Oktober 6, 2026

Die Chronik der namenlosen Hallen

Tief unter den vergessenen Gemäuern standen Gamrik, Gieselhold und Gerald vor einer uralten Zelle. Das Licht ihrer Laternen vertrieb die Dunkelheit nur mühsam und enthüllte Wände, die mit fremdartigen Zeichen bedeckt waren, als hätten längst vergessene Hände Warnungen und Flüche gleichermaßen hinterlassen. Während die Gefährten die unheilvollen Inschriften betrachteten, bemerkte Gieselhold aus dem Augenwinkel eine huschende Bewegung. Blitzschnell wandte er sich um und erblickte ein seltsames Geschöpf: nicht größer als eine Katze, haarlos, mit einem kurzen Stummelschwanz. Noch bevor er es genauer erkennen konnte, verschwand es wieder in den Schatten.

Die Gruppe wich zurück und folgte dem Gewölbe gen Westen. Schon bald stießen sie auf ein Wandbild von beeindruckender Größe. Sechsundzwanzig Menschen waren darauf dargestellt, in feierlicher Haltung verewigt. Während Gamrik und Gerald das Kunstwerk genauer untersuchten, vernahm Gieselhold erneut das leise Trippeln kleiner Füße. Entschlossen folgte er dem Geräusch, doch die unbekannten Kreaturen flohen stets vor seinem Lichtschein und blieben verborgen.Je tiefer die Gefährten in die Finsternis vordrangen, desto deutlicher wurde ein schwacher Feuerschein in der Ferne. Gieselhold entdeckte ihn als Erster. Sofort löschten die Helden ihre Lichter, um mögliche Feinde nicht zu warnen, und schlichen lautlos näher. Das stetige Brummen eines unbekannten Ursprungs erfüllte die Luft, vermischt mit dem hektischen Trippeln unsichtbarer Wesen.

Schließlich öffnete sich der Gang zu einer gewaltigen Halle. Bunte Muster bedeckten die Wände, als stamme der Ort aus einer längst vergangenen Blütezeit. Menschen waren keine zu sehen, doch erneut huschten die kleinen Kreaturen über den Boden und verschwanden zwischen den Schatten. Drei goldene Reliefs schmückten die Wände, jedes zeigte Menschen mit erhobenen Armen. Im Zentrum standen ein Brunnen und ein Altar aus schwarzem Obsidian. Die Säulen waren mit leuchtenden Schriftzeichen bedeckt, deren Licht wie ein unheilvolles Herzschlagen durch die Halle pulsierte.

Vorsichtig betraten die Gefährten den Raum. Hinter einer Säule erspähte Gieselhold eine zusammengekauerte humanoide Gestalt. Gleichzeitig entdeckte Gamrik eine regungslose Frau, die gefesselt am Boden lag.Die Gruppe teilte sich auf.

Mit gezogenem Schwert schlich Gieselhold auf die Gestalt zu. Doch plötzlich begann seine Waffe in gleißendem Licht zu erstrahlen. Er versuchte vergeblich, das Leuchten zu verbergen. Auch Gamriks Waffe reagierte. Sie vibrierte in ihrer Scheide wie ein lebendiges Wesen, das hinaus in die Welt drängen wollte. Schließlich zog er sie. Mit gezogener Klinge näherte er sich der gefesselten Frau und erkannte ihre schweren Verletzungen. In diesem Moment sah auch er die seltsamen Katzenwesen, die vor ihm davonhuschten.

Nur Gerald blieb verschont. Seine Waffe zeigte keinerlei Reaktion. Lautlos glitt er in die Schatten und ließ seinen Blick durch die Halle schweifen. Dabei entdeckte er fünf Ausgänge. Dann zog er einen Stein hervor, den er stets bei sich trug, und sprach einen Axxeleratus.Was darauf folgte, erschütterte die Gruppe.Goldene Lichtfäden lösten sich von den beschrifteten Säulen und flossen in den Stein. Die Runen der Halle erwachten zum Leben und begannen grell zu leuchten. Plötzlich ging Gerald auf die Knie. Blut strömte aus seinem Mund. Der Zauber hatte ihm einen Großteil seiner Lebensenergie entrissen.

Gamrik erkannte als Erster das volle Ausmaß des Schreckens. Das Blut floss nicht einfach über den Boden. Es bewegte sich auf den schwarzen Altar zu, als würde es von ihm angezogen werden. Zugleich bemerkte er weitere runenverzierte Durchgänge, von denen einer schwach erleuchtet war.

