April 24, 2025

Abends, auf der Reise von Firunen nach Norburg (27. Phex - 4. Peraine)

Ein Reisebericht voller Schatten und Zeichen – aus Geralds Sicht

28. Phex – Stimmen in der Stille

Die Morgensonne des 28. Phex tauchte den Pfad nach Norburg in blasses Licht, als die vier Gefährten in Firunen aufbrachen. Rodebrannt sollte ihr erstes Nachtlager werden – endllich einaml eine ereignislose Reise, wären da nicht die Stimmen gewesen, die Gerald im Schädel flüsterten. Immer wieder blinzelte er über die Schulter, doch die Straße blieb leer.

Spieler: Christian (GM), Sascha (Berichterstatter)

Als sie am Abend endlich Rodebrannt erreichten, suchten sie sich eine Unterkunft. Vor dem Gasthofstall von Rodebrannt tobte ein lärmender Streit. Halb betrunkene Männer stritten sich, wer der tapferste unter ihnen sei. Abseits, im Schatten der Mauer, hockte eine gedrungene Gestalt - breit wie ein Bär, doch kaum größer als ein Kind. Ihr gelbliches Grinsen blitzte im Dämmerlicht auf, als sie Geralds Blick bemerkte.

"Sieh an, ein Neugieriger." Ihre Stimme klang wie zerbrochene Klingen. "Suchst du etwa auch nach Ruhm wie diese Jammerlappen?"

Gerald musterte die seltsame Erscheinung. "Ich suche hier nur ein warmes Bett für die Nacht um endlich Ruhe zu finden. Aber du... du siehst aus, als hättest du Schlachten gesehen."

Das Wesen richtete sich auf, sein Stolz wie ein Schild. "Gesehen? Wir Suulak haben Nacka Rachtis Horden beinahe über die Berge zurückgepeitscht! Unser Sieg war zum Greifen nah - bis diese elenden Eisenritter uns von hinten meucheln!" Eine Pranke schlug gegen die Stallwand, dass das Holz splitterte.

"Und jetzt?", hakte Gerald nach.

Ein höhnisches Lachen. "Jetzt kriechen sie vor dem Fressdrachen! Gerbald, Gunbald, Jadvige - ihre eigenen Könige! Die Silberritter hatten wenigstens den Mumm zu fliehen." Plötzlich straffte sich die Gestalt. "Aber wir... wir sind die treuen Klingen der Kunga Suula! Die Edelsten unter den Suulak! Unsere Namen tragen Gewicht in jeder Schlacht!"

Gerald spürte, wie etwas in der Luft vibrierte. "Wenn ihr so mächtig wart... was geschah dann?"

Die gelben Augen verdüsterten sich. "Kunga Suula sah den Verrat kommen. Sie wusste, wir würden fallen... also riss sie uns heraus, mitsamt unserer Ehre, unserer Wut, unserem ganzen Wesen." Die Stimme wurde zu einem gefährlichen Flüstern. "Nacka Rachti lockt Krieger wie uns. Er dreht unsere Stärken gegen uns - macht unseren Mut zur Raserei, unseren Stolz zur Torheit."

Plötzlich griff seine Hand nach Geralds Arm. "Du wirst mir etwas bringen."

"Was denn?", fuhr Gerald zurück.

"Du wirst es erkennen, wenn die Zeit kommt." Die Gestalt löste sich zurück, ihr Grinsen breitete sich aus wie ein Riss in der Welt. "Frag flüsternden Stimmen danach... sie wissen es."

Die Nacht um Gerald herum war still. Die Streitenden am Stall lachten plötzlich, als wäre nie etwas Ungewöhnliches geschehen.

Mit schweren Schritten betrat Gerald die Gaststätte. Das warme Licht der Feuerstelle, das Gelächter der Gäste – alles wirkte plötzlich fremd und fern. Als er endlich sein Zimmer erreichte, zitterten seine Hände.

