September 15, 2026

Nebelschwaden in den Bergen

Nach einer Nacht voll unheilvoller Träume und rastloser Ruhe erhoben sich Gieselhold, Gamrik, Gerald und ihr geheimnisvoller Begleiter, der geschwächte Otter, um die schützende Höhle hinter sich zu lassen. Da die Kräfte des kleinen Wesens nahezu erschöpft waren, trug Gieselhold ihn auf seinen Schultern, während die Gefährten sich dem eisigen Gebirge stellten. Ein magischer Stein, dessen uralte Macht sie vor den tödlichsten Klauen des tobenden Schneesturms bewahrte, war ihr wertvollster Besitz und ihre einzige Sicherheit in der gnadenlosen Wildnis.

Über schneebedeckte Gipfel und durch eisige Höhenzüge führte ihr Weg in ein benachbartes Tal. Zur Mittagsstunde spannte sich ein unsichtbarer Schatten über ihre Reise. Der Otter hob warnend die Stimme: Sie wurden verfolgt. Doch die tobenden Schneemassen verschlangen jede sichere Spur, und selbst sein scharfer Blick vermochte die Verfolger nicht zu erkennen. So blieb den Helden nichts anderes übrig, als ihren Marsch unbeirrt fortzusetzen.

Als die Dämmerung hereinbrach und die Kälte sich wie eine eiserne Hand um die Berge schloss, fanden die Gefährten Zuflucht in einer seltsamen Felsnische. An den Wänden waren geheimnisvolle Kreise und Zeichen eingeritzt, Relikte längst vergessener Zeiten. Dort schlugen sie ihr Lager auf und verbrachten die Nacht unter den wachsamen Augen uralter Mysterien.

Mit dem ersten Licht des Morgens verließen sie ihren Rastplatz und wurden von einem sonderbaren Anblick empfangen: Ein Dutzend Ziegen stand regungslos vor ihnen, als hätten die Tiere auf ihre Ankunft gewartet. Elf von ihnen zogen sich schweigend zurück. Nur eine einzelne, humpelnde Ziege trat auf die Gruppe zu. Ohne Zögern ließ Gieselhold seine Klinge aufblitzen und streckte das Tier mit einem meisterhaften Hieb nieder. Gerald bewies sein handwerkliches Geschick und verwandelte die Beute in zwanzig wohlbemessene Fleischrationen, ein Segen für die kommenden Tage.

Gestärkt brachen die Gefährten wenig später erneut auf und stiegen dem Berggipfel entgegen. Stundenlang kämpften sie sich durch das unwirtliche Gelände, bis ihr Weg an einer gewaltigen Felswand endete. Dort entdeckten sie eine dunkle Öffnung, die wie das Maul eines schlafenden Riesen in den Stein geschnitten war. Als sie nähertraten, sahen sie, dass dichter Nebel das Innere erfüllte.

Der Otter erklärte mit ernster Stimme, dass ihr Weg zum Ziel einzig durch diese Höhle führe. So entzündeten die Gefährten ihre Lichter und betraten die Nebelkammer. Nach etwa dreißig Schritt fanden sie sich jedoch vor einem unmöglichen Hindernis wieder: Eine makellos glatte Wand versperrte den Tunnel. Gerald erkannte die Wahrheit hinter der Erscheinung. Es handelte sich nicht um gewöhnlichen Fels, sondern um ein mächtiges magisches Siegel, geschaffen, um jeden Durchgang zu verwehren.

Die Gruppe suchte fieberhaft nach einer Möglichkeit, den Bann zu brechen. Schließlich berührten sie die Barriere mit ihrem rätselhaften magischen Stein. Augenblicklich begann das Siegel zu flimmern und löste sich lautlos auf, als hätte es niemals existiert. Der Weg war frei.

Jenseits des Tunnels erwartete sie eine Welt, die nicht in diese Berge zu gehören schien. Die Gefährten traten hinaus auf einen schmalen Bergkamm. Vollkommene Stille umgab sie. Kein Windstoß regte sich, kein Schneekorn tanzte in der Luft. Vor ihnen lag ein erstaunlich gut ausgebauter Weg, der sich durch die Höhe zog. In der Ferne, wohl fünf Meilen entfernt, erhob sich ein einsamer Wachturm über die Kuppen der Berge.

Doch etwas lauerte dort oben.

Auf der Spitze des Turms saß eine geflügelte Gestalt, reglos wie eine Statue. Gamrik hob sein Fernrohr an die Augen und musterte das Wesen aufmerksam. Je länger er hinsah, desto stärker beschlich ihn eine Ahnung, die selbst erfahrenen Abenteurern Furcht einflößen konnte.War dies nur ein ungewöhnliches Geschöpf der Berge... oder blickten die Gefährten gar auf einen Drachen?