Unerwarteter Besuch (27. Rahja 21 Uhr bis 28. Rahja 18 Uhr)
Am 27. Rahja, zur einundzwanzigsten Stunde, als die Sonne bereits hinter den Zinnen der Burg Trescha versank und purpurne Schatten über den Innenhof krochen, ließ die Burgherrin zu einem vertraulichen Zwiegespräch bitten. Nur eine kleine, ausgewählte Gruppe folgte ihr in die Abgeschiedenheit – denn was sie zu sagen hatte, durfte nicht unbedacht weitergetragen werden. Mit ernster Miene sprach sie über den Fall von Ottra. Diese Niederlage war mehr als ein isoliertes Unglück – sie war ein Omen. Nach ihrer Überzeugung hatte der Korsmalsbund sein nächstes Ziel bereits gewählt: Burg Trescha. Die Festung, Sinnbild der Sicherheit für die umliegenden Lande, stand nun im Fokus einer heraufziehenden Bedrohung. Gieselhold, stets pragmatisch schlug vor, die Leibeigenen in die umliegenden Sümpfe zu schicken. Dort, so seine Hoffnung, könnten sie sich dem Blick des Feindes entziehen und dem sicheren Tod entgehen. Doch die Burgherrin entgegnete, dass innerhalb der Mauern, so ihre Überzeugung, könnten die Leibeigenen zur Verteidigung beitragen – mit Händen, Mut und Entschlossenheit.Die nackten Zahlen waren unerbittlich:
- Ohne Leibeigene reichten die Vorräte der Burg für etwa 25 Tage Belagerung.
- Mit allen Menschen innerhalb der Mauern würden die Vorräte nur 17 Tage halten.
Eine schwere Entscheidung, die nicht allein mit Rechenschiebern zu lösen war. Besonders, da die Burgherrin alte Legenden erwähnte: Trescha sei in dunklen Zeiten mehrfach eingenommen worden – und doch konnten die Anwohner stets entkommen. Wie sie der Vernichtung entkamen, wusste heute niemand mehr. Ihr Rat war eindeutig: Befragt den Historiker. Vielleicht barg die Vergangenheit einen Ausweg für die Zukunft.Nach reiflicher Überlegung wurde ein Entschluss gefasst:
- Die Leibeigenen sollen auf die Burg geholt werden
- Die verbleibende Zeit soll genutzt werden, um Mauern zu verstärken, die Flugabwehr zu verbessern und die Nahrungsvorräte zu erweitern.
Gieselhold erklärte sich bereit, in die Höfe vor der Burg aufzubrechen, um die Menschen zusammenzubringen. Insgeheim hoffte er zudem, dabei Armbrüste oder andere Fernkampfwaffen unter den Leibeigenen aufzuspüren – jedes Stück Stahl konnte den Ausschlag geben. Gerade als die Versammlung sich auflöste und sie das Gemach verlassen wollten, trat ein Bote hastig heran. Die Waldläufer waren zurückgekehrt – und baten dringend um ein Gespräch im Speisesaal, gemeinsam mit Burgmeisterin Larle. Larle zögerte keine Sekunde. Die Dringlichkeit war greifbar, die Gruppe folgte ihr sofort.Im Speisesaal offenbarte sich eine neue, düstere Wahrheit:Die Waldläuferin Luta, aus dem Osten zurückgekehrt, berichtete von einem Trolllager, auf das sie gestoßen war. Doch etwas daran war grundlegend falsch:
- Die Fußabdrücke der Trolle deuteten auf festes Schuhwerk hin.
- Im Lager lag der Kadaver eines Bären, zerteilt durch saubere, metallene Schnittwunden --> Metallene Waffen warscheinlich Äxte.
Etwas, das Trolle nicht benutzen sollten. Nicht in dieser Welt.
Dann trat der Waldläufer Dragan vor. Aus dem Norden hatte er beunruhigende Zeichen mitgebracht: Treibholz, angeschwemmt von der Strömung. Schweigend legte er Beweise auf den Tisch – ein Holzbein, ein Stück Segelstoff, ein Trinkhorn. Alles deutete auf dasselbe hin.
- Die Nebelbringer, das Schiff, war vermutlich gesunken.
Damit verdichteten sich die Zeichen zu einem schrecklichen Bild:
Der Feind rüstete auf. Alte Mächte bewegten sich. Und Trescha stand im Zentrum eines Sturms, der Aventurien erschüttern könnte. Nachdem die düsteren Berichte der Waldläufer ausgesprochen waren und die Tragweite der neuen Bedrohungen jedem bewusst geworden war, trennten sich die Wege.Die Gefährten machten sich auf den Weg zu Kasimir, dem Historiker der Burg, einem Mann, dessen Geist schwerer war als die staubigen Folianten, die ihn umgaben. Ihr befragt ihn nach der Legende der Silbernen Horde – jener sagenumwobenen Kriegerschar, die es immer wieder geschafft haben soll, bei Belagerungen aus der Burg Trescha zu entkommen, selbst wenn alles verloren schien.Kasimir erzählt mit gedämpfter Stimme:Die Silberne Horde hatte in Trescha ihren letzten Rückzugsort, als die Welt über ihnen zusammenzubrechen drohte. Ihre Anführerin war eine Frau von außergewöhnlicher Entschlossenheit: Elkfriede von Hummergarben. Als die Feinde die Mauern überwanden und kein Ausweg mehr blieb, sollen sich die Feen des Landes ihrer angenommen haben.Es heißt, die Feen hätten der Horde einen verborgenen Fluchtweg eröffnet – jenseits von Stein, Stahl und menschlichem Verstand. Als Gegenleistung für diese Rettung unterwarf sich die Silberne Horde dem Flussfürsten, einem uralten, fremden Machtwesen, dessen Einfluss noch immer in den Wassern und Nebeln der Region liegen soll.Die Rüstungen, denen die Horde ihren Namen verdankte, sollen ebenfalls magisch gewesen sein.Mit diesem schwerwiegenden Wissen im Gepäck zieht sie sich zurück. Die Nacht umfängt sie. Schlaf kehrt ein – trügerisch ruhig.Mitten in der Nacht werdet die Gefährten jäh geweckt.