Ohne zu zögern versuchte er, die Blutspur vom Altar fernzuhalten.

Währenddessen hatte die humanoide Gestalt Gieselhold bemerkt und floh aus der Halle. Als der Schattenmann jedoch sah, wie Gerald zusammengebrochen war, änderte er seine Prioritäten sofort. Rasch eilte er zu seinem Gefährten. Mit geübtem Blick erkannte er die tödliche Gefahr und flößte ihm einen Heiltrank ein. Es war Rettung in letzter Sekunde. Nur knapp entkam Gerald dem Tod.

Gamrik gelang es unterdessen, das verfluchte Blut aufzufangen. Dabei kam er dem Altar immer näher. Als er schließlich direkt davorstand, spürte er das tiefe, vibrierende Brummen, das aus dem Obsidian zu stammen schien. Der Altar wirkte wie ein lebendes Wesen, das auf etwas wartete.Nachdem Geralds Leben gerettet war, wandte sich Gieselhold der gefesselten Frau zu. Auch sie war schwer verletzt. Zahlreiche Wunden bedeckten ihren Körper, darunter zwei auffällige Male an ihrem Hals. Immer wieder erwachte sie kurz, nur um erneut in die Bewusstlosigkeit zu sinken. Behutsam begann Gieselhold, ihre Verletzungen zu versorgen.

Gerald schleppte sich schließlich zu Gamrik und berichtete ihm, was mit seinem Stein geschehen war. Unter Gamriks strengem Blick musste er den Stein auf den Boden legen. Nur widerwillig gehorchte er, denn dieser Stein hatte ihm lange Trost und Erleichterung gespendet. Doch Gamrik misstraute dem Artefakt. Er nahm es an sich und verstaute es sicher.

Da ihre eigentliche Mission sie in die Burg ihrer Feinde führen sollte, beschlossen die Gefährten, die unheilvolle Halle zu verlassen.

Gieselhold erkundete zunächst einen Weg und stieg eine Wendeltreppe hinauf. Nach einigen Minuten kehrte er zurück und berichtete von einem dunklen Gang. Gerald nutzte die Gelegenheit, einen grauen, scheinbar schlafenden Stein aus der Wand zu lösen. Währenddessen beruhigte Gamrik die verletzte Frau und nahm sie auf seine Schultern.

Dann geschah es.Ein dumpfer Gong hallte durch die Tiefen des Gewölbes.

Die Frau schrie vor Angst auf. Ihre Entführer, so warnte sie, würden zurückkehren.Panik griff um sich. Die Gruppe entschied sich für den einzigen beleuchteten Gang, aus dem keine Marschgeräusche zu hören waren. Der Weg führte sie zu einem düsteren Schrein. Dort stand eine goldene Statue des Namenlosen, deren Anblick selbst gestandene Helden frösteln ließ. Zwei weitere Gänge führten von diesem Ort fort.

Die Gefährten folgten dem Licht.Bald erreichten sie einen weiteren Raum. Dort ruhte auf einem steinernen Zylinder die abgetrennte Hand eines Orks. Daneben hing eine Statue des Namenlosen kopfüber gefesselt von der Decke. Zwei neue Ausgänge öffneten sich vor ihnen.Erneut setzten sie ihren Weg durch die finsteren Hallen fort.

Schließlich fanden sie einen weiteren verlassenen Schrein des Verräters der Zwölfe. Vor dem Altar lag die sterbliche Hülle eines unbekannten Mannes. Während die anderen Wache hielten, durchsuchte Gieselhold den Toten und machte eine entscheidende Entdeckung:

Zwischen den Habseligkeiten des Verstorbenen befand sich eine handgezeichnete Karte.

Und so endete dieser Abschnitt ihrer Reise. Hinter ihnen lagen blutige Altäre, fliehende Schattenwesen und die verderbte Macht des Namenlosen. Vor ihnen aber warteten noch tiefere Geheimnisse in den vergessenen Gewölben unter der Erde. Die gefundene Karte mochte ihr einziger Hoffnungsschimmer sein, den Weg durch die Dunkelheit zu finden. Doch jedem von ihnen war bewusst geworden, dass sie längst einen Ort betreten hatten, an dem uralte Mächte erwachten und selbst das Blut der Lebenden einen eigenen Willen besaß.