an ihr war anders. Ihre einst prachtvollen Haare, die Zeichen ihrer Würde und ihres Standes, waren gewaltsam abgeschnitten worden, die Spuren des Schmerzes und der Demütigung noch frisch. In der Mitte des Feuerkreises stand sie wie eine gefallene Königin, hilflos und ausgeliefert.
Die neun Ritter, in dunkle Gewänder mit den Korsmalzeichen bestickt und ihre Gesichter hinter Masken verborgen, umgaben sie wie ein bösartiger Schwarm. Ihre Ankunft hatte den finalen Moment des Rituals eingeläutet. Es war unmissverständlich zu sehen, dass Leudara sich wehren wollte, ihre Augen voller Verzweiflung. Doch der Zustand, in dem sie sich befand, war zu lähmend. Ihre Glieder, schwankend und schwer, gehorchten ihrem Willen nicht mehr. Mit festen Bewegungen flößte der Anführer der Ritter Leudara eine dunkle Flüssigkeit ein, welche ihr die restliche Kraft raubte. Dann wurde sie entkleidet, und jeder der Ritter zog sein Schwert.
Es war ein grausames Ritual, ein Zeichen des Machtspiels und der Opferbereitschaft. Einer nach dem anderen führten die Ritter ihren Schwertstoß aus, jeder Schnitt schien einer rituellen Handlung zu folgen, die einen finsteren Zweck verfolgte. Das Blut der unglücklichen Leudara war der Preis für das, was nun kommen sollte. Als der letzte Schnitt durch ihre Haut ging, begannen die Ritter einen Gesang, tief und mächtig, der die Dunkelheit selbst zu durchdringen schien. Ein Gesang der Elemente von Rondra, Kor, Famerlor und evtl. auch Xarfai miteinander verwob. Der Anführer der Ritter begann daraufhin Runen auf Leudaras Haut zu tätowieren. Die schmerzhaften Muster, welche ihr Haut jetzt zierten, schienen ihre Wunden zu versiegeln.
Nach dieser schmerzhaften Handlung, trat einer der dunklen Ritter vor, seine Stimme tief und durchdringend. Er öffnete ein altes, verstaubtes Buch, dessen Seiten wie die Flügel eines Schwanes aufklappten. Die Worte, die er aussprach, waren unmissverständlich, der Stammbaum von Leudara. Die Namen, die er nannte, schwebten in der Luft. Doch am auffälligsten war der Name Kor, dieser wurde immer wieder, wie ein mantraartiges Echo, als ihr Vater genannt. Doch auch der Name ihrer Mutter, Leudonia, hallte im Hof wieder. Leudonia, war eine Nachkommin von Ronnrar, ein Theaterritter, bekannt für seine unerschütterlichen Mut.
Häger, verborgen in den düsteren Schatten der Mauer, lauschte gebannt. Dieses Buch war der Beweis, den er und seine Gefährten die ganze Zeit gesucht hatten. Es war der schriftliche Beweis für Leudaras erhabene Herkunft. Ein unbändiger Wunsch durchzuckte ihn: Ach, könnte er doch nur dieses Buch in die Hände bekommen.
Nachdem die Namen alle vorgelesen waren, wurde Leudara aus dem Feuerkreis geführt. Ihre Reise hatte eine Wendung genommen, die niemand vorhersehen konnte, und das Schicksal ihrer Blutlinie schien in den Händen einer mystischen Macht zu liegen.
Kaum hatte das düstere Ritual seinen Höhepunkt erreicht, brach die Ruhe der Nacht mit einem finsteren, unheilvollen Schwung über die Ruine herein. Die Ritter, die an der schrecklichen Zeremonie teilgenommen hatten, machten sich rasch auf den Weg. Ihre eisernen Rösser trampelten über das zerklüftete Land, ihre Umhänge wehten im Wind, während sie Leudara mit sich führten, die in ihrer eigenen Dunkelheit gefangen schien. Wie eine gelebte Legende verließen sie die Ruinen, der letzte verbliebene Hauch von Leben in diesem entweihten Ort.
Die wenigen Soldaten, die zurückblieben, gingen ihrem Werk nach. Die Feuer, die noch immer in den Ruinen flackerten, wurden mit hastigen Bewegungen gelöscht, als ob sie die Beweise der finsteren Taten, die hier vollzogen worden waren, aus der Welt tilgen wollten. Das Knistern des Feuers verstummte und machte Platz für eine unheimliche Stille. Die Ruine selbst, einst ein Symbol der Macht, lag nun leer, wie ein Sarg, dessen letzte Seele davongeritten war.
