Oktober 5, 2025

Norden, Süden, Osten, Westen - so zu Reisen ist am Besten (20. Ingerimm 10:00 Uhr - 22. Ingerimm 20:00 Uhr)

Am 20. Ingerimm, zur zehnten Stunde waren wir noch immer in der Nähe der Roten Höhle, einem Ort des Blutes, der Magie und der gesegneten Waffen. Der Kampf war vorüber und die Toten Gegner lagen durchbohrt von Goblinspeeren am Boden. Die Schweine der Goblins, wild und hungrig, labten sich bereits an den gefallenen Bronnjaren, doch Gamrik und Gieselhold beschwichtigten die Goblins: Es sollten nur Tiere gefressen werden, nicht Menschenfleisch.

Spieler: Christian (GM), Christoph, Holger, Sascha (Berichterstatter)

Die Gefährten sammelten die Waffen aus der Höhle ein und beluden Koljas Wagen mit ihnen. Gerald dachte daran, dass schon wieder Menschen gestorben sind, um sein unwürdiges Leben zu erhalten. Wie war es möglich, dass seine bloße Existenz nur Tod und Leid über alle bringen konnte. In diesem Moment spürte er das Schwert, welches er aus der Höhle an sich genommen hatte. Es war schwer, eine Last an seiner Hüfte, es wollte von ihm weg. Die Götter hatten Gerald verlassen, warum sollten deren Waffen ihn erwählen? Behutsam legte er das Schwert neben seine Brüder in Koljas Wagen. 

In der Zwischenzeit wurden die Leichen ehrenvoll – oder wenigstens praktisch – auf Lastpferde gebunden. Gieselhold eignete sich Armbrust, Bolzen und den Mammon der Gefallenen an. Gerald nahm sich beim Beladen der Leichen ein Kurzschwert von ihnen. “Eine Waffe, die durch eine unehrenhafte Tat erworben wurde, wie passend für Abschaum wie mich” dachte Gerald. Auch das Schild der Rondragabund wurde sichergestellt und mitgenommen. Um für die Rückreise gewappnet zu sein, behält Gamrik den Rapier und den Degen, welche er aus den Waffenvorrat der roten Höhle entnommen hatte. Auch Gieselhold behält den Langdolch und den schweren Dolch aus der Waffensammlung.

Gamrik, der weise Taktiker, überredete Kolja, seine Hütte am Ort der Höhle neu aufzubauen und sich dort als Wächter der roten Höhle niederzulassen. Bis es soweit sein sollte, lies Jäänni sechs Goblins zurück, um das Heiligtum zu bewachen.

Am Abend traf die Gruppe in Drauhag ein, übergaben die Toten dem Dorf zur rituellen Bestattung und sorgten für eine Unterkunft. Gamrik akquirierte drei kräftige Packpferde, zähe Tiere mit wettergegerbtem Fell und Augen. Sie würden nötig sein, um die Waffen (aus der Roten Höhle) zu tragen.

Kolja, vom Kampf gezeichnet, wurde derweil in der Hütte des Heilers versorgt. Die Kräuter der Alten, ihre Tinkturen und Lieder, hüllten ihn in einen Zustand zwischen Wachen und Träumen. Und so kam die Nacht über Drauhag.

Erschöpft von mehr als dreißig Stunden voller Kampf, Entbehrung und dem Echo uralter Schrecken, fanden die Gefährten endlich Schlaf – sogar Gerald, der sonst nur in den Armen des Alkohols Ruhe fand. Der Schlaf nahm ihn diesmal wortlos in sich auf, schwer und traumlos.

Doch die Dunkelheit war nicht still. Mitten in der Nacht, als der Mond hinter Wolken wie fliehende Geister glitt und der Wind Geschichten durch Ritzen und Spalten flüsterte, erwachte Gerald. Leises Klacken – das Geräusch kleiner Steine, die gegen das Holzfenster prallten. Wieder klack. Etwas wartete dort draußen. Er trat ans Fenster. Unter ihm, im Zwielicht des Hofes, stand eine dunkle Gestalt – kaum mehr als ein Schatten, aber lebendig. Sie hob die Hand, ein stummes Zeichen: Komm.