29. Phex

Der Morgen des 29. Phex erwachte mit bleierner Stille. Kalte Nebelschwaden krochen über den Weg, als die Helden Rodebrannt verließen, und hüllten die Welt in ein gespenstisches Grau. Es würde ein harter Reisetag werden – das spürte Gerald in seinen Knochen, noch bevor der erste Schritt getan war.

Abseits seiner plaudernden Gefährten ging er, die Stimme der dunklen Gestalt aus der vergangenen Nacht noch immer in seinem Kopf. Ihre Worte hallten nach, vermischt mit dem unheilvollen Flüstern, das ihn seit Tagen verfolgte.

Als sie schließlich Ropadesshof erreichten, hatte der Himmel sein winterliches Urteil gefällt: Dicke Schneeflocken wirbelten herab und erstickten jeden Laut, als wollte die Natur selbst Gerald warnen.

Während die anderen den Gasthof "Zum Goldenen Hecht" betraten, blieb Gerald im Hof stehen. Am Brunnen spielten Kinder, ihre fröhlichen Rufe hallten über den Platz. Ein untersetzter Mann mit wettergegerbtem Gesicht lehnte am Brunnenrand und beobachtete sie wohlwollend, eine schlichte Holzpfeife zwischen den Fingern.

"Sie wissen nicht, was hinter den Hügeln lauert", sagte der Mann unvermittelt, ohne Gerald anzusehen. Seine Stimme klang rau, aber nicht unfreundlich.

Gerald trat näher. "Und Ihr wisst es?"

Der Fremde drehte die Pfeife zwischen seinen Fingern, als zähle er jeden Kratzer in dem alten Holz. "Die Große Muttersau gab uns Kraft", begann er plötzlich. "Ihre Macht wuchs aus diesem Boden wie Weizen. Als Nacka Rachtis Schatten über die Berge krochen, opferten wir mehr, als andere zu geben wagten – um die Unseren zu schützen."

Ein Kind stolperte und weinte. Der Mann machte eine Bewegung, als wolle er helfen, blieb dann aber sitzen. "Wir Suulak sind die treuen Diener der Kunga Suula", fuhr er fort, und in seiner Stimme lag plötzlich ein eiserner Stolz. "Die Edelsten unseres Volkes. Aber vergessen. Unsere Namen werden noch heute mit Respekt gesprochen."

Gerald spürte, wie der Schnee in seinen Nacken rieselte. "Was geschah dann?"

Die Pfeife knirschte in der Faust des Mannes. "Kunga Suula sah den Sturm kommen", sagte er gepresst. "Sie riss uns heraus – nicht nur unsere Leiber, sondern alles was wir waren. Unseren Mut. Unsere Wut. Unseren ganzen Stolz."

Die Kinder liefen lachend davon. Der Platz wurde still.

"Warum erzählt Ihr mir das?", fragte Gerald.

Der Fremde lächelte traurig. "Weil Nacka Rachti Männer wie uns liebt. Er nimmt unsere Stärken und macht sie zu unseren Fesseln. Unser Mut wird Tollkühnheit, unser Stolz wird Blindheit." Er betrachtete seine Pfeife, als erwäge er, sie wegzuwerfen, steckte sie dann aber behutsam ein.

Plötzlich war er fort. Nicht in Rauch oder Nebel – einfach nicht mehr da. Im Schnee, wo er gestanden hatte, glänzte ein dunkler Fleck.

Gerald kniete sich nieder. Blut? Nein, irgendwie... anders. Er berührte es vorsichtig. Eine leichte Vibration durchfuhr seine Finger, als wäre etwas Unsichtbares darin gefangen. Etwas, das nicht ganz von dieser Welt war.

Spät in der Nacht lag Gerald in seinem Bett im Gasthof und starrte an die Decke. Seine Finger kribbelten noch immer. Draußen pfiff der Wind eine seltsame Melodie – fast wie eine Kinderweise, gespielt auf einer alten Holzpfeife.

Er schloss die Augen. Irgendwo zwischen Wachen und Schlaf hörte er eine Stimme flüstern:

"Frage…sie erwachen…sie erinnern sich…"

Doch immer wenn er die Augen aufschlug, war nur Stille zu hören.

