Hexenmund tut Wahrheit kund
Am zweiten Tage des Rahja, zur zwölften Stunde, standen die Gefährten Gamrik, Geron, Gieselhold und Gerald schweigend am Ufer der Insel. Vor ihnen lag der geschundene Leib der Hexe Tschinjuscha, deren Wunden Gieselhold so gut es die Umstände erlaubten versorgt hatte. Kaum dem Tod entrissen, ließ die Hexe dennoch keinen Zweifel an ihrer Missgunst – lautstark beklagte sie ihr Schicksal und das grobe Vorgehen der Helfer.
Die Gefährten zögerten nicht lange und errichteten aus dem, was der Wald hergab, eine notdürftige Trage. Währenddessen kehrte Tschinjuschas Vertrauter aus der Luft zurück, ließ sich sanft auf ihrer Brust nieder und wich fortan nicht mehr von ihrer Seite – ein stilles Zeichen der noch immer wirkenden Magie.
So bepackt und begleitet machten sich die Helden daran, die Insel hinter sich zu lassen. Geron und Gieselhold übernahmen die schwere Bürde und trugen die Hexe auf der Trage, während Gamrik und Gerald den Weg durch die tückischen Fluten sicherten. Gieselhold nahm zudem das sonderbare Fluggerät der Hexe an sich – ein schlichtes Fass, dessen Inhalt ebenso rätselhaft wie bedeutsam schien.
Nach einer entbehrungsreichen halben Stunde erreichten die Gefährten schließlich das gegenüberliegende Ufer, auf der Seite des Feldlagers. Erschöpft, doch entschlossen, hatten sie die Hexe und sich selbst dem Fluss entrissen.
Auf dem weiteren Marsch zum Feldlager hallte immer wieder die fordernde Stimme der Hexe durch die Reihen der Gefährten. Unablässig verlangte Tschinjuscha, man möge sie unverzüglich zum Heerführer bringen, als stünde ihr dieses Recht allein durch ihren Namen zu. Ihre Worte waren von Stolz und Bitterkeit gleichermaßen durchzogen und ließen keinen Zweifel daran, dass sie sich noch längst nicht geschlagen gab.
Als die Gruppe schließlich das Feldlager erreichte, offenbarte sich rasch die wahre Schwere ihrer Bürde. Unter den Soldaten und Lagerinsassen ging ein Raunen um, und mehr als ein Blick war von offenem Argwohn oder unverhohlener Feindseligkeit erfüllt. Bald wurde den Gefährten klar, dass der Name Tschinjuscha hier wohlbekannt war – und gefürchtet. Viele im Lager erkannten die Hexe sofort und begegneten ihr mit Hass und Misstrauen, als trüge sie die Schuld an mancher Wunde und manchem Verlust.
So fanden sich die Gefährten inmitten gespannter Blicke wieder, wissend, dass ihre Entscheidung, die Hexe lebend hierherzubringen, noch weitreichende Folgen nach sich ziehen würde.
Ihr Ziel war das Zelt der Adelsmarschallin, Herz und Hirn der militärischen Macht in diesen finsteren Tagen.
Vor dem Zelt verweigerten die Wachen zunächst den Zutritt. Misstrauen lag in ihren Blicken, die Hände fest um die Waffen geschlossen. Doch nach kurzem, eindringlichem Wortwechsel ließen sie die Gefährten passieren – als hätten auch sie gespürt, dass das Schicksal selbst Einlass verlangte.
Im Inneren des Zeltes offenbarte sich die Wahrheit: Kaum erblickte die Adelsmarschallin die Hexe, wich ihr alle Farbe aus dem Gesicht. Entsetzen zeichnete ihre Züge, denn sie erkannte sofort, wen man ihr gebracht hatte. In diesem Moment trat auch Tsadan ein – und auch er wusste augenblicklich, mit welcher Macht sie es zu tun hatten.
Die Hexe erwachte. Mit brüchiger Stimme sprach sie die Adelsmarschallin direkt an. Gieselhold riet zur Vorsicht und empfahl, die Hexe unter strenge Bewachung zu stellen. Geron und Gamrik erklärten sich bereit, diese Aufgabe zu übernehmen.
Schwach rief die Hexe erneut nach der Adelsmarschallin, die sich schließlich zu ihr hinabbeugte. Mit letzter Kraft offenbarte die Hexe, dass Graf Alberich von Notmark sie mit einer Botschaft entsandt habe. Doch sie verlangte ein Versprechen: Erst wenn ihr zugesichert werde, dass ihr kein Leid widerfahre, werde sie sprechen. Die Adelsmarschallin gab ihr dieses Wort.