Gerald, dessen Dasein keinen Überlebenswillen mehr zeigte, machte sich ohne Waffen auf. Lautlos verließ er sein Zimmer, trat hinaus in die Kälte der Nacht, die sich wie ein schwerer Mantel auf ihn legte. Dort wartete die Gestalt. Ein Goblin, hager, mit smaragdgrüner Haut und Augen, in denen sich List und Wissen spiegelten.

„Du musst mit mir kommen,“ zischte der Goblin mit rauer Stimme, kaum hörbar gegen den Wind. „Jäänni verlangt nach dir.“ sagte der Suulak. Gerald folgte dem Goblin durch die dunklen Gassen des Dorfes, bis sie schließlich vor ihr standen: Jäänni.

Die Luft um sie war seltsam still, als ob eine machtvolle Kraft sie umhüllt hätte. „Ich kann euch helfen,“ sprach sie, ihre Worte waren gleichzeitig Versprechen und Warnung. „Mit meiner Magie vermag ich eure Schritte zu beschleunigen – euch rascher machen als den Wind auf dem Bergrücken. So könnt ihr den Grünen Zug einholen, bevor er sich dem dunklen Horizont entzieht. Doch Magie – wahre Magie – verlangt Opfer."

„Wollt ihr, dass auch eure Pferde die Hast der Geister spüren, so bringt mir drei Saphire, rein und tief wie der Blick in die Welt unter den Wellen,“ sagte sie mit ernster Miene. Wenn nur eure Körper sich schneller bewegen sollen, genügen mir zwei Fässer voll Gurken – eingelegt im Essig der Alten, gegoren in Stille und Zeit. Dies sind die Zutaten für das Ritual.“

Sie machte eine kurze Pause, dann senkte sie ihre Stimme zu einem Flüstern, das selbst die Bäume zu lauschen schien: „Und...ich verlange das Blut der Insigne – jenes, das von ihr tropft wie Tinte aus einer gebrochenen Feder. Nur damit kann ich den Zauber vollenden.“

Gerald erklärte sich bereit, die geforderten Dinge zu beschaffen. „Trefft mich zur 11. Stunde“, sprach Jäänni schließlich, „im Wäldchen – jener Ort, der eine knappe Stunde Fußweg nordöstlich von Drauhag liegt. Und solltet ihr mich jemals rufen müssen… hebt einen Stab mit zwei roten Wipfeln empor. Schwenkt ihn gegen den Himmel, und ich werde euch finden.“ Mit einem letzten Blick, der durch Mark und Seele schnitt, wandte sich Jäänni ab und verschwand im Dunkeln, als sei sie nie da gewesen.

Nach diesem Ereignis kehrte Gerald zurück zur Herberge. Ohne zu zögern, trat Gerald in das Gemach seiner Gefährten. Mit fester Hand weckte er Gieselhold und Gamrik. In wenigen, aber gewichtigen Worten berichtete er, was sich zugetragen hatte – von Jäännis Angebot, ihrem düsteren Zauber und dem Preis, den sie forderte.

Gieselhold, der stets ein Funkeln der Kühnheit in den Augen trug, erhob sich sofort. „Dann soll es noch in dieser Nacht geschehen,“ murmelte er, während er sich seinen Mantel überwarf. „Ich werde nach den Saphiren suchen. Wenn das unser Weg zur Hast ist – dann will ich ihn beschreiten im Schutz der Finsternis.“

So zog er aus – allein in der Nacht, auf der Suche nach Edelsteinen. Doch das Schicksal war an diesem Abend nicht gnädig. Als der Morgen graute und der 21. Tag des Ingerimm anbrach, kehrte Gieselhold zurück – leerhändig, aber nicht mit leeren Geschichten. Beim ersten Licht der Dämmerung, um die siebte Stunde, erwachten wir alle. Gieselhold berichtete, was er erlebt hatte.

Doch wir hatten keine Zeit für Zweifel oder Müdigkeit. Entschlossen erwarben wir die nötigen Dinge: Zwei Fässer Gurken, sorgfältig versiegelt, getränkt in altem Essig und gewürzt mit Kräutern aus fremden Landen. Zwei Krüge Honig, golden und dickflüssig – eine Gabe für die Goblins, die sich für uns in Gefahr gebracht hatten. Und schließlich die zwei roten Wimpel, die wir an einen Stab banden, das Zeichen, das Jäänni uns zugewiesen hatte – unser Leuchtfeuer im Unsichtbaren.