Ein aufgeregter Anwohner steht vor ihnen und berichtet: Am Tor wartet jemand. Er habe die Gefährten als Neumund angekündigt und bitte um Einlass. Der Mann bittet die Gruppe, die Anwesenheit selbst zu überprüfen.Sie begeben sich zum Tor.Dort steht ein älterer Mann, gestützt auf einen Stock. Seine Kleidung ist edel, sein Auftreten ruhig, fast erwartungsvoll. Kein Reisender, der um Schutz fleht – sondern jemand, der weiß, dass ihm geöffnet wird.Gerald blickt durch das Kuckfenster – und erkennt ihn sofort:
Es ist Jucho von Dallenthin und Persanzig.Nach einer kurzen, freundlichen Unterhaltung gibt Gerald den Befehl, einen der Soldaten den Mann einzulassen.Drinnen offenbart Jucho den Grund seines späten Erscheinens:
Graf Alatzer sei vom Korsmalsbund angegriffen worden. Um nicht in die Kämpfe zu geraten, habe Jucho einen Umweg nehmen müssen – eine Verzögerung, die ihn nun mitten in der Nacht vor die Tore Treschas geführt hat.Nach der Vorstellung Juchos bei der Burgherrin löst sich die nächtliche Zusammenkunft auf. Einer nach dem anderen kehren alle in ihre Schlafquartiere zurück. Der Morgen nach der Nacht der Zeichen graut kühl und schwer über der Burg Trescha. Trotz der Sorgen, die wie Nebel in den Höfen hängen, versammelt sich die Burgbewohnerschaft zu einem gemeinsamen Frühstück. Brot wird gebrochen, Becher gefüllt – stille Blicke werden gewechselt. Niemand spricht es laut aus, doch allen ist bewusst: Jeder neue Tag könnte bereits im Schatten der Belagerung stehen.
Noch am selben Vormittag brechen Gieselhold und Gerald gemeinsam auf. Begleitet werden sie von der Stallfrau und Ivo, denn ihr Ziel liegt außerhalb der schützenden Mauern: die Höfe rund um die Burg, wo die Leibeigenen leben.Dort sprechen sie mit den Menschen, erklären die Lage und machen unmissverständlich klar, dass die Zeit des Zögerns vorbei ist. Die Gefahr ist real, der Korsmalsbund auf dem Vormarsch. Die Leibeigenen folgen dem Ruf – aus Angst, aus Pflichtgefühl, aus Hoffnung.Auf dem Rückweg offenbart sich ein stilles, befremdliches Ritual:
Die Leibeigenen steigen in den Fluss, werfen Früchte ins Wasser und murmeln leise Worte. Auf Nachfrage erklären sie ehrfürchtig, dass es sich um Opfergaben an den Flusskönig handelt – einen alten Brauch, um Schutz zu erbitten.Ein Detail, das sich unwillkürlich mit dem nächtlichen Wissen über den Flussfürsten verbindet. Zufall? Oder Teil eines größeren, älteren Gefüges?
Verborgener Stahl und gezählte LebenWährend die offiziell gemeldeten Vorräte gesichtet werden, geht Gieselhold systematischer vor. Abseits der Listen durchsucht er die Häuser der Höfe separat und gründlich – und wird fündig:
- 5 Armbrüste
- samt Bolzen
Kein Arsenal, aber genug, um die Verteidigung der Burg spürbar zu stärken.Am Ende der Sammelaktion werden gezählt:
- 15 Erwachsene
- 3 Kinder
- 1 Baby
Seelen, für die die Mauern Treschas nun Verantwortung tragen.Die offiziellen Bestände der Burg stehen nun bei:
- 812 Vorräten
- 17 Verbände
- 18 Portionen Heilkräuter, vor allem Wirselkraut
Genug für Tage des Widerstands – aber nicht für einen endlosen Sturm.Rückkehr vor dem AbendappellErschöpft, aber geschlossen, erreicht die Gruppe mit allen Leibeigenen die Burg 30 Minuten vor dem Abendappell, also gegen 17:30 Uhr. Die Tore schließen sich hinter ihnen.
Die Mauern halten – vorerst.Trescha ist voller denn je.
Mehr Hände, mehr Stimmen, mehr Hoffnung.
Aber auch mehr Hunger, mehr Angst, mehr Verantwortung.Der Abend naht.