30. Phex

Der Morgen des 30. Phex brach klar und eiskalt an. Der Schnee der vergangenen Nacht lag wie ein erstickender Mantel über der Landschaft, als die Helden sich nach Pervin aufmachten. Die Reise verlief ruhig, doch Geralds Gedanken kreisten unaufhörlich um die Begegnungen der letzten Tage – die Worte der beiden geisterhaften Gestalten brannten in seinem Gedächtnis wie glühende Kohlen.

Bei Einbruch der Dunkelheit erreichten sie Pervin, wo die Lichter des berühmten Silbernen Adlers, des vornehmsten Gasthofs der Stadt, bereits golden durch die winterliche Abenddämmerung funkelten.

„Gerald, du bist unser bester Verhandler“, sagte einer seiner Gefährten und klopfte ihm auf die Schulter. „Hol uns das beste Zimmer dieses Hauses – wir haben uns heute Nacht ein wenig Luxus verdient.“

Doch im prächtigen Foyer des Gasthofs wartete bereits ein wohlgenährter Händler in seidenen Gewändern, dessen goldberingte Finger ungeduldig auf die Mahagonitheke trommelten.

„Das Penthouse ist mein, Wirt“, schnarrte der Händler, noch bevor Gerald ein Wort sagen konnte. „Ich bezahle das Doppelte des üblichen Preises.“

Gerald rieb sich die Schläfen, versuchte sich zu konzentrieren – doch die Stimmen flüsterten ihm ins Ohr, verwischten seine Gedanken.

„Ich… ich biete drei Nächte zum vollen Preis, auch wenn wir nur eine bleiben“, stammelte er schließlich.

Der Wirt hob eine Augenbraue. „Der Herr Händler bietet das Vierfache.“

Es war ein aussichtsloser Kampf. Geralds Versuche, zu kontern, waren halbherzig, seine Argumente wirr. Schließlich seufzte der Wirt. „Es tut mir leid, junger Herr. Das beste Appartement geht an den Meistbietenden.“

Enttäuscht murmelnd zogen sich Geralds Gefährten zurück, warfen ihm verärgerte Blicke zu. Die normale Zimmer waren zwar immer noch komfortabel, aber bei Weitem nicht das, was sie sich erhofft hatten.

Erschöpft betrat Gerald schließlich sein schlichtes Gemach – und erstarrte.

In dem Sessel am Kamin saß eine Gestalt, in prunkvolle, aber verblasste Gewänder gehüllt, deren einst kostbare Stickereien noch von Macht und Reichtum zeugten. Ihr schmales Gesicht mit den gelben, elfenbeinfarbenen Augen beobachtete Gerald mit einer Mischung aus Neugier und jener unerschütterlichen Selbstgewissheit, die nur jemand besitzt, der sein Leben lang wusste, dass andere auf sein Wort warteten. Die lässige Art, wie sie im Sessel thronte, die Art, wie ihre Finger die Armlehnen umklammerten - alles verriet eine Person, für die Befehle zu geben ebenso natürlich war wie das Atmen. Als sie sich vorbeugte, geschah dies nicht wie einer, der um Aufmerksamkeit bittet, sondern wie jemand, der sie fordernd einfordert.

„Ah, der berühmte Verhandler“, spottete die Gestalt, ihre Stimme ein säuerliches Raunen. „Wie enttäuschend.“

Gerald presste die Lippen zusammen. „Wer seid Ihr?“

Der Fremde lächelte spitz. „Wir waren es, die die Suulak groß gemacht haben. Zahlreich wie die Sterne, mächtiger als die Spitzohren, unser Reich so weit wie das Land selbst.“ Seine Augen funkelten hochmütig. „Bevor die Schlimme Löwin uns aus Kungutzka jagte. Bevor ihr Drachenbrut unsere Seelen an der Blutklippe fraß.“

Gerald spürte, wie sich sein Nackenhaar sträubte. „Ihr seid also auch…“

„Ein Getreuer der Kunga Suula“, vollendete die Gestalt und richtete sich stolz auf. „Die Besten der Suulak. Unsere Namen hallen noch heute durch die Geschichte.“ Plötzlich verdüsterte sich ihr Blick. „Doch sie… sie sah das Ende kommen. Und so opferte sie uns. Riss uns aus der Welt, mit allem, was wir waren.“

Ein Zucken ging durch das Gesicht des Wesens.