In der schwachen Morgendämmerung machten wir uns daran, die Ritter zu verfolgen. Wir verfolgten die Pferdespuren, welche von der Ruine weg führten. Unsere Augen suchten den Boden nach diesen verräterischen Anzeichen ab – doch die Spuren, die sie hinterlassen hatten, wurden schnell von der Nacht verschluckt. Keine Fährte führte uns zu Leudara und so standen wir, vor den Toren Firunen, am Ende einer langen und erschütternden Nacht, wie gebrochene Geister, die den Schatten des Geschehens nicht entkommen konnten.
Unsere Reise führte uns zur Amme, die uns sehnsüchtig empfing. In tiefem Respekt und mit einem Hauch von Bitterkeit berichteten wir von allem, was wir gesehen hatten. Jeder Moment des grausamen Rituals, jeder unscheinbare Augenblick der Offenbarung wurde in Worte gefasst, als ob wir den Albtraum selbst auf Papier bannen wollten. Zudem verfassten wir einen Brief, der alles, was wir erfasst hatten, für Rondrowin zusammenfasste – einen Ruf nach Unterstützung, nach Antworten, die in der Dunkelheit verloren schienen. Die Bitte war klar: Der Brief sollte an Rondrowin übermittelt werden, auf dass er uns in dieser unheiligen Angelegenheit zur Seite stehe.
Nach der letzten, stillen Nacht in der Herberge brachen wir zu unserer Rückreise nach Festum auf. Da Leudara verschwunden war, war sie nicht in der Lage, an der Wahl teilzunehmen. Kurz darauf tauchte sie wieder auf – doch das, was sie nun war, war nicht mehr die Person, die wir einst gekannt hatten. Jegliche Versuche, Kontakt zu ihr aufzunehmen, wurden mit eisiger Entschlossenheit abgewehrt.
Es war, als ob sie von einer unsichtbaren Macht umhüllt war, die uns vom Verstehen ihrer wahren Absichten fernhielt. Doch die Wahrheit war unbestreitbar: Leudara zog sich zurück in ihren Tempel, eine heilige Zuflucht, in die sie sich nun in Klausur begab. Sie ließ alles hinter sich, und wir wussten, tief in unseren Herzen, dass wir sie für eine lange Zeit nicht mehr sehen würden. Sie war fort, und mit ihr verschwanden auch die Antworten, die wir so verzweifelt gesucht hatten.
Zusammenfassung des Textes in kurzen Statements:
- Besprechung: Abenteurer beschließen den Brunnen zu untersuchen.
- Untersuchung: Hesindian untersucht den Brunnen, wirft eine Fackel hinein und entdeckt düstere Gänge.
- Abstieg & Erkundung: Hesindian steigt hinab und entdeckt blockierte Gänge und einen Raum mit einem Schacht, der von Schnee bedeckt ist. Danach kehrt er zurück und die Gruppe versteckt sich vor den Soldaten.
- Ritual der Ritter: Die Abenteurer beobachten, wie neun Ritter mit Leudara in die Ruine kommen und ein grausames Ritual durchführen. Das Ritual hat Elemente von Rondra, Kor, Famerlor und evtl. auch Xarfai
- Leudaras Herkunft: Während des Rituals wird Leudaras Stammbaum enthüllt, einschließlich ihrer Verbindung zu Kor (Vater), Leudonia (Mutter) und Ronnrar (Ahne von Leudonia und Theaterritter)
- Flucht der Ritter: Nach dem Ritual nehmen die Ritter Leudara mit und reiten davon, während die Soldaten die Beweise des Geschehens beseitigen.
- Vergebliche Verfolgung: Die Abenteurer versuchen, die Ritter zu verfolgen, finden jedoch keine Spur.
- Bericht an die Amme: Rückkehr der Abenteurer nach Firunen. Sie berichten der Amme von den Ereignissen und bitten Sie einen Brief mit allen Informationen Rondrowin zu geben..
- Leudaras Wandel: Abenteurer reisen nach Festum zurück. Wahl findet ohne Leudara statt. Später taucht sie wieder auf, ist aber verändert und zieht sich in ihren Tempel zurück ohne weiteren Kontakt zu den Abenteurern.