Die Stunde des Aufbruchs kam. Um die zehnte Stunde verließen wir Drauhag, unsere Schritte schwer, aber zielgerichtet. Der Wind trug die Erinnerung an das Gespräch mit Jäänni, und das Rascheln der Blätter wirkte wie das Raunen alter Namen.

Vor uns lag der Wald – uralt, tief und schweigsam. Dort, zwischen den knorrigen Bäumen, trafen wir auf einen Goblin, der uns zu Jäänni führte. Jäänni vollzog ihr Ritual. Zusätzlich gab sie uns noch eine Salbe mit, die für die Pferde gedacht war. Diese Salbe war für die Pferde und den Wagen. Diese wurden durch die Salben ebenfalls beschleunigt. Und so raste der kleine Zug gen Osten.

Noch am selben Abend erreichten wir Gorschnitz. Dort erfuhren wir: Der grüne Zug war bereits am 17. Ingerimm von Gorschnitz aufgebrochen. Beim Mahl hörten wir noch weitere Geschichten, die uns die Einheimischen erzählten. Unter anderem auch, dass der Abt-Baron von Korswandt mit seiner Sonnenlegion in der Stadt war. Doch da die Reisegruppe gerade durch Magie gestärkt wurde, beschlossen wir, ihn nicht aufzusuchen. Da die Müdigkeit vom Vortag immer noch an uns nagte, beschlossen wir früh Schlafen zu gehen. Fast augenblicklich schliefen alle ein, nur Gerald konnte nicht schlafen. Aufgerichtet in seinem Bett, den Trinkschlauch, welcher mit Meskinnes gefüllt war, an seinen Lippen schrieb Geralf die folgenden Zeilen für sich nieder:

“Die Nacht ist wieder ohne Gnade, wie ein Tuch, das mir langsam die Kehle zuschnürt. Nicht einmal der Alkohol gönnt mir eine ruhige Nacht. 

Seit jenem Tag – dem Überfall – hat sich alles in mir verändert. Mein Gold, mein Ruf, das blaue Buch... fort. Mein Leben wurde mir entrissen, von blutbefleckten Händen, die nur kamen, um zu nehmen. Mit dem Buch schwand nicht nur meine Zukunft – es war, als hätten auch die Götter sich abgewandt, mich verstoßen, wie einen faulen Apfel unter reifem Obst.

Die Klinge, die sie mir durchs Gesicht zogen, hat mehr hinterlassen als nur eine Narbe. Ich sehe sie jeden Morgen im zersprungenen Spiegel des Lagers – eine Linie aus Hohn und Verlust, eingebrannt in Fleisch und Geist. Niemand kauft von einem, der aussieht wie ein Gespenst. Kein Markt will mich. Kein Kunde bleibt. Ich bin ein Trümmerhaufen, dessen Einzelteile niemand mehr zusammensetzen will.

Der Tod ist der letzte ehrliche Handel, den ich noch abschließen kann. Ein Strick an einen Ast gebunden oder das Schwert, in das ich meine Brust stürzen könnte, ist nur ein geringer Preis für die Erlösung aus diesem Dasein.”

Mit diesen letzten Worten legte er die Feder beiseite und nahm sich das Kurzschwert. Doch er war nicht nur Abschaum sondern auch ein Feigling. Er konnte es nicht zu ende bringen. Zur Strafe für seine Feigheit schnitt er sich in den Oberarm, der Schmerz sollte ihn an seine Feigheit erinnern. So legte er sich schlafen, in der Hoffnung, dass morgen vielleicht der Tag sein würde, an dem er endlich seinen Mut finden konnte.

Am 22. Ingerimm verließen wir das Dorf noch vor Sonnenaufgang. Unser Tempo war beachtlich – selbst die wilden Sumpfranzen, welche auf dem Weg lauerten, flohen vor den donnernden Wagenrädern. Am Abend des 22. Ingerimm erreichten wir Vierwinden. Dort erfuhren wir, dass der grüne Zug von dort am 20. Ingerimm aufgebrochen war.

Nach einem anständigen Mahl, als das Licht der Taverne golden auf dampfende Teller fiel und das Knacken des Kaminfeuers Geschichten vergangener Tage erzählte, erhob sich Gamrik. Er verließ das Gasthaus, während draußen die Nacht in samtener Schwärze über dem Dorf lag. Sein Ziel war klar: der Rondra-Tempel – geweiht der Kriegsgöttin, aber gehüllt in ein Schweigen, das selbst gestandenen Kriegern Unbehagen bereitete.

Der Tempel stand wie ein dunkler Monolith am Rande des Dorfes. Keine Glocken erklangen, keine Gesänge durchdrangen die kalte Luft. Nur das Echo seiner Schritte hallte von den alten Mauern wider, als Gamrik eintrat. In der Halle – groß und von Fackelschein erleuchtet – stand sie:

Die Statue der Schwarzen Rondra.

Schwarz wie die tiefsten Minenschächte des Amboss-Gebirges, reglos und fremd. Ihre Augen schienen aus einer anderen Zeit zu blicken – nicht aus Marmor oder Erz, sondern aus etwas, das sich jeder Beschreibung entzog. Gamrik trat näher, der Atem schwer, das Herz fest.

Ein junger Tempelgehilfe trat leise an Gamriks Seite, als wolle er die Stille des Ortes nicht stören. Gamrik wandte sich ihm zu, und seine Worte waren behutsam – die Fragen eines Suchenden, nicht die eines Fordernden.

„Sie war hier…“, flüsterte der Gehilfe nach einem kurzen Zögern. „Leudara – die Rondrapriesterin des Grünen Zuges. Sie wirkte schwach, krank vielleicht, und doch lag eine Kraft in ihr, die selbst Vanjesha, die ältere Rondrapriesterin, nicht zu überstrahlen vermochte. Manchmal stützte Vanjesha sie, doch wenn Leudara sprach…“ Er senkte den Blick, als suche er Halt im Schatten der Statue. „…wenn sie sprach, war es, als hielte die ganze Halle den Atem an. Ihre Messe – hier, vor dieser Statue – war wie ein Licht, das selbst durch Krankheit nicht verlöschen konnte.“

Gamrik schwieg. Die Spuren des Zugs führten also bis hierher – sogar bis vor Rondras dunkles Abbild.

Er wandte sich der Statue erneut zu, und fragte weiter:

„Was ist sie? Woher stammt sie?“

Der Gehilfe senkte den Blick.

„Ihr Ursprung ist unbekannt. Keiner weiß, woraus sie besteht – das Material ist kein uns bekanntes Metall, kein Gestein, kein Holz. Ihre Oberfläche fühlt sich kalt an… aber nicht leblos.“

Er machte eine Pause, ehe er fortfuhr:

„Die Handwerkskunst ist meisterlich. Zwerge, so heißt es in alten Aufzeichnungen, könnten sie gefertigt haben – doch selbst die Ältesten unter ihnen konnten dies nicht bestätigen. Sie war bereits hier, als der Tempel gegründet wurde – lange vor dem ersten Stein. Sie war sogar vor der Zeit der Theaterritter da.“

Gamrik ließ die Worte auf sich wirken. Etwas an dieser Statue rührte an uralten Dingen – an vergessene Eide, an verschüttete Kriege, an Götterbilder, die nicht mehr ganz in die Welt passten.

Er bedankte sich bei dem Tempelgehilfen und wandte sich ab. Er verließ den Tempel und verschmolz wieder mit der Nacht.

Währenddessen saßen Gieselhold und Gerald noch in der Taverne, die Stimmung träge, durchzogen vom Duft nach Rauch, Bier und leichtem Zweifel. Plötzlich rief einer der Gäste Geralds Namen. Wer mochte das sein? Wie hatte er ihn überhaupt erkannt, seit der Niederlage trug Gerald immer einen Schleier der sein halbes Gesicht und damit seine Narbe verbarg.

Anmerkung: Wenn du dich selbst in Gedanken wie Geralds wiederfindest: Du bist nicht allein. Hilfe ist möglich – sprich mit jemandem. In Deutschland erreichst du kostenlos und anonym die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222.