„Nacka Rachti lacht über uns. Er nimmt unseren Stolz und macht ihn zu unserer Schande, unsere Stärke zu Schwäche.“ Die knochigen Finger krümmten sich. „Er wird auch dich versuchen, Junge. Er riecht deine Zweifel.“

Dann war die Gestalt einfach… weg. Nicht verschwunden, nicht verblasst – einfach nicht mehr da, als hätte der Raum sie vergessen.

Gerald ließ sich schwer aufs Bett fallen. Draußen klang das Gelächter seines reichen Widersachers herauf, während er im Penthouse seinen Sieg feierte.

Das Blaue Buch brannte gegen Geralds Brust, als er in den Schlaf fiel – nicht wie Feuer, sondern wie eisiges Tiefenwasser, das langsam in seine Lungen kroch. Plötzlich war er nicht mehr im Bett, sondern hoch zu Ross, eingehüllt in einen schneidenden Schneesturm. Sein schwarzer Hengst schnaubte, Dampfwolken aus den Nüstern stoßend, als sie durch die peitschenden Flocken preschten. Am Horizont: Festum. Und die Stadt stand in Flammen.

Goldene Banner wehten an den Masten der Schiffe im Hafen. Die Sonnenlegion. Geralds Griff um die Zügel verkrampfte sich. Die anderen! Er trieb das Pferd an, ritt durch das brennende Stadttor.

Vor dem Goldenen Anker, ihrem Stammgasthof, sprang er vom Pferd. Die Tür war eingeschlagen. Drinnen –

„Gamrik!“

Er saß lässig auf einem umgestürzten Tisch, eine halb entkleidete Bardin auf seinem Schoß. Selbst jetzt, während die Stadt brannte, strahlte er unverwüstlichen Charme aus.

„Ah, Gerald!“, rief Gamrik, als wäre dies ein ganz normales Wiedersehen. „Die Dame und ich diskutierten gerade, ob göttliche Gnade auch für… außergewöhnliche Umstände gilt.“

Ein Rascheln. Gieselhold materialisierte sich plötzlich neben einem Vorhang, den selbst Gerald übersehen hatte. „Die Praioten haben keine Vorwarnung geschickt“, flüsterte er, als wäre dies eine belanglose Feststellung.

In der Ecke hockte Geron und rieb liebevoll sein Schwert. „Feuer ist schlecht für Stahl“, brummte der Krieger traurig.

„Wir müssen zum Hafen!“, befahl Gerald.

Doch als er allein – warum allein? – die Kaimauer erreichte, erstarrte er. Über den Schiffen der Sonnenlegion wehte das strahlende Zeichen Praios’. Kein Krieg – ein Purge.

Er ritt zurück, durch brennende Gassen. Sein Pferd scheute vor den Flammen.

Dann – die Explosion.

Das Goldene Anker existierte nicht mehr. Nur ein Krater, rauchend.

Gerald stieg ab, watete durch Trümmer. Etwas blinkte – Gamriks Rapier, halb geschmolzen. Als er es aufhob, verbog sich die Klinge in seiner Hand, wurde breiter, krumm. Ein Scimitar jetzt.

Dann sah er es – zwischen verkohlten Balken glänzte Gieselholds Dolch, unbeschädigt, als hätte das Feuer ihn verschont. Als Geralds Finger das ihm jetzt vertraute Heft umschlossen, durchfuhr ihn ein seltsames Kribbeln. Vollständig. Jetzt, mit beiden Waffen in seinen Händen, spürte er es deutlich:

Diese Verantwortung.

Diese Aufgabe.

Ein leises Husten. Gieselhold lag unter Balken begraben, sein Gesicht eine blutige Maske. „Ich… ich glaube, diesmal war ich nicht unauffällig genug…“, röchelte er.