Daraufhin zog die Hexe einen metallenen Zylinder aus ihrem Gewand und überreichte ihn der Adelsmarschallin.
„Lest… was darin geschrieben steht“, hauchte sie – und sank erneut in Ohnmacht.
Als die Adelsmarschallin den Inhalt las, verdunkelte sich ihr Blick. Ein Fluch entfuhr ihren Lippen.
Inhalt des Schreiben des Grafen Notmark
- Der Korsmal-Bund hat die Stadt eingenommen, da Alberich sich geweigert hat, sich den Kultisten anzuschließen. Er steht fest auf der Seite des Grünen Zuges und erwartet, dass die Adelsmarschallin dies jedem verkündet, der an der Ehre des Hauses von Notmark zweifelt.
- Ischtan von Quelldunkel wusste um die Goblinpauke, verborgen in den Katakomben unter Notmark, und dass Burg Grauzahn den Zugang zu diesem Ort sichert. Dieses Wissen verkaufte er für eine hohe Stellung im Korsmal-Bund.
- Das Verstummen des Hämmerns im Ingratempel ist ein böses Omen: Die Kultisten haben den zweiten Zugang zu den Katakomben entdeckt – durch den Tempel selbst.
- Die Burg wird der Belagerung noch Wochen standhalten können. Doch im entscheidenden Augenblick verspricht Alberich einen Ausfall. Mit zwanzig bewaffneten Männern will er den Angriff der Adelsmarschallin unterstützen und dem Korsmal-Bund in den Rücken fallen.
Kaum war das Schreiben verlesen, zögerte die Adelsmarschallin keinen Augenblick länger.
Mit donnernder Stimme berief sie unverzüglich den Heeresrat ein – denn die Zeit des Abwartens war vorbei, und das Schicksal der Lande würde sich bald im Blut und Stahl entscheiden.
Nicht viel Zeit verstrich, da erschien ein Bote, Staub und Anspannung gleichermaßen in seinem Gesicht. Mit knapper Stimme verkündete er, dass sich der Heeresrat versammelt habe und auf die Adelsmarschallin warte.
Gemeinsam machten sich die Adelsmarschallin, Tsadan, die Gefährten sowie die weiterhin geschwächte Hexe auf den Weg zum großen Ratszelt. Fackellicht flackerte im Wind, und das Murmeln der versammelten Offiziere drang bereits nach außen – ein Zeichen dafür, dass die Lage ernster kaum sein konnte.
Im Zelt des Heeresrates erhob sich die Adelsmarschallin und trug mit fester Stimme den Inhalt der Botschaft Graf Alberichs von Notmark vor. Mit jedem Wort wich die Hoffnung aus den Gesichtern der Anwesenden. Besonders die Warnung, dass der Korsmal-Bund der Goblintrommel bedrohlich nahegekommen sei, ließ die Stimmung kippen.
Die Adelsmarschallin machte keinen Hehl aus ihrer Sorge: Sollten die Kultisten die geheimnisvolle Trommel in den Katakomben zuerst in ihre Hände bekommen, könnten die Folgen unabsehbar sein – für das Heer, für das Land und vielleicht für ganz Aventurien.
Kaum hatte sie geendet, brach im Heeresrat eine hitzige Diskussion los. Stimmen überschlugen sich, Strategien wurden gefordert, Zweifel laut, Vorwürfe erhoben. Während einige zu einem sofortigen Angriff drängten, mahnten andere zur Vorsicht.
Über all dem lag die unausgesprochene Gewissheit:
Die Zeit arbeitete nicht für sie.
Bald kristallisierten sich im Heeresrat die unumstößlichen Fakten heraus:
Zwei Wege führten zu der geheimnisvollen Goblintrommel, deren Macht wie ein dunkles Echo über der Stadt lag.
Der erste führte durch die Burg, schwer befestigt und noch immer umkämpft.
Der zweite durch den Ingrimmtempel, dessen Schweigen seit dem Verstummen der Hämmer nichts Gutes verhieß.
Da erhob sich die Hexe erneut zu Wort. Mit heiserer Stimme offenbarte sie einen entscheidenden Hinweis:
Die Stadtmauer werde streng bewacht, doch der Fluss bleibe nahezu ungesichert. Über sein dunkles Wasser ließe sich unbemerkt in die Stadt gelangen – direkt in die Nähe des Tempels. Ein gefährlicher Pfad, doch einer, den der Korsmal-Bund vermutlich selbst nutzen würde.