Geron lag daneben, sein massiver Körper verbrannt. „Tut… tut nicht so weh, wie man denkt…“, flüsterte er.

Überall lagen sie – halb verbrannt, zerschmettert. Keine Krieger, nur einfache Leute. Ein Mädchen, das nach seiner Mutter schluchzte. Ein alter Bettler, der stumm die verkohlten Reste einer Laute umklammerte.

Der Scimitar in Geralds Hand fühlte sich richtig an.

„Lasst mich…“, flüsterte er, als er sich dem Mädchen näherte. Ein schneller Schnitt – ein letztes Aufzucken.

Frieden.

Der Bettler nickte ihm fast dankbar zu, als die Klinge kam.

Einer nach dem anderen.

Mit jedem Schnitt, mit jedem Stich wurde die Last leichter. Die Schreie verstummten. Nur das Rauschen in seinem Kopf blieb, süß wie ein Lied.

Als er aufblickte, war der Platz still. Nur der Scimitar in seiner Hand, jetzt blutgetränkt – und das Blaue Buch, das plötzlich vor ihm im Schnee lag. Seine Seiten bewegten sich, als würde etwas darin atmen.

Dann – Erwachen.

Gerald setzte sich abrupt im Bett auf. Das Buch lag auf seiner Brust, kühl und ruhig. Morgenlicht strömte durchs Fenster.

Er fühlte sich ausgeruht.

Nein – mehr als das. Gut gelaunt.

Die Bilder des Traums verblassten schon, aber die Empfindung blieb: Diese tiefe, dunkle Zufriedenheit. Als hätte er etwas erledigt. Etwas, das getan werden musste.

Er strich über den Buchdeckel. Irgendwo in seinem Innern flüsterte eine neue Stimme:

„Manchmal ist Gnade schärfer als jedes Schwert.“

Und Gerald lächelte.

1. Peraine

Nach der Nacht im prächtigen Silbernen Adler, dem vornehmsten Haus Pervins, brachen die Gefährten am Morgen des 1. Peraine auf. Leichter Schneefall wirbelte durch die Luft, als sie die Stadt verließen. Gerald fühlte sich seltsam beschwingt – der beste Schlaf seit Wochen, keine Alpträume, nur diese unerklärliche Leichtigkeit in der Brust. Selbst das scharfe Nordwind, der ihnen ins Gesicht blies, konnte seine Stimmung nicht trüben.

Der Weg nach Walden verlief ereignislos. Als sie am Abend das Dorf erreichten, empfingen sie warme Lichterscheine und der Duft von Kräutertee. Während die anderen sich gleich ins Gasthaus begaben, blieb Gerald noch kurz im Hof stehen, das Gesicht in die sanft fallenden Flocken erhoben.

Plötzlich – Kinderlachen.

Er drehte sich um. Da stand er wieder: der untersetzte Fremde mit der Holzpfeife, umringt von einer Schar spielender Kinder. Ein Junge mit wilden Locken klammerte sich an sein Bein.

"Du schaust überrascht," räusperte sich der Fremde und nahm die Pfeife aus dem Mund.

Gerald musterte ihn. "Euer letzter Abschied war... abrupt."

Ein schnaubendes Lachen. "Wir haben nicht viel Zeit. Die Muttersau wühlt wieder im Erdreich – ihr werdet es bald sehen."

"Was bedeutet das?"

Statt zu antworten, tätschelte der Fremde dem Jungen den Kopf. "Mein Sohn Jukkoor. Er war noch klein, als Anshag den Prinzen erschlug." Seine Stimme wurde bitter. "Die Sonnenritter trieben die Eisenritter bis ans Meer. Da mussten wir uns zur Ruhe betten."

Gerald spürte die Wärme des Gasthauses im Rücken. "Ihr sprecht immer von 'wir'."

"Wir sind die Letzten der Kunga Suula," blaffte der Fremde, sein Stolz wie ein Schild. "Die Edelsten unter den Suulak. Unsere Namen..."

"...tragen Gewicht, ja." Gerald unterbrach ihn. "Das habt Ihr schon gesagt. Was wollt Ihr eigentlich?"

Die gelben Augen funkelten. "Hilfe. Ich will..." Seine Stimme brach. "...noch einmal Kinder hören. Riechen. Spüren."

"Und wie soll ich das ermöglichen?"

Der Fremde starrte ihn an, dann auf die spielenden Kinder. Plötzlich wirkte er alt, uralt. "Die Kunga Suula riss uns heraus – nicht nur unsere Leiber. Alles." Seine Hand zitterte um die Pfeife. "Nacka Rachti lacht darüber. Er nimmt unsere..."

"...Stärken und macht sie zu Schwächen, ja." Gerald seufzte. "Ihr wiederholt Euch."

Ein Windstoß fegte durch den Hof. Als der Schnee sich legte, war der Fremde fort. Nur der Junge stand noch da, verwirrt umherblickend, bevor er lachend seinen Spielkameraden nachrannte und auch verblasste.

Gerald rieb sich die Schläfen. Im Gasthaus klangen bereits die Becher und die Stimmen seiner Gefährten. Mit einem letzten Blick auf den nun leeren Hof ging er hinein.

Die Nacht verlief ruhig. Keine Träume, keine Stimmen. Nur das Knistern des Kamins und das ferne Lachen von Kindern draußen im Schnee. Als Gerald am nächsten Morgen erwachte, war die seltsame Begegnung schon fast vergessen – nur der Geruch von Tabak hing noch in seiner Erinnerung.

2. Peraine

3. Peraine

4. Peraine – Ankunft in Norburg

Die letzten Sonnenstrahlen des 4. Peraine 1039 BF vergoldeten die Türme Norburgs, als Gerald und seine Gefährten das mächtige Stadttor erreichten. Der Schnee der vergangenen Tage hatte sich in matschige Straßen verwandelt, über die nun Hunderte von Besuchern strömten. Aus der Stadt drangen fröhliche Musik und der Duft von gebratenen Mandeln herüber.

"Hey, ihr Vier!" rief eine Stadtwache mit wallendem Schnurrbart und winkte sie aus dem Besucherstrom. "Kommt mal her!"

Gamrik strahlte seine charmantestes Lächeln an. "Problem, guter Mann?"

Die Wache musterte sie prüfend. "Namen?"

"Gamrik, Gieselhold, Geron und Gerald", antwortete Gerald und spürte, wie sich seine Müdigkeit mit jedem Wort löste. Die Aussicht auf ein richtiges Bett tat gut.

"Ah, die Erwarteten!" Die Wache klappte seine Wachtafel zu. "Die Obrigkeit hat für euch im Wolfsruh Quartier gemacht - unser zweitbestes Haus! Folgt der Hauptstraße bis zum Marktplatz, dann links." Er zwinkerte ihnen zu. "Und ein schönes Bardenfest euch!"

Als sie durch das Tor schritten, umfing sie das Fest wie eine warme Welle. Gaukler wirbelten durch die Gassen, Barden probierten ihre Instrumente, und über allem lag der verheißungsvolle Zauber der beginnenden Festtage.

Gerald überkam ein seltsames Gefühl. Die fröhliche Menge, die Musik, der Festtagsrummel – alles wirkte plötzlich unwirklich, wie eine Kulisse. Die Stimmen in seinem Kopf waren nicht verstummt. Selbst jetzt, zwischen all dem Lärm und Licht, spürte er sie noch – die Schatten, die ihm folgten, Schritt für Schritt.

Gieselhold, stets der Pragmatische, rieb sich bereits die Hände. "Das Wolfsruh hat immerhin die beste Küche der Stadt, wenn ich meinen Quellen trauen kann."

Gamrik seufzte theatralisch. "Aber bestimmt keine Bademägde wie im Füllhorn."

Geron knurrte leise. "Zweitbestes Bett ist besser als gar keins."

Doch während seine Gefährten sich gleich in den Trubel stürzten, blieb Gerald einen Moment stehen. Irgendwo zwischen den fröhlichen Klängen hörte er ein fernes Flüstern - nicht laut genug, um Worte zu verstehen.