Noch ehe die Ratsversammlung diesen Gedanken ganz erfassen konnte, trat Leudara, die Rondrageweihte, vor. Mit funkelndem Blick und fester Stimme erklärte sie, dass sie den Korsmal-Bund verfolgen und sich ihm entgegenstellen werde – im Namen der Ehre, des Mutes und der Göttin selbst.
Daraufhin meldete sich Gamrik. Er bot an, gemeinsam mit Geron, Gieselhold und Gerald Leudara zu begleiten und ihr im Kampf gegen die Kultisten beizustehen. Doch er knüpfte dieses Versprechen an eine Bedingung:
Die Adelsmarschallin müsse sie von ihrem Schwur entbinden, die Hexe weiterhin zu beschützen.
Nach kurzem, schwerem Abwägen gab die Adelsmarschallin ihr Einverständnis. Der Schwur wurde gelöst – nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus der Erkenntnis, dass diese Aufgabe größer war als jede einzelne Verpflichtung.
So war es beschlossen Leudara, Karenja, Gamrik, Geron, Gieselhold und Gerald würden sich dem Korsmal-Bund entgegenstellen.
Nach reiflicher Abwägung wurde ein kühner, doch gefährlicher Plan geschmiedet.
In einer Stunde, so der Entschluss, würde nach dem Ausrüsten die Gruppe aufbrechen. Der Übergang sollte bei der zerstörten Brücke erfolgen, dort, wo der Fluss träge durch Trümmer und Treibgut floss und weniger Aufmerksamkeit der Feinde auf sich zog.
Von dort aus führte der Weg zunächst zur östlichen Waldgrenze, wo dichtes Unterholz und alte Bäume Schutz vor neugierigen Blicken boten. Anschließend würde sich die Gruppe nach Süden wenden – auf die Burg zu, die noch immer wie ein verwundeter, doch nicht bezwungener Koloss über dem Land thronte.
Für den heikelsten Teil des Vorhabens erklärte sich Gieselhold bereit. Verborgen und lautlos sollte er allein in die Burg eindringen, die Verteidiger über das Eintreffen der Gefährten informieren und ihre Absichten offenlegen.
Als Zeichen ihrer Aufrichtigkeit und ihres guten Willens würde er das Schreiben der Hexe, die Botschaft Graf Alberichs, vorweisen – ein Beweis, der Hoffnung und Misstrauen zugleich in sich trug.
Erst wenn Gieselhold Erfolg meldete und das Zeichen gegeben war, sollte der Rest der Gruppe folgen und sich ebenfalls heimlich Zugang zur Burg verschaffen. Jeder Schritt musste sitzen, jeder Fehler konnte Verrat oder Tod bedeuten.
So stand der Plan fest.
Um 18:15 Uhr erreichte die Gruppe den schützenden Waldsaum vor der Burg. Die Dämmerung senkte sich bereits über das Land, und mit ihr wuchs die Anspannung. Ohne ein weiteres Wort trennten sich die Wege der Gefährten.
Gieselhold schlich allein voran. Lautlos bewegte er sich durch Schatten und Geröll, bis sich das dunkle Massiv des Torhauses vor ihm erhob. Hoch über ihm ragten die Mauern auf, stumm und wachsam. Aus einem der Scharten drang schwaches Licht – mindestens eine Wache war noch im Torhaus.
Gieselhold verharrte nicht. Er entrollte eine grüne Fahne, die das Wappen des Grünen Zuges trug, und hielt sie offen sichtbar empor – ein gewagtes Zeichen in feindlicher Nähe. Während die Nacht endgültig hereinbrach, blieb die Fahne erhoben, ein stilles Bekenntnis im Dunkel.
Vorsichtig näherte er sich dem Mannloch des Tores und klopfte.
Eine Stimme erklang aus dem Inneren, scharf und misstrauisch: „Wer da?“
Gieselhold nannte seinen Namen und seinen Auftrag. Um seine Worte zu bekräftigen, schob er das Schreiben Graf Alberichs durch das enge Mannloch – das einzige Pfand, das zwischen ihm und dem Tod stand.
Es folgten dreißig endlose Minuten des Wartens. Kein Laut drang nach außen. Die Kälte der Nacht kroch in die Glieder, und jeder Schatten schien sich zu bewegen.
Dann endlich knarrte das Tor.
Gieselhold wurde eingelassen.
Im Inneren der Burg erwarteten ihn acht bewaffnete Soldaten, angespannt, aber nicht feindselig. Sie nahmen ihn in Empfang, musterten ihn schweigend und schlossen das Tor wieder hinter